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Was treibt einen jungen Mann dazu,
plötzlich seine eigene Mutter zu töten?
Was bringt einen hochrangigen NS-
Funktionär dazu, dass er „ausrastet“
und  ein Blutbad anrichtet?

Es sind die ganz besonderen Kriminalfälle,
die Rosemarie Pumb zur „Miss Marple von
Berlin-Buch“ werden ließ. Dazu stöbert sie
in oft weit entfernten Archiven, studiert alte
Vernehmungsprotokolle und
kriminalpolizeiliche Unterlagen, um heraus
zu bekommen, was die Hintergründe von
spektakulären Bluttaten in ihrer
unmittelbaren Umgebung waren.  

Engagement für Behinderte

Die heute 82-jährige Rentnerin hat in ihrer
Jugend Psychologie studiert. Das Interesse
an den Geheimnissen des menschlichen
Geists hat sie nie losgelassen. Während
ihres Berufslebens hat sie im Auftrag des
Ostberliner Magistrats Pionierarbeit bei der
Rehabilitation psychisch Kranker und
Hirngeschädigter geleistet. Auf sie gingen
21 geschützte Werkstätten und viele
„geschützte Einzelarbeitsplätze“ für diese
Patientengruppe zurück.

Brisante Unterlagen

An ihrem Heimatort Berlin-Buch machte
sie sich mit dem Rentenalter an die
Erforschung der Frage, inwieweit die
Kliniken am Ort aktiv bei dem
Euthanasieprogramm der Nazis mitgewirkt
haben. Sie studierte nach eigenen
Angaben 50 000 Sterbeakten und fand
heraus, dass manche selbst in der DDR
hochdekorierten Chefärzte von Berlin-Buch
sehr bereitwillig bei der grausamen Tötung
von Menschen mit psychischen
Krankheiten in allen damaligen fünf Bucher
Krankenanstalten mitwirkten. „Vielfach
bedrängten mich deren Familien, die
Namen der Täter nicht zu veröffentlichen“,
gibt sie Einblick in den Druck, dem sie
durch ihre Arbeit mitunter ausgesetzt ist.
Im Kampf gegen das Vergessen hat sie
teilweise sehr brisante Unterlagen. Zudem
engagierte sie sich für das Mahnmal für die
Opfer der Euthanasie, das 2012 vor dem
Dr.-Heim-Krankenhaus aufgestellt wurde
und das „Denkzeichen“ in der Schwane
becker Chaussee 50. Nun strebt sie ein
weiteres Mahnmal auf dem beliebten
Wanderweg zwischen Buch und Gorinsee
an, um die Geschichte bei Ausflüglern und
Erholungssuchenden wach zu halten. Ein
neues Projekt „Kinder für  Kinder“, soll  an
über 100 in Buch verstorbene Kinder von
Zwangsarbeitern erinnern, die oftmals nicht
mal zwei Jahre alt wurden.

Mord im Krankenhaus

Seit zwei Jahren geht sie der Frage nach,
wie mit spektakulären Gewalttaten
umgegangen wurde. So stieß sie auf den
Fall von Erich Giesemann, der aufgrund
seiner Gehirnschädigung mit 20 Jahren
gerade mal den Intelligenzstand eines
Sechsjährigen hatte. Dennoch ist unklar,
warum er am 22. Juli 1934 total ausrastete
und seine Mutter, die ihn stets liebevoll
gepflegt hat, tötete. Noch spektakulärer war
der Fall eines Fleischerehepaars aus dem
Prenzlauer Berg. „Der Mann war vor dem
Vorfall schon mal kurz psychiatrisch
behandelt worden. Die Ärzte hatte ihn dann
als harmlos entlassen. Doch er war wohl
krankhaft eifersüchtig. So kam es, dass er
seine Frau in der Lungenklinik von Berlin-
Buch „besuchte“ und dort brutal mit einem
Fleischermesser tötete.

Tod aus Versehen

Manchen Fall konnte Rosemarie Pumb bei
ihren Recherchen ziemlich schnell
aufklären. „So hat man lange über den Tod
von Frau Lüsch aus dem Röntgentaler Weg
gerätselt, die kurz nach Kriegsende ums
Leben kam. Dieser Fall interessierte mich,
weil wir damals in der Nachbarschaft
wohnten“, gibt Rosemarie Pumb Einblick.
„Ich fand heraus, dass sie von
angetrunkenen sowjetischen Soldaten
bedrängt worden war. Sie rief vom Balkon
aus um Hilfe, da schoss einer der Soldaten
vom Garten aus. Sicher wollte er nur Angst
machen, doch die Kugel traf die Frau so
unglücklich, dass sie sofort verstarb.“ Mit
dieser Aufklärung tat sich „Miss Marple
von Berlin-Buch“ keinen Gefallen, denn
nun eignet sich der Fall nicht mehr für ihre
Zusammenstellung von „psychiatrischen
Bluttaten“.

Amoklauf

Statt dessen bereitet ihr der Fall eines
hochrangigen NS-Funktionärs immer noch
Kopfzerbrechen. Er stammte aus Ulm und
hatte sich immer damit gerühmt, in den
1920-er Jahren zum persönlichen Umfeld
von Hitler gehört zu haben. Als er eine
Bucherin aus gutem Haus heiraten wollte,
waren die Eltern strikt gegen diese
Verbindung. „Schließlich haben sie ihre
Tochter wegen der Heirat sogar enterbt“,
hat Rosemarie Pumb herausgefunden.
„Wahrscheinlich wussten oder ahnten sie
von seinen heimlichen Abgründen und
psychischen Schwierigkeiten“, so
Rosemarie Pumb. Das Ehepaar mit drei
Söhnen wohnte 1935 in der ehemaligen
jüdischen Erb‘schen Villa in der
Zepernicker Chaussee, die damals
Stützpunkt des Reichsarbeitsdienstes war.
Als Friedrich B. zur psychiatrischen
Behandlung eingewiesen werden sollte,
sorgte er, bewaffnet mit zwei Pistolen, für
ein Blutbad. Er schoss im Hof wild um
sich, tötete dabei seinen Hausarzt und
verletzte einen Mitarbeiter schwer.
Schließlich brachte er sich selbst um. Was
blieb war ein Abschiedsbrief an Hitler.
„Lange Zeit wollte man das mit dem
Röhm-Putsch in Zusammenhang bringen,
doch dagegen spricht, dass sich die NSDAP
nach dem Vorfall sehr um die Familie
bemühte“, hat Rosemarie Pumb
herausgefunden. Während die Miss Marple
von Agatha Christie ein wenig schrullig ist
und ihre Kriminalfälle eher aus Zufall,
Neugierde und ein wenig sogar aus
Langeweile löst, geht es bei Rosemarie
Pumb darum, psychische Probleme, zu was
sie führen und wie die Umwelt darauf
reagiert, ans Tageslicht zu bringen. „Mir
ging es um die Frage, wie damals mit
Tätern, die man aufgrund von
Unzurechnungsfähigkeit nicht regulär
verurteilen konnte, umgegangen wurde.
Dabei stieß ich leider darauf, dass dabei die
Ärzte ebenfalls als Henker wirkten“,
begründet die Bucherin ihr Interesse an
diesen spannenden Fällen. Sie selbst hatte
als Kind in Berlin-Buch das Grauen um die
Kliniken hautnah erlebt und erfasst. Sie sah,
wie ein Kind aus der näheren
Verwandtschaft, das ein Down Syndrom
hatte, den Eltern unter einem Vorwand
weggenommen wurde und kurz darauf tot
war. Ihrer Beschäftigung mit dem Thema
Euthanasie ist es zu verdanken, dass wir
von mehr als 8 000 Toten wissen, die in den
Kliniken von Berlin-Buch zu Tode kamen.
„Viele davon ernährte man so schlecht,
dass sie verstarben“, fand sie heraus. Die
genannten Kriminalfälle sind also nur
besonders spektakuläre Ereignisse, die aber
helfen sollen, sich für die Schicksale zu
interessieren. Ihr großes Engagement fand
nun sogar deutschlandweite Anerkennung:
Rosemarie Pumb bekam 2013 das
Bundesverdienstkreuz, was ihr in ihrer
ehrlichen Bescheidenheit aber fast schon
peinlich ist!

Infos: 

Tel. 0 30/9 49 75 19

Auf den Spuren mysteriöser Fälle

Stand Februar 2014

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