Gert Kießling feiert 40. Bühnenjubiläum

Stacheln aus Eiche...

Als der letzte Vorhang fiel, ging das Stück erst richtig los. Und erwies sich als ein Dauerbrenner, der nach sage und schreibe 38 Jahren so aktuell wie am ersten Tag ist!
Dennoch kennt kaum jemand die Einzelheiten dieses Erfolgsstücks. Denn es spielt sich zu ganz großen Teilen hinter verschlossenen Türen ab. Irgendwo im Herzen von Eiche!
Das Stück heißt „Meine Frau ist mein größtes Hobby“ und selbst wenn es aus dem Munde eines zungenfertigen Kabarettisten kommt, ist es ohne Hintersinn und ganz ernst gemeint! „Ich war damals frisch am Deutschen Theater. Da fiel mir ein junges Mädchen auf, gut gebaut, hübsch, schöne Rundungen!“
Wer würde Gert Kießling, dem scharfzüngigen Distel-Kabarettisten soviel Leidenschaft und Romantik zutrauen? „Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht geschafft“, bedankt sich der beliebte Bühnen-Star bei Ehefrau Renate Kießling.
Gert Kießling stammt aus Leipzig. „Die Kindheit war meine schwerste Zeit“, erinnert er sich heute. „Ich wuchs bei meiner alleinstehenden Mutter auf, wir hatten kein Geld, nicht mal eine eigene Wohnung!“
Verständlich, dass keine Begeisterung aufkam, als Klein-Gert eröffnete, dass sein Herz fürs Theater schlug. Also begann die Karriere erst mal als Strippenzieher, sprich Fernmeldemonteur. Einen Beruf, den Kießling sofort an den Nagel hängte, als sich die Chance bot, als Bühnenhandwerker am Leipziger Opernhaus das Theater zumindest mal „von hinten“ kennenlernen zu können. Den Durchbruch brachte schließlich seine Bewerbung an der Berliner Schauspielschule: „Die erkannten auf Anhieb mein Talent“, freut sich Gert Kießling noch heute. Die Schauspielkarriere führte nach dem Studium von 1963 bis 1967 an verschiedene Bühnen. Wichtiger Meilenstein war das Thüringer Landestheater Eisenach. „Wie alle jungen Schauspieler wollte ich die großen klassischen Rollen spielen. Allerdings fiel mir auf, dass die Leute gerade dann lachten, wenn ich besonders tragisch sein sollte. Da fühlte ich, dass ich fürs Kabarett geboren bin.“
Den heutigen Distel-Star brachte vor 27 Jahren ein aufsehenserregender Kriminalfall zum Ostberliner Ensemble. „Der damalige Leiter Otto Stark hatte mich in der ‚Kneifzange‘ gesehen und warb mich an, weil ein Distel-Mitglied ausgefallen war. Er war damals als Homosexueller ermordet worden. Kurioserweise passte mir seine Bühnen-Kleidung wie angegossen.“ Wieder mal war Kießling also „zweite Wahl“. Das war schon damals so, als er beim Schultheater erst mitspielen durfte als ein Mitschüler ausgefallen war. Seit 1978 wohnen Renate und Gert Kießling in ihrer Wahl-Heimat Eiche. „Gar manche Distel-Karte half mir, Baumaterial für mein Haus zu organisieren“, schmunzelt der heute 61-Jährige.
Der feinsinnige Humor des ostdeutschen Pendants zu den „Stachelschweinen“ rettete die Ostberliner Kabarettisten über die Wende und verhalf ihnen zu einer Erfolgsgeschichte, wie sie kaum ein DDR-Unternehmen schaffte. „Das Ensemble fand sich zu einer Mitarbeiter-GmbH zusammen. Nach der Wende waren wir international gefragt, spielten in den USA und in anderen Ländern, wo es Interesse an deutscher Sprache gab.“
Fürs Interview hat Gert Kießling kaum Zeit, denn schon wartet die nächste Deutschland-Tournee. Um das große Interesse zu bewältigen, hat sich die Distel zweigeteilt. Zwei Gruppen ermöglichen gewinnbringende Tourneen und zugleich ein volles Haus im Theater in der Friedrichstraße. Die Hektik lässt Gert Kießling wenig Zeit für Höhenflüge. „Ich hatte vor zwei Jahren meinen Pilotenschein für Ultra-Leicht-Flugzeuge gemacht. Das ist eine faszinierende Sache, aber leider fehlt mir nun die Zeit.“ Schweren Herzens hat sich Distel-Mitglied Kießling nun auf noch kleinere Maschinen beschränkt. Seine Eigenbau-Modellflieger kann er in der wenigen Freizeit vor der Türe des Eigenheims in Eiche auf freiem Feld zum rasanten Flug bringen. Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn mal ein paar Disteln im Weg stehen und das Distel-Flugzeug Schrammen aufgrund einer Bruchlandung abbekommt.
Technik-Fan und Großstadt-Kind Gert Kießling ist übrigens ein verkappter „Grüner“. Er ist stolz auf die 150 Gurken, die er trotz aller beruflicher Abwesenheit als Hobby-Gärtner in seinem Gewächshaus ziehen konnte und freut sich über die weiße Schäferhündin Cora, die prächtig mit den Schützlingen der Katzenpension seiner Frau auskommt. Renate Kießling, langjährige Lehrerin, setzt sich seit der Wende als gewählte Gemeindevertreterin für Kultur, Soziales, Senioren und Jugendliche ein. Und stärkt ihrem Mann den Rücken: „Jeden Abend auf der Bühne, das ist ein harter Job“, weiß sie. 2006 kann Gert Kießling sein 40. Bühnenjubiläum feiern. Dennoch sind ihm Starallüren so fremd wie eh und je.

Gert Kießling passten die Distel-Kostüme wie angegossen!

Gert Kießling mit Ehefrau und Hund

Hobby-Pilot Gert Kießling ist auf Modellflugzeuge umgestiegen.

Als Ultra-Leicht-Flieger machte Gert Kießling eine gute Figur.