Lehrer kämpfte um Raupenzimmer

Seide aus Eiche!

Edle Stoffe aus Ahrensfelde-Blumberg? Auf diese Idee würde heute keiner mehr kommen. Dabei wurde im heutigen Ortsteil Eiche vor nicht allzulanger Zeit wertvolle Seide produziert!
Die Blütezeit dieser ungewöhnlichen Art von Landwirtschaft war vor exakt 200 Jahren. Damals beschäftigte sich der Dorfschullehrer mit dem lukrativen Nebenverdienst. Seine Maulbeer-Sträucher standen auf Blumberger Flur. Die Seidenraupen allerdings hatten keinen festen Platz. Sie waren zwar während der Woche in der Kirche untergebracht. Allerdings, zum Gottesdienst wollte der Pfarrer die exotischen Raupen nicht sehen. Also musste der Lehrer jeden Sonntag in schweißtreibender Arbeit seine unzähigen Seidenraupen aus der Kirche schaffen, sie provisorisch unterbringen und anschließend wieder zurückverfrachten.
Verständlich, dass ein derartiger Aufwand selbst den geduldigsten Schulmeister überfordert. Und so nahm sich Lehrer Haensch ein Herz und wandte sich in einem ausführlichen Schreiben an den König. Da Eiche gerade dabei war, das Schulhaus neu zu bauen, wünschte der Lehrer doch ein Raupenzimmer mit einzuplanen. Und das nötige Kleingeld, immerhin 175 Taler, sollte der König spendieren!
„Der Lehrer bekam sein Geld tatsächlich“, schmunzelt das Ehepaar Hedwig und Hans Meusel. Die beiden geschichtsbegeisterten Rentner waren auf die kuriose Begebenheit gekommen, als sie erforschen wollte, seit wann es eine Schule in Eiche gibt. Da die 300 Maulbeerbäume des Lehrers auf Blumberger Flur standen, konnte der dortige Chronist den entscheidenden Tipp geben. Schließlich gelang es den Meusels, den Brief des Lehrers ausfindig zu machen. In weiterer Detektivarbeit kamen die Ortschronisten von Eiche schließlich darauf, dass ihr Ort seit mindestens 1699 einen Lehrer hatte, der in einem kleinen Gebäude am Eingang zum Friedhof nahe der Kirche alle Jugendlichen in einem Raum unterrichtete.
Eine „richtige Schule“ wurde dann 1803 gebaut, 1804 eingeweiht und 1857 ein Opfer der Flammen. Das neue Gebäude hatte dann zwar kein Raupenzimmer mehr, war aber bis 1973 in Betrieb.
„Anschließend waren darin Wohnungen“, erinnert sich der langjährige LPG-Vorsitzende Meusel.
Er war 1972 mit Kind und Kegel aus seiner thüringischen Heimat gekommen, um den damals maroden Landwirtschaftsbetrieb in die Höhe zu bringen. „Ich hatte mich auf fünf Jahre verpflichtet. Doch wir haben uns so gut eingelebt, dass ich nie mehr zurück wollte!“ Die LPG brachte er damals übrigens wirklich zum Blühen – auch ohne Seidenraupen!

Infos Tel. 0 30/9 33 53 41

Blumenzwiebel-Fachmann Hans Meusel entdeckte, dass in Eiche Seide produziert wurde.

Zu Seidenraupen haben es Meusels noch nicht gebracht.

Hedwig und Hans Meusel kümmern sich um Eiches Historie.

700 Blumenzwiebel

Als Historiker wurden die Meusels erst in den letzten Jahren bekannt. Die Jahre vor der Wende galt ihr Haus in Eiche als Anziehungspunkt für viele Pflanzenliebhaber und Gartenfreunde. Denn Hans Meusel war eine in der ganzen Republik geachtete Koryphäe, wenn es um Blumenzwiebel ging. „Die waren in der DDR Mangelware.“ Meusel züchtete selbst und zog entsprechend die Fans an. Er hatte 700 unterschiedliche Blumenzwiebel im Angebot. Darunter waren allein 300 Tulpenarten! Sein Ruf reichte bis nach Leipzig, wo ein renommierter Fachverlag ein 1200-Seiten starkes, farbig bebildertes Lexikon über dieses Thema unter Meusels Leitung erscheinen lassen wollte. 36 Autoren hatte der Agrar-Fachmann dafür gewonnen, zwei davon aus West-Berlin, weitere zwei waren in der bayrischen Wagner-Festspielstadt Bayreuth ansässig. Und so kam es, dass Meusel ohne eigenes Zutun kurz vor Ende der DDR noch „Reisekader“ wurde. „Das hatte der Verlag arrangiert, ich war total überrascht.“ Allerdings, dem Buch half es wenig, die Wende machte dem Projekt kurz vor Drucklegung den Garaus. Jetzt hat Meusel 20 Aktenordner Fachwissen im Schrank – und weiß nicht, wohin damit!Dafür blüht es im Garten an allen nur möglichen Stellen. 20 Oleandersorten sind schon ein kleiner Rekord, vor allem, wenn ein gelb-blühender darunter ist! Und das nächtste Projekt ist
bereits im Werden: Die Fortführung der Eicher Ortschronik ist fest geplant.