Stand Obtober 2012
Schiedsrichter bei Olympia
Wer lässt sich schon gerne bei der Arbeit über die Schulter sehen? Mancher wird bereits nervös, wenn eine oder zwei Personen ihre Blicke schweifen lassen. Ein Bernauer muss damit leben, dass 20 000 fachkundige Fans vor Ort und Millionen vor den Fernseh-Bildschirmen über seine Arbeit wachen!
Damit kann sich der Bernauer Robert Lottermoser bestens arrangieren. Der 36-Jährige ist trotz junger Jahre ein welt-weit geschätzter Basketball-Schiedsrichter.  
Für Olympia ausgesucht  
Zu seiner eigenen Überraschung wurde er vom Basketball-Weltverband „Fiba“ für Olympia 2012 nominiert. „Wir waren insgesamt 30 Schiedsrichter. Aus Europa kamen nur zwölf Unparteiische“, verweist er auf die hohe Ehre.
Der Bernauer war zweitjüngster Schiedsrichter und für insgesamt acht Spitzenspiele zuständig.
Darunter war das Gruppenspiel Brasilien gegen den europäischen Favoriten Spanien, das überraschend Brasilien mit 88 zu 82 gewann. Lottermoser war für das Spiel der Gastgeber Großbritannien gegen Australien zuständig, das von großen Emotionen umrahmt war und von den Olympia-Gastgebern mit 75:106 verloren wurde.  
Verantwortlich fürs Halbfinale
„Höhepunkt war das Halbfinale Argentinien gegen die USA, das die Amerikaner klar gewinnen konnten. Sie bekamen schließlich die Goldmedaille, gefolgt von Spanien und Russland, das Bronze gewinnen konnte“, blickt der Bernauer auf seine aufregendsten drei Wochen zurück. „Zu den Besonderheiten in London gehörte, dass die ganze Stadt im Olympia-Fieber war. Überall spürte man eine tolle begeisterte Stimmung!“
Olympia aus Ingenieurs-Sicht
Robert Lottermoser ist also voll des Lobes für Olympia 2012 in London. „Die Veranstalter hatten sich ein Beispiel an München 1972 genommen. Damals waren die Anlagen alle so gebaut worden, dass sie anschließend öffentlich zu nutzen waren. Diesen Gedanken hatte man in Athen nicht. Dort verfallen nun die riesigen Stadien, weil es dafür gar keine Veranstaltungen in dieser Größenordnung gibt. In Peking wird das ähnlich passieren. In London hingegen wird das Olympia-Gelände nach den Paralympics teilweise wieder zu einem grünen Park zurückgebaut. Die Anlagen sind oft so, dass sie woanders weiterverwendet werden können. Die Basketball-Halle für 20 000 Besucher soll beispielsweise nach Rio de Janeiro umziehen, um dort für Olympia 2016 zur Verfügung zu stehen. Das Hockeystadion wird komplett abgebaut, andere Hallen werden so verkleinert, dass sie im normalen Sportbetrieb genutzt werden können. Es wird nichts sinnlos verfallen. Aus Ingenieurssicht ist diese Konzeption hochinteressant“, schwärmt der Bernauer. Man darf ihm glauben, dass er sich hier auskennt, ist er doch studierter Bauingenieur. „Vor dem Studium habe ich eine Lehre als Facharbeiter für Beton- und Stahlbetonbau gemacht, da ich die praktische Seite ebenfalls kennenlernen wollte.“
Zu Hause in Bernau
Robert Lottermoser ist in Buch geboren, in Schwanebeck aufgewachsen und wohnt seit 2004 in Bernau. Er schätzt seine helle Dachgeschoss-Wohnung in einem ansonsten Büros und Praxen vorbehaltenen Haus in unmittelbarer Nähe zur mittelalterlichen Stadtmauer. „Das ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Am Wochenende habe ich das Haus sozusagen ganz für mich“, schmunzelt er. „In Bernau kann man sich wirklich wohlfühlen. Dazu kommt die gute Verkehrsverbindung, die für mich wichtig ist. Schließlich bin ich im Jahr etwa 200 Tage unterwegs, meist mit dem Zug oder Flugzeug.“
Sport AG als Initialzündung
Der heutige Weltklasse-Schiedsrichter begann seine sportliche Karriere wie viele andere Jungs mit Fußball. Durch eine Schul-AG kam er mit Basketball in Berührung und war von dem schnellen Spiel fasziniert. Bald spielte er im Verein „SG Einheit Zepernick“ und später bei der „SG Schwanebeck 98“, wo er immer noch Mitglied ist: „Wir haben es damals bis in die Oberliga geschafft.“ Er erinnert sich: „Als ich 18 Jahre alt war, hat mich ein Freund überredet, ihn zu einem Grundkurs für Schiedsrichter zu begleiten, weil damals ein ziemlicher Mangel an Unparteiischen bestand.“
Diese „Lizenz zum Pfeifen“ war eine gute Gelegenheit, das karge Taschengeld als Schüler aufzubessern: „Pro Spiel gab es immerhin 15 Mark!“  
Stars im Blick
Da Lottermoser keine halben Sachen schätzt, begann er sich ins Metier „hineinzuknien“. Bereits mit 20 Jahren durfte er Spiele im Erwachsenenbereich begleiten. Es folgten die Regionalliga, die 2. Bundesliga und schließlich 2001 die 1. Bundesliga. Als Robert Lottermoser 2004 die Internationale A-Lizenz erhielt, war er gerade mal 28 Jahre jung. „Spiele in dieser Klasse erfordern eine intensive Vorbereitung. Man studiert die Mannschaft vorher per Videoaufzeichnung und stimmt sich im dreiköpfigen Schiedsrichter-Team vor dem Spiel genau ab. Schließlich sollen Fehlentscheidungen vermieden werden. Man informiert sich vorher genau über die Spieler, weiß dann, wer zu welchen ‚Tricks‘ neigt und kann ein spezielles Auge darauf haben. Ich profitiere sehr davon, dass ich selbst aktiv gespielt habe. Da weiß man, was wichtig ist und hat ein ganz anderes Auge auf den Verlauf.“
Komisches Gewerbe?
Seit 2007 arbeitet der Bernauer nur noch für den Sport: „Beim Bernauer Gewerbeamt waren die ziemlich irritiert, als ich das Gewerbe Schiedsrichter anmelden wollte. Das hatten sie noch nie vorher gehabt“, erinnert er sich schmunzelnd. Seitdem ist Robert Lottermoser in ganz Europa unterwegs, um Spitzenspiele zu pfeifen. Zu den Höhepunkten gehörten außer Olympia verschiedene EM-Turniere, so das Europacup-Finale und die Junioren-WM 2011 in Lettland.
Publikum mit Niveau
Der Bernauer ist sichtlich froh, dass Basketball auf ein niveauvolles Publikum zählen kann, dem im Gegensatz zu Fußball Randale fremd ist. Gegen einen „gläsernen Ball“ voller digitaler Technik, wie es für den Fußball immer wieder diskutiert wird, hätte er keine Einwände: „Technische Hilfsmittel ersetzen den Schiedsrichter nicht, können ihn aber erheblich unterstützen, weil man eben nicht immer genau das Auge am richtigen Fleck haben kann. Immerhin geht es bei jedem einzelnen Basketball Spiel um 80 bis 100 Einzelentscheidungen.“
Zelt und Kanu
Robert Lottermoser ist es gewohnt, sein Auge auf Stars zu haben. Um frisch zu sein, folgt er vor jedem Spiel einem bestimmten Ritual: „Erst genieße ich ein gutes Essen, dann machen ich zwei Stunden Mittagsschlaf. Anschließend gibt es einen Spaziergang an der frischen Luft, um den Kopf frei zu bekommen.“
Offenbar ist das ein gutes Erfolgsrezept, denn damit stieg er in die Weltklasse der Unabhängigen auf! Fürs Privatleben bleibt da oft wenig Zeit: „Meine Freundin arbeitet im Pflegebereich im Krankenhaus und interessiert sich nicht für Basketball“, verrät er. Schön ist, dass der Weltklasse Schiedsrichter bodenständig geblieben ist. In der wenigen Freizeit genießt er die Natur des Barnim auf dem Fahrrad oder ist im Paddelboot auf heimischen Gewässern unterwegs. „Geschlafen wird dann ganz unkompliziert im Zelt, Hotels erlebe ich ja beruflich genügend!“
Infos: Tel. 0 33 38/70 69 32
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