Stand Februar 2012
Für die Jugend geht die Post ab
Wenn in Berlin-Buch für den Nachwuchs die Post abgeht, ist das ganz oft einem richtigen Postboten zu verdanken!
Christian Pischel lernte Berlin-Buch als Postbote ganz genau kennen. Das kommt ihm heute im Umgang mit dem Nachwuchs ziemlich oft zu Gute. Schon wenn jemand die Adresse sagt, hat er das entsprechende Haus vor Augen.
Nach dem Zivildienst hat der heute 29-Jährige sein Postfahrrad in die Ecke gestellt und sich vom Reiz der vielen hungrigen Schlitze an den Briefkästen verabschiedet. Er ist nun einer der „Berufs-Jugendlichen“, die sich als Mitarbeiter des Vereins „Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V.“ für den Nachwuchs im Ort engagiert.    
Spieglein an der Wand
Christian Pischel kümmert sich zusammen mit Steffen Kopf um den „Würfel“, der nach langer wechselvoller Geschichte nun in der Wolfgang Heinz Straße 45 für den jüngeren Nachwuchs da ist. „Unsere Besucher sind zwischen sechs und 13 Jahre alt. Wir bieten im „Würfel” einen Rückzugsraum, ebenso aber viele Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung. Dazu gehören Breakdance, Basteln, ein Tanzraum mit einem großen Spiegel, der vor allem den Mädchen viel Spaß macht und zwei Rechner, mit denen man ins Internet kann.“
Mütze für jede Jahreszeit
Als Ex-Postbote liebt Christian Pischel die frische Luft und freut sich deshalb immer darauf, im neuen „Abenteuer- und Archäologiespielplatz Moorlinse“ nach dem Rechten zu sehen. Auf dem 8 000 Quadratmeter großen Areal entlang der Bahnschienen hat „Martyn“ Sorge den Hut auf, und das ist ziemlich wörtlich zu nehmen. Denn der 50-Jährige ist nicht mal fürs Foto bereit, seine Mütze abzunehmen. Nun ja, im Winter ist es vielleicht zu kalt, aber was macht er bei Hitze in der warmen Jahreszeit? „Dann habe ich meine Sommermütze“, beugt der Vater von drei Kindern im Alter von drei, 17 und 20 Jahren jeder Sorge vor, unbedeckten Hauptes erscheinen zu müssen. Bis jetzt hat der Spleen wohl keinen Vorbildcharakter, die Kinder und Jugendlichen auf dem Platz haben sich jedenfalls von Sven-Martin Sorge, wie „Martyn“ richtig heißt, noch nicht anstecken zu lassen.  
Wirbel im Prenzl' Berg
Das Gelände ist noch entwicklungsfähig, das weiß auch Schirmherr Sorge. Er ist als einer von vier Vorstandsmitglieder in dem „alternativen“ Verein in Berlin-Buch sozusagen sein eigener Chef. Vorher sammelte er am In-Spielplatz „Kolle 37“ 20 Jahre Erfahrung, bis es ihn vom Prenzlauer Berg nach Berlin-Buch verschlug. Sven-Martin Sorge gehört zu den Pionieren der alternativen Jugendbetreuung. An sich ist er gelernter Elektroniker. Selbst noch Jugendlicher, setzte er sich mit Gleichgesinnten für die Gleichberechtigung von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen ein, was nicht auf Begeisterung bei den Trägern der offiziellen Pädagogik in der DDR gestoßen sein dürfte. Spielaktionen, Bauspielfeste, die Idee einer Spiellandschaft in Ostberlin, Scheesenrennen mit alten Kinderwagen, Zirkus und Theater an öffentlichen Plätzen sollten Eltern und Kinder zusammenbringen und der Kreativität und Improvisation freien Lauf lassen.  
Im Angesicht der alten Germanen
Vieles spielte sich um den Kollwitzplatz ab, wo der Verein dann gleich 1990 den „Abenteuerlichen Bauspielplatz Kolle 37“ ins Leben rief, wo Sorge nach eigenen Angaben 20 Jahre aktiv war. Offenbar sind ihm darüber manch graue Haare gewachsen. Seit der Eröffnung des neuen Areals für den Nachwuchs von Berlin-Buch im Sommer 2009 ist er im nördlichsten Teil von Berlin aktiv.
Ursprünglich hat die Moorlinse durch Ausgrabungen auf sich aufmerksam gemacht.
Bekanntlicher Weise wurde hier eine 5 000 Jahre alte Germanen-Siedlung gefunden. Davon bezieht der Archäologie-Teil des Abenteuerspielplatzes aber weniger seine Impulse. „Bei uns geht es um praktische Archäologie. Das
bedeutet, dass die Jugendlichen mit Werkzeugen von früher arbeiten und Häuser bauen, wie sie unsere Ururahnen gehabt haben könnten. Wir setzen Arbeitstechniken von der Steinzeit bis zum Mittelalter ein“, erläutern „Martyn“ Sorge und Christian Pischel.
Mittlerweile gibt es Ansätze eines kleinen Dorfs. Darunter sind einfache Häuser, ein Getreidespeicher und die Schmiede, die allerdings mit ihren Werkzeuge eher an die Zeit von vor gut hundert
Jahren als an die alten Germanen erinnert. „In erster Linie geht es ums Erleben, um den Erfolg, wie man mit den eigenen Händen etwas schaffen kann und weniger um Geschichtsunterricht“, begegnet Sorge der Sorge, es könne in der Archäologie zu wenig Geschichte stecken.
Familien auf den Spielplatz
Den anwesenden Jugendlichen macht es jedenfalls sichtlich Spaß, die Enge des Kinderzimmers für einige Stunden gegen die Weite des Spielplatzes einzutauschen. Sie gehen mit Engagement und teilweise schwerem Gerät ans Werk, um Häuser zu bauen oder Holz fürs Lagerfeuer zu spalten. Die Eltern werden gerne mit einbezogen: „Mein Vater hat in seiner Firma entdeckt, das dort viele Paletten übrig sind. Er würde sie auf den LKW packen und herbringen. Wäre das was?“ Klar, dass „Martyn“ Sorge sich freut, mit dem Holznachschub eine Sorge los zu sein zu haben.
Nun soll der Bucher Abenteuer-Spielplatz sogar zu einem Modellprojekt werden. Die Macher hoffen, neben den Kindern die Eltern zueinem Besuch bringen zu können.
„Wir werden hier Naturerfahrungsräume für Familien schaffen, wo man als Großstadtbewohner wieder erfahren kann, was unsere Umgebung so alles zu bieten hat.“
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