Von der Handelsmarine ans Steuer der DDR?

Pfarrerin fest im Sattel

Erst wollte sie ein Schiff steuern, dann gleich die ganze DDR! Dabei ist sie die Bescheidenheit selbst und weist die Vorstellung weit von sich, dass mit ihr nun ein ganz neuer Wind im Ahrensfelder Pfarrhaus wehen könnte.
Martina Sieder ist seit August 2005 als Nachfolgerin des in Ruhestand getretenen Pfarrers Bruno Müller nach Ahrensfelde gekommen.

Zum Friedensfest nach Ahrensfelde
Dienstantritt war der 8. August. An diesem Datum wird jährlich an den Augsburger Religionsfrieden als Beginn des friedlichen Miteinanders von Katholiken und Protestanten erinnert! Als die Neue ins Pfarrhaus einzog, jährte sich dieses für die protestantische Kirche wichtige Ereignis exakt zum 450. Mal. Reiner Zufall oder gewollte Symbolik?

Von Naumburg auf die Weltmeere?
Die Naumburgerin, die als Nesthäkchen bei ihrer verwitweten Mutter aufwuchs, wollte ursprünglich, angeregt von den klassischen Sagen von Gustav Schwab, in die große weite Welt. So träumte sie davon, ein großes Schiff sicher durch die Weltmeere zu navigieren. Doch die DDR-Seefahrt konnten mit der Bewerbung des hübschen schwarzhaarigen Mädchens aus dem etwas abseits der Ozeane liegenden beschaulichen Städtchen Naumburg wenig anfangen. „Die schlugen mir stattdessen eine Lehre als Bedienung oder Zimmermädchen vor“, ärgert sich Martina Sieder noch heute. Der alternative Studienwunsch Psychologie ließ sich ebenfalls nicht umsetzen. Also wurde Bücherwurm Martina Bibliothekarin. „Ich machte eben dieses Hobby zum Beruf!“
Der Umgang mit den Lesern, wechselnde Orte, wo der Bücherbus schon erwartet wurde, ein bisschen navigieren war es ja, wenn auch nicht auf den Weltmeeren, so zumindest durch die südliche DDR um Leipzig herum. Dass Martina Sieder heute in Ahrensfelde ist, „verdankt“ sie einem Schicksalsschlag. „Ich war mit einer lebensgefährlichen Erkrankung in der Klinik. Mangels Platz hatten sie mich in ein Sterbezimmer verfrachtet!“

Liebe im Wohnheim
Für die neue Pfarrerin von Ahrensfelde war das der Anlass, über ihr Leben nachzudenken. „Ich wollte mehr wissen und kam zum Entschluss, Theologie studieren zu wollen.“ Im Wohnheim schlug das Schicksal zu. Die große Liebe zwischen ihr und Klaus-Dieter Keim, den es als Physiker in das neue Studium verschlagen hatte, mündete bereits vier Wochen später in den Hafen der Ehe. „Noch während des Studiums bekam ich meine beiden Kinder Franziska, heute 23, und Christoph, der jetzt 21 Jahre alt ist.“

Im Dunstkreis der Politik
Mittlerweile gärte es in der DDR immer mehr. An der Berliner Humboldt Universität lernte das Pärchen Personen wie den oppositionellen Pfarrer Wolfgang Ullmann oder den Theologen Richard Schröder kennen. Das Ehepaar gehörte schließlich zum Kreis der Gründer der Ost-SPD. Statt von einem Handelsschiff träumte man nun wenige Wochen davon, die ganze DDR in ein neues Fahrwasser zu bringen! Die Nachwende-Zeit war schwierig, „zeitweise musste ich mit meiner halbe Stelle in der kirchlichen Jugendarbeit die ganze Familie durchbringen. Da hieß es wirklich, den Pfennig mehrmals umzudrehen!“

Zwölf Babysitter
Schließlich verschlug es Klaus-Dieter Keim ins entfernte Hannover. Er wurde Referent für Grundsatzfragen bei der EKD und war mit der Vorbereitung der Weltausstellung Expo 2000 beschäftigt. Ehefrau Martina blieb mit Töchterchen Catharina in Potsdam, kümmerte sich dort um Jugendgruppen und sammelte Erfahrungen mit Religionsunterricht. „Ich hatte zwölf Babysitter im Rundumeinsatz, schließlich spielt sich Jugendarbeit größtenteils abends ab, wenn keine Kita mehr geöffnet ist!“

Unterwegs auf zwei Rädern
In Ahrensfelde möchte sie erst mal zuhören und alles kennenlernen. Während Catharina, mittlerweile zwölf Jahre alt, sich freut, hier ihrem Hobby auf dem Rücken der Pferde fröhnen zu können, drückt Mama Martina den Sattel ihres Zweirads und navigiert, von Ahrensfelde nach Mehrow, und zurück. Das frühere Fernweh ist ihr mittlerweile abhanden gekommen: „Immanuel Kant ist ja auch nie aus Königsberg hinausgekommen“, begründet sie, warum sie für ihr „Hobby lesen und denken“ die Grenzen ihres neuen „Reichs“ nicht verlassen muss. Übrigens ist die neue Pfarrerin alles andere als weltabgewandt. „Der Umgang mit Menschen macht mir Spaß. Ich komme mit Personen in jedem Alter gut zurecht. Man kann
immer etwas lernen.“

Infos Tel. 0 30/9 33 93 35

Martina Sieder „erobert“ sich ihre Kirchengemeinde auf zwei Rädern.

Im Pfarrhaus werden Briefe noch von Hand geschrieben.

Die Naumburgerin hat sich im neuen Pfarrhaus bestens eingelebt.

Nesthäkchen Catharina liebt alles, was nach Pferd aussieht.

Beim Studium fand Martina Sieder ihre große Liebe. Die kleine Franziska bekam in Christoph schnell ein Brüderchen.