In Buch sind die Wurzeln eines einzigartigen Kunstarchivs

Siegeszug um die Welt

Mit ihren Kinderbüchern verzauberte sie in der DDR Millionen. „Der kleine Angsthase“, „Die kleine Schildkröte“ und 21 weitere Werke faszinierten ganze Generationen von Kindern. Nun treten diese zeitlosen Bände von Buchs Nachbargemeinde Schwanebeck aus den Siegeszug rund um die Welt an.
Zu verdanken ist dies Patrick Graetz, der seit 1985 in Buch wohnte und dort ein beachtliches Kunstarchiv aufbaute. Es ist den Werken seiner Mutter Elisabeth Shaw und seines Vaters René Graetz gewidmet. Elisabeth Shaw wurde 1920 in Irland geboren, lebte in England und lernte dort den deutschen Maler und Bildhauer René Graetz kennen, der zuvor in Frankreich und Südafrika gelebt hatte.
1944 heirateten die beiden und siedelten 1946 nach Berlin und dann in die DDR über. Wie viele andere sozial-orientierte Künstler und Intellektuelle wollten sie sich für den Aufbau des neuen Deutschland engagieren. Dazu gehörte beispielsweise auch Bertholt Brecht, für den Elisabeth Shaw 1958 einen Gedichtband illustrierte. Wichtige DDR-Presseorgane, darunter das „Neue Deutschland“ oder das Satiremagazin „Eulenspiegel“, druckten ihre Karrikaturen ab. Bildhauer René Graetz erhielt wichtige öffentliche Aufträge. So sollte er den Gedenkstein am KZ Buchenwald fertigen.
Allerdings ergab sich mit der Zeit eine wachsende Distanz zum herrschenden Kunstverständnis. Der Henry-Moore-Schüler Graetz entwickelte sich immer mehr in Richtung abstrakter Darstellung und geriet dadurch in Konflikt mit dem verordneten „Sozialistischen Realismus“.
Und die sanfte zurückhaltende Elisabeth Shaw entdeckte ebenfalls immer mehr Unterschiede zwischen ihren Ansichten und der offiziellen DDR-Sicht auf die Dinge der Welt.
Zum Ventil, um weitgehend ohne Ärger mit den Oberen arbeiten zu können, wurden für sie Kinderbücher.
„Dass sie damit die Herzen ganzer Generationen erobern würde, hätte sie allerdings nie gedacht“, erinnert sich Sohn Patrick Graetz zurück. In den Büchern für die Kleinen lebte die häusliche Welt der Familie weiter: „Ich erkenne viele unserer Einrichtungsgegenstände darin“, berichtet der heute 53-jährige gelernte Erzieher. So sind die beiden Kinder in der Wanne, die sich die Haare nicht waschen lassen wollen, ganz klar Patrick Graetz und seine Schwester Anne Schneider.
Der Bucher begann 1992 nach dem Tod seiner berühmten Mutter, ein Kunstarchiv aufzubauen, das sich mit den Arbeiten seiner Eltern beschäftigt.
Nur dadurch können die 24 zeitlosen Kinderbücher nun einen weltweiten Siegeszug antreten. Denn im Archiv sind die Originalzeichnungen der Mutter fast komplett vorhanden.
So können nun Kinder in immer mehr Ländern die Abenteuer von Mäusen und Hasen, Schildkröten und vielen anderen kindernahen Figuren nachlesen.
„Jüngst haben sogar die Koreaner ein Buch meiner Mutter aufgelegt“, schmunzelt Patrick Graetz, der vor ein paar Wochen umgezogen ist: Nun findet sich das Kunstarchiv einen Steinwurf von der Berliner Stadtgrenze.

Elisabeth Shaw verzückte mit ihren Kinderbüchern die Welt. Der Tomatenstrauch am Fenster findet sich in ihren Büchern wieder.

Sohn Patrick Graetz verhilft den beliebten Kinderbüchern seiner Mutter weltweit zum Durchbruch.

Die Arbeiten von René Graetz entsprachen nicht dem Sozialistischen Realismus der DDR.