Stand September 2010
Karat an der langen Leine
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In Ahrensfelde wird Rockmusik-Geschichte geschrieben – Tag für Tag. Denn hier, im letzten Haus vor Wald und Wiese, schlägt das Herz von Karat. Diese ostdeutsche Band ist eine der wenigen Erfolgsgruppen weltweit, die über Jahrzehnte begeistert. 2010 konnten sie ihr 35. Bühnenjubiläum feiern.
Seit 25 Jahren sorgt Adelheid Walther, die meist „Adele“ gerufen wird, für den Erfolg von Karat. Dass sie von Ahrensfelde aus die Weichen für die beliebten Deutsch-Rocker stellt, verdankt die Gemeinde keinem geringeren als Dieter-Thomas Heck: „Er riet mir, das Büro mit im Wohnhaus unterzubringen. Er meinte: ‚Adele, Du brauchst keine teure Büroetage in Berlin-Mitte. Du wirst sehen, wer was von Dir will, der kommt ebenso gerne nach Ahrensfelde.’ Heute weiß ich, dass er recht hatte“, erinnert sich Adele Walther schmunzelnd zurück.
Schaltstelle für Mega-Stars
Jedenfalls, einsam in ihrem Souterrain-Büro ist die Erfolgs-Managerin nicht. Ein Gespräch mit der Thüringerin, die ihre Musiker ohne viel Drumherumreden zärtlich-ironisch als „meine Jungs“ bezeichnet, ist deshalb schwierig, weil in einem fort das Telefon klingelt. Schließlich betreut Adele Walther neben Karat noch ihre
„persönliche Freundin“ Ute Freudenberg und den Sänger Wolfgang Ziegler.
Neue Einblicke
Über ihr Privatleben will sie nichts erzählen, doch über Karat gibt sie gerne Auskunft. Gerade ist das Buch „Karat – Über sieben Brücken musst Du gehn“ von Christine Dähn erschienen, ein Muss für Fans der Band.
Adele Walther, Ahrensfelderin seit 1997, berichtet darin, wie sie als Mitarbeiterin der Konzert- und Gastspieldirektion im thüringischen Gera pro Jahr an die 1000 Veranstaltungen organisierte. Ausgerechnet mit Karat gab es Zoff: „Die ließen ein Konzert in Weida einfach ausfallen, weil sie einen Auftritt beim ZDF bekommen hatten. Beim Ersatzkonzert kam Bassist Henning Protzmann erst zehn Minuten nach Beginn!“
Streit in der Band
Bandgründer Henning Protzmann hatte es dann ziemlich schwer, bis ihm die resolute Blondine vergab. Dass sie ihn später als Manager ablösen sollte, klingt fast wie Ironie der Geschichte.
Diese Idee hatten Leadsänger Herbert Dreilich und Gitarrist Bernd Römer. Dem vorhergegangen war der Versuch von Protzmann, Dreilich loszuwerden. „Er wilderte durch die Gegend und ließ nur schlechte Tröpfchen verkommen“, schreibt Adele Walther über den damals 42-jährigen Star in dem neuen Karat-Buch.
1985 löste sie auf Wunsch der Band deren Gründer Henning Protzmann als Manager ab, wenig später trennte sich
Karat von seinem Urgestein.
Einsam in Berlin
Der Umzug „ins große Berlin“ war für das Kind aus dem beschaulichen Gera „wo ich jede Straßenecke kannte“, die „schlimmste Zeit in meinem ganzen Leben. In der großen Stadt kam ich mir völlig verloren vor. Ich verwechselte die riesigen Straßen. Die Prenzlauer Allee sah mir nicht viel anders als die Frankfurter oder Schönhauser Allee aus!“
Dazu kam, dass sie den offiziellen Kulturbetrieb nicht kannte. „Leute, die sich in Gera um mich bemüht hatten, um auftreten zu können, wollten in Berlin plötzlich nichts mehr von mir wissen, weil ich zur Konkurrenz geworden war.“
Kämpferischer Widder
Doch Adele Walther wollte sich nicht unterkriegen lassen: „Ich bin Widder, ein Widder kämpft sich durch!“ Dennoch, bei den West-Konzerten der Devisen-Bringer durfte sie nicht dabei sein, man verweigerte ihr den Pass. Dafür erlebte sie, dass Rock 'n' Roll selbst im braven Osten viel vom Hauch dessen hat, was man ihm andichtet: Wein, Weib und Gesang passen wohl überall auf der Welt bestens zusammen. So kam es, dass die blonde Adele ganz entgegen ihrem Wunsch in der Künstlergarderobe mit barbusigen und auch ansonsten nichts verbergenden DDR-Groupies  Bekanntschaft machte.
Wende als Chance
Die Wende stürzte die Band wie viele andere Künstler der DDR in eine Sinn- und Existenzkrise. Nicht so Adele Walther: „Ich wusste, es würden nur zwei, drei Bands überleben, die wirklich gut sind.
Dazu rechnete ich die Puhdys, City und Karat. Ich sagte der Band: ‚Erst werden die Leute alles, was sie nicht durften oder konnten, ausprobieren. In zwei Jahren wird man sich wieder an die eigene Jugend und an unsere Kultur zurückerinnern. Dann wird unsere Musik wieder gefragt sein.“
Kampf um den Namen
Um zu überleben, mussten Stars Abstriche machen. Die in Ost und West gefragte Gruppe musste nun ihre
Instrumente immer öfter für Autohaus-Eröffnungen und Werbe-Veranstaltungen von Supermärkten aufbauen.
Susanne Dreilich, die Witwe des 2004 nach einem Schlaganfall an Leberkrebs verstorbenen Karat-Stars Herbert Dreilich, begründet in Interviews damit, dass ihr Mann den Namen der Band ohne Wissen der anderen Karat-Mitglieder für sich schützen ließ.
Managerin Adele Walther erinnert sich noch an den fast zwei Jahre währenden Rechtsstreit zurück. „Während dieser Zeit trat die Band als ‚K....!‘ auf, was für uns nicht einfach war.“
Von Ikea zu Karat
Nunmehr sind Karat wieder Karat. Die Stelle von Herbert Dreilich hat dessen Sohn aus früherer Ehe mit  Uta Schnelle, Claudius Dreilich, eingenommen. Ihn hatte der Ruf der Gruppe just in dem Moment ereilt, als er gerade dabei war, als Ikea-Manager die ganz große Karriere in Asien zu machen. „Es war eine schwere Entscheidung“, erinnert er sich zurück.
Adele Walther ist in ihrem
Büro von Urkunden und Goldenen Schallplatten umgeben. Sie denkt daran zurück, wie Herbert Dreilich nach der Wende als „rote Socke“ beschimpft worden ist. „Dabei ist er in Österreich geboren und wuchs in England auf. Er war 18, als er durch den Umzug seiner Eltern nach Ostdeutschland kam. Damit war er als einziger von uns als
Jugendlicher nicht im Osten aufgewachsen und war unbeeinflusst von Jugendorganisation und Prägung durch den Unterricht in einer DDR-Schule.“
2010 feierte Karat das 35. Bühnenjubiläum. Die Band ist heute wieder gefragt wie in den besten Zeiten. Sie tritt vor einem Millionenpublikum bei Shows von Carmen Nebel und anderen Zuschauer-Magneten auf. Erreicht hat das eine kleine Blondine aus der Provinz: Adele Walther schrieb mit Standvermögen, Weitblick, Charme und
manchen kleinen Tricks Rockgeschichte, wie sie nur ganz wenigen Bands gegönnt ist. Das Herz und das Gehirn von Karat schlägt – in Ahrensfelde!
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