Musik mit Engelsgeduld und Fingerspitzengefühl

Singen mit allen Körperteilen

Wer denkt, singen hätte nur was mit der Stimme zu tun, kann sich mächtig täuschen. Denn in Buch im Gemeindehaus gleich gegenüber der Kirche wirken alle Körperteile mit, wenn „Chorprobe” ist. Andrea Kulin beweist eine Engelsgeduld, wenn einmal in der Woche ein knappes Dutzend Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren für eine Stunde Stimmkraft und
Gehör proben wollen oder sollen. Schließlich ist die 38-Jährige selbst Mutter von drei Kindern. Ob die kleinen Kulins ebenso quirlig durch die Wohnung wirbeln wie ihre Sänger? „Das würde ich nicht den ganzen Tag durchstehen”, schmunzelt sie.
Als neue Kantorin hat sie den renommierten Chor der evangelischen Gemeinde mit übernommen. 60 Erwachsene im Alter von 20 bis 70 Jahren sorgen mit verschiedenen Auftritten für viel Lob.
Dazu gehören die Begleitung eines Gottesdienstes im Monat, mehrere Konzerte im Jahr sowie eine jährliche Chorfahrt. „Unser Problem ist die hohe Fluktuation. Erfahrene Chormitglieder ziehen weg, neue Sänger kommen erfreulicherweise dazu. Es ist so aber schwer, einen hohen Standard zu halten. Wir können schließlich nur einmal die Woche proben, weil die meisten berufstätig sind.” Um Nachwuchsproblemen aus dem Weg zu gehen, rief Andrea Kulin Anfang 2007 den Kinderchor ins Leben. Die Mehrheit der Teilnehmer sind außer zwei Jungs alles Mädchen. „Über weitere Kinder würde ich mich sehr freuen“, wünscht sich Andrea Kulin, dass ihr Chor anwächst.
Sie selbst fand ebenfalls als Kind zur Musik. Bereits mit sieben setzte sie sich ans Klavier, „das war das einzige Instrument, das bei uns zuhause rumstand!” Ihr Lehrer war zufällig Kantor der Kirche im rumänischen Brasov, zu deutsch „Kronstadt“. So war es zur Orgel nicht weit. Während die Altersgenossen die Disko stürmten, verliebte sich Andrea Kulin in die Musik von Johann Sebastian Bach.
Verwandte in Baden-Württemberg ermöglichten dem Mädchen aus Siebenbürgen das Studium der Kirchenmusik in Trollingen. Natürlich sang sie dort im Chor mit – und fand auf diese Weise ihr persönliches Glück. Ausgerechnet bei der 8. Symphonie von Gustav Mahler kamen sich der Physiker Wolfgang Braun und Andrea Kulin 1993 näher. Da Braun in Berlin arbeitet, zog das seit 1996 verheiratete Paar dorthin um.
Nun teilen sich Karow und Buch die engagierte Kirchenmusikerin. Ihr verdanken die musikinteressierten Bewohner das jährliche Weihnachtskonzert in der markanten Schlosskirche von Buch sowie mehrere Gastkonzerte, die sie mit viel Fingerspitzengefühl organisiert.
„Ich möchte dabei gerne neue Akzente setzen und zeitgenössische Kompositionen mit berücksichtigen”, beschreibt sie ihren neuen persönlichen Ansatz. Auf diese Weise kommt die
Region immer mehr in den Genuss musikalischer Raritäten. So waren beispielsweise Werke von Peter Planyavsky zu hören. Der Organist am Wiener Stephansdom und Leiter der Abteilung Kirchenmusik an der Musikhochschule in der österreichischen Metropole ist für seinen feinen Humor bekannt. So machte er immer wieder mit parodistischen Kompositionen von sich reden.
Mit 47 Jahren noch sehr jung und dennoch von Kennern geschätzt ist Professor Matthias Drude. Sein sogar auf CD erhältliches Oratorium wurde ebenfalls in Buch aufgeführt. Die bescheiden auftretende Kantorin verhilft Buch so mehrmals im Jahr zu einem hochwertigen Konzert, das über die Region hinaus Liebhaber anzieht. Bis die kleinen Sänger dabei auftreten können, wird es wohl noch ein wenig dauern. Langeweile wird bei den Proben aber kaum aufkommen, denn das Interesse von Andrea Kulin geht weit über die Kirchenmusik hinaus.
Dank eigener Jugenderfahrungen und „Erziehung” durch ihre Kinder Jakob, 10, Josef, 8, und Maria, 2, schätzt sie Bands wie die Beatles, Abba, Queen und Sänger wie Chris de Burgh und Xavier Naidoo, der sich als R'n'B-Interpret und Mitbegründer der Band „Söhne Mannheims” hervortat.

Infos: Tel. 0 30/45 97 20 30

Im Schatten der markanten Schlosskirche von Alt-Buch kommen die Lieder so richtig gut über die Zunge.

Bereits als Jugendliche fand Andrea Kulin in ihrer Heimatstadt Kronstadt in Siebenbürgen zur Orgel. Heute spielt sie besonders gerne in der Schlosskirche von Buch.