Beim Stadtbummel durch Wolgast entdeckt
Wer den Norden kennenlernen will, gönnt sich eine Wolgast-Auszeit, einen Stop und macht einen kleinen Stadtbummel. Das lohnt sich in Wolgast auf jeden Fall. Mancher bleibt danach auch länger!
Der ideale Beginn für einen Stadtrundgang ist die Kaffeemühle. Das Gebäude erinnert an Omas, eher Uromas Küchengerät ohne Kurbel und beherbergt neben dem Stadtmuseum auch die Touristeninformation. Bei Tourismuschefin Beate Asenov und ihrem Team bekommt man so manchen Tip und auf Wunsch auch einen Stadtführer vermittelt. Das Gebäude selbst gehört zu den letzten vier, die nach dem großen Stadtbrand von 1713 erhalten geblieben sind. Den Brand hat nämlich Zar Peter I. veranlaßt, aus Rache dafür, daß die Schweden Altona abgebrannt haben.Zu finden ist die Kaffeemühle direkt neben dem alten Rathaus, das derzeit rekonstruiert wird. Danach werden die verschiedenen Architekturstile möglichst wieder gezeigt.Nach Abschluß der Arbeiten wird auch wieder der vom Berliner Professor Baer 1936 gestaltete Stadtbrunnen in neuem Glanz erstrahlen. Seine Relieftafeln dokumentieren die Wolgaster Geschichte, wie sie schon im ersten Heft unserer Bürger- und Besucherinformation beschrieben ist.
Die Lange Straße geht es hinunter und man trifft direkt auf das neue Rathaus in der Burgstraße 6, ein Handelshaus aus dem 18. Jahrhundert. Gleich daneben, Burgstraße 5, steht ein dreigeschossiges Giebelhaus, das den Stadtbrand von 1713 ebenfalls überstanden hat. Zwei Häuser weiter in der anderen Richtung befindet sich das Wohnhaus der Familie Runge. Nur ein paar Schritte sind es bis zur Stadtkirche St. Petri, einer spätgotischen Basilika aus dem 18. Jahrhundert. Eine Turmbesteigung sollte man sich keinesfalls entgehen lassen, hat man doch einen phantastischen Blick über die Stadt, den Peenestrom und die Insel Usedom. Nach dem Abstieg lohnt sich ein Blick zu den Restauratoren in der Gruft.
Über die Unterwallstraße mit ihrem urigen Kopfsteinpflaster geht es, praktisch an der ehemaligen Stadtgrenze entlang, hinunter zum Hafen.
In der Kronwiekstraße 45 besucht man das Geburtshaus Philipp Otto Runges. Seit 1997 Museum, erfährt man hier vieles über das sehr kurze aber überaus eindrucksvolle Leben des Künstlers und Begründers der romantischen Malerei.
Der Hafen selbst bietet Sehenswertes für Groß und Klein. Beeindruckend sind die großen Pötte, die hier be- und entladen werden und das geschäftige Treiben.
Wer mag, träumt von den Ländern, aus denen die Schiffe kommen. Wer es eher sachlicher mag, der staunt gewiß über den seinerzeit größten Kornspeicher an der Ostseeküste. Mit 80 Metern Länge und 16 Metern Breite beeindruckt der Fachwerkbau, errichtet 1835 im Auftrag des Kaufmanns Wilhelm Hohmeyer, noch heute. Über die Schloßbrücke geht es auf die Schloßinsel. Schade, daß vom einstigen Schloß nichts geblieben ist. Nur ein Modell ist in der Kaffeemühle zu bewundern. Dafür sollte man sich aber etwas Zeit für das „Blaue Wunder” nehmen, die Brücke über die Peene zur Insel Usedom.
Dieses technische Gerät fasziniert wohl jedermann, zuweilen wird es gar als Kunstwerk gepriesen. Wie dem auch sei, eine Brückenöffnung ist immer wieder ein Erlebnis!
Weiter geht es durch den Museumshafen vorbei an einem alten Speichergebäude zum Dampffährschiff „Stralsund”. Über die Amazonenbrücke, die es eigentlich schon seit 1861 gab, die durch ein Hochwasser 1913 aber zerstört und erst 1997 wieder neu gebaut wurde, gelangt man zurück in die Altstadt. zum Ausgangspunkt unseres Stadtbummels.
Geschichtsstunde in der Kaffeemühle
Es ist schon eigenartig. Wolgast hat eine sehr lange Geschichte, eine durchaus bewegte, nicht uninteressante. Leider sind viele Zeitzeugen zerstört oder an anderen Orten gelandet. Aber: Wolgast hat drei Museen.
Kaffeemühle
Da ist einmal die „Kaffeemühle”. Der Profanbau gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt, überstand den verheerenden Stadtbrand von 1713, war dann kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus mit einer breiten Einfahrtsdiele für Pferdefuhrwerke und einem Getreideboden. Etwa 1840 wurde das Gebäude dann völlig umfunktioniert und beherbergte die Gaststätte „Zur goldenen Traube”. Deren Laterne befindet sich heute im Museum. Der später angefügte Saalanbau wird heute für Sonderausstellungen benutzt. Ansonsten widmet sich die Dauerausstellung der Stadtgeschichte. Von der Frühgeschichte in den Kellergewölben bis zur Handwerksgeschichte auf dem ehemaligen Kornboden und der Galerie unter dem Dach geht es anhand interessanter Exponate durch die Jahrhunderte. Besonders stolz ist Museumsleiterin Barbara Roggow auf die große originale Pommernkarte mit allen Dörfern, Orten und Wappen.
Runge-Haus
Der vielseitigste Künstler des 19. Jahrhunderts und Begründer der romantischen Kunst in Deutschland, Philipp Otto Runge, wurde in Wolgast geboren. Sein Geburtshaus ist seit 1997 das wohl eigenwilligste Museum der Region. Ganz im Sinne Runges, der sich gegen die überkommenen Auffassungen seiner Zeit wehrte, wird dessen Gedankenwelt in einer modernen Ausstellung mit Kopien seiner Werke präsentiert. Man erfährt auch, daß er die Brüder Grimm zur Märchensammlung anregte und mit der Geschichte „Vom Fischer und sien Fru” bereicherte. Seine ornamentalen Scherenschnitte, floralen Motive, Rahmen und Bordüren fanden Eingang in den Jugendstil. Mit seiner Auffassung, Kunst für den täglichen Gebrauch zu schaffen, legte er den ideelen Grundstein für den späteren Bauhausstil. Ihm sind die Doppelkopfkarten ebenso zu verdanken wie seine Farbenlehre, die vom dreidimensionalen Modell der Farbkugel ausgeht. Mit einer Computerinstallation in einem der Ausstellungsräume kann man sich dem Spiel und den Gesetzen der Farben hingeben.
Dampffährschiff Stralsund
Das Dampffährschiff Stralsund im Museumshafen ist mehr als hundert Jahre alt und wohl das letzte noch existierende in Europa, vielleicht weltweit. Als Einendfähre konzipiert, konnten Personen- und Güterwagen vom Festland auf eine Insel und umgekehrt trajektiert werden. Angetrieben wird das Schiff von zwei 100 PS-Dampfmaschinen, von denen eine bereits wieder funktionstüchtig im Schiff eingebaut ist. Eingesetzt war die Fähre zwischen Stralsund und Altefähr auf Rügen, zwischen Swinemünde und der Insel Wollin, als Eisbrecher vor Peenemünde, als Transporter für Hitlers „Wunderwaffenprojekt”. Die geplante Sprengung zum Kriegsende konnten mutige Leute wie der Reichsbahninspektor Kleinert und der Obermaschinist Schmidt verhindern. Von 1986 bis 1990 beförderte die Fähre, von Schleppern bewegt, Eisenbahnwaggons zwischen Wolgast-Hafen und Wolgast-Fähre auf Usedom.Und die schmucken Züge der Usedomer Bäderbahn wären nicht auf der Insel ohne den Museums-Veteran. „Unser Traum wäre, daß das Schiff eines Tages, zumindest für besondere Anlässe, mit Gästen wieder fahren würde”, schwärmt Barbara Roggow. Mit Einbau der zweiten Dampfmaschine könnte das Wirklichkeit werden.