Der Rebell von Lindenberg findet Sicherheit in seiner Mühle

„Politik ist ein Geschäft auf Zeit“

Der „Benjamin“ unter den Bürgermeistern der Amtsgemeinden kann auf stolze zehn Jahre Erfahrung an der Spitze seiner Gemeinde verweisen. Nun wurde der „Rebell von Lindenberg“ erster Bürgermeister der neugebildeten Gemeinde Ahrensfelde-Blumberg.
„Ich bin immer noch der Meinung, dass die einzelnen Amtsgemeinden besser selbstständig geblieben wären. Diesen Kampf geben wir nicht auf“, überrascht der gewählte neue Bürgermeister Wilfried Gehrke noch vor offiziellem Amtsantritt. Dabei würde er dann seinen neuen Posten doch gleich wieder verlieren!
Der 42-jährige CDU-Politiker ist ein echter Lindenberger. „Hier wohnten meine Eltern, hier bin ich aufgewachsen, damals gab es noch eine Schule im Ort“, blickt er zurück. Und in Lindenberg hat der studierte Diplom-Agraringenieur
eine beeindruckende Doppel-Karriere hingelegt. 1991 übernahm er zusammen mit seinem Vater Wilhelm Gehrke die dortige Mühle und spezialisierte sie auf die Herstellung von Tierfutter. „Mittlerweile sind wir einer der ganz wenigen Betriebe, die wirklich noch selbst produzieren.“
Um von „null auf mittlerweile 600 Tonnen“ zu kommen, dauerte es zwar über zehn Jahre. Doch nun sorgt ein Netz von kleineren Abnehmern in Berlin und Brandenburg dafür, dass es Hühnern, Enten, Schweinen und sogar Papageien oder Wellensittichen schmeckt. Etliche der Tiere, die sich vom leckeren Futter aus Lindenbergs Mühle verwöhnen lassen, finden sich übrigens im Tierpark Friedrichsfelde.
Als ob der Aufbau eines Unternehmens in den schwierigen Nachwendezeiten nicht schon kräftezehrend genug war, ließ sich Wilfried Gehrke dazu überreden, als ehrenamtlicher Bürgermeister für seine Gemeinde den Hut ins Rennen zu werfen. Damals, vor zehn Jahren, wurde er trotz seiner jungen Jahre, er war gerade 32 Jahre alt, gleich gewählt: „Mich hat fasziniert, dass man in der Kommunalpolitik noch wirklich etwas bewegen kann und im Dorf einfach sieht, wie die Straße, die man beschlossen hat, tatsächlich gebaut wird.“
Der Parteifreie auf der CDU-Liste entschloss sich nach zwei Jahren in die Union einzutreten: „Man kann nicht nur die Vorteile genießen. Mich verbindet mit der CDU keine Ideologie, sie schien mir einfach die Partei zu sein, die ihre Mitglieder am wenigsten dazu zwang, eine bestimmte Linie zu vertreten“, begründet Gehrke die Entscheidung. Obwohl „der Rebell von Lindenberg“, wie ihn sein Parteichef und Gebietsreform-Motor Jörg Schönbohm einmal titulierte, strikter Gegner erzwungener Gemeindezusammenschlüsse ist, bereut er seine Mitgliedschaft nicht. „Man kann in der CDU eben unterschiedliche Meinungen vertreten.“
Jetzt wartet der erste Bürgermeister der von ihm ungewollten Gemeinde Ahrensfelde-Blumberg auf die Ernennungsurkunde. Dann will er sich dafür engagieren, dass in der Gemeindevertretung über die Parteigrenzen hinweg konstruktiv zusammengearbeitet wird.
„Ganz hohen Stellenwert haben für mich die ehrenamtlichen Ortsbeiräte!“ Die Amtsverwaltung, die nun Gemeindeverwaltung wurde, lobt er als „hocheffizient, gut-geführt und im Vergleich sehr kostengünstig.“ Dennoch will er sich dafür einsetzen, dass sich alle Mitarbeiter stets bewusst sind, dass sie für die Bürger da sind und diese wie Kunden zu behandeln sind. Außerdem will er „eigenständiges Denken und Handeln wie in der freien Wirtschaft“ erreichen.
Beim Dauerstreitthema B158 soll die Landesplanung noch mal geknackt werden und eine Lösung gefunden werden, die sowohl für Eiche und für Ahrensfelde gut ist. „Dass die Umgehung her muss, ist klar. Schließlich gehen die Schätzungen von 60000 Autos täglich aus, die sonst durch Ahrensfelde rollen.“
So konziliant Wilfried Gehrke im Gespräch ist, in einem Punkt lässt er nicht mit sich handeln: „Vom Prinzip des ausgeglichenen Haushalts werde ich nicht abgehen. Man kann nur das Geld ausgeben, das man einnimmt!“
Momentan ist Gehrke dabei, per Notariatsvertrag die Geschäftsführung der Lindenberger Mühle auf seinen Partner Jan Köstner zu übertragen. Haupt-Gesellschafter bleibt er weiterhin: „Politik ist ein Geschäft auf Zeit. Sollte ich, aus welchen Gründen auch immer, dieses Wahlmandat nicht mehr wahrnehmen, möchte ich in meinen Betrieb zurückkehren können.“
Denn Politik ist für Wilfried Gehrke wichtig, die Familie ist ihm aber das wichtigste. Seine „zwei Frauen“, Ehefrau Astrid und die 18-jährige Tochter Anne-Marie haben ihn im Wahlkampf unterstützt.
Mühlenbesitzer Gehrke steht übrigens selbst nicht auf Körner: „Ich esse alles, aber besonders gern Eintöpfe. Obst und Gemüse, eben alles was roh ist, mag ich nicht so sehr!“

Wilfried Gehrke ist der erste Bürgermeister der neugebildeten Gemeinde Ahrensfelde-Blumberg. Nach wie vor ist er für die Eigenständigkeit der früheren Amtsgemeinden.