Dies ist ein Archiv-Eintrag aus dem Jahre 2019!

Kaninchen als „Abi-Bremse“ – Ehefrau per Internet: Vom Kaninchen auf den Affen gekommen

Künstler
Jörg Engelhardt
Telefon:01 57/57 37 10 92
Website:www.joerg-engelhardt.de

Affenvielfalt im Garten

Stand: Dezember 2019

Spitznamen können einem ja lange nachhängen. Sie verfolgen den einen oder anderen sogar fürs Leben. Dass sich daraus eine berufliche Weichenstellung ergibt, kommt hin­gegen eher selten vor.

Dies passierte dem Bildhauer Jörg Engelhardt. Der heute 41-Jährige wurde von seinem Freund und Studienkollegen Hinrich Brockmüller liebevoll-spöttisch mit einem Tiernamen versehen, als beide 2005 bis 2011 in Bremen Bildhauerei und Freie Kunst studierten. „Es hieß immer ‚Hallo Affe‘, wenn er mich rief. Für mich war das keine Beleidigung sondern ein Ansporn. Schließlich sind wir zu über 97 Prozent diesen Tieren gleich“, erklärt Engelhardt.

Taschengeld aufgebessert
„Ich stamme aus dem Oderbruch, aus Wriezen. Als wir klein waren, gab es bei uns viele Tiere. Wir hatten zwei Shetlandponys, Katzen sowie hundert Kaninchen, die von meinem Bruder Dan Engelhardt und mir betreut wurden. Diese konnte man gut verkaufen. So ließ sich unser Taschengeld gut aufbessern.“ Offenbar widmete sich Jörg Engelhardt damals etwas zu sehr diesem Wirtschaftszweig: „Jedenfalls bin ich leider durchs Abitur gerasselt.“ Dabei hatte er bereits eine klare Vorstellung vom Berufsleben: „Ich wollte entweder Traktorist, Tierarzt oder Künstler werden.“

Abenteuer im Atelier
Für letzteres hatte er viele Anstöße: Vater Horst Engelhardt war Bildhauer und Maler. „Wir Kinder konnten sein Atelier frei benutzen. Für uns war das ein großer Abenteuerspielplatz“, beschreibt der Sohn seine frühe Berührung mit Kunst. Vater Engelhardt kam 1997 durch seinen Markt­brunnen in Wriezen in die Schlagzeilen. Wegen angeblich provozierender Details kam es teilweise zu heißen Diskussionen.

Tiere für die Ortsteile
Sohn Jörg Engelhardt hatte es da schon leichter. Er bekam 2013 ebenfalls den Zuschlag für einen Brunnen, und zwar am Rathausmarkt Bernau.
„Ich hatte eine Anregung bekommen, am Wettbewerb teilzunehmen. Es war immerhin eine Teilnahmeprämie von 1 500 Euro ausgelobt. Ich arbeitete ein halbes Jahr an meinem Modell, hatte schon gar keine Lust mehr und machte es im Prinzip nur fertig, um wenigstens die Materialkosten wieder reinzuholen. Zu meiner Verblüffung gewann ich.“
Wie bei ihm üblich, symbolisieren Tiere die verschiedenen Ortsteile der aufstrebenden Barnim-Metropole.

Internet-Liebe
Zu dem aktuellen Bevölkerungswachstum trägt der Künstler übrigens selbst ebenfalls bei. Er hat sich für die Stadt als Wahlheimat entschieden, weil seine Lebensgefährtin Tanja Röttenbacher hier eine Anstellung als Lehrerin für Deutsch und Sport fand.
Der Künstler hatte seine große Liebe, die aus der Leb­kuchenmetropole Nürnberg stammt, ganz modern per Internet kennengelernt.

Kreativer Nachwuchs
Aus der Verbindung sind mittlerweile die beiden Töchter Lia, 7, und Frieda, 9, hervorgegangen: „Sie haben beide schon ihre ersten Bronzeplastiken geschaffen“, strahlt der Papa.
Zum heutigen Status als anerkannter „Affen-Künstler“ kam Jörg Engelhardt über Umwege: „Nach dem verpatzten Abitur machte ich erst mal eine Goldschmiedeausbildung in Hanau“, gibt er Einblick. Offenbar konnte er im Umgang mit Gold selbst glänzen. Davon zeugt ein Aufenthalt in Norwegen und ein Stipendium, das ihn ins spanische Córdoba brachte.

Täglich im Tierpark
Von der „Hochschule für Künste Bremen“ ging es weiter mit einem Gaststudium an der Berliner „Kunsthochschule“ in Weißensee bei Prof. Berndt Wilde. Hier gab es im nahen Tierpark viel Gelegenheit, Affen zu beobachten. „Ich hatte mir eine Jahreskarte gekauft, sonst hätte ich mir das gar nicht leisten können!“
Da es dort aber mehr als Affen gibt, ist der Künstler zudem versiert, andere Tiere wie Elefanten oder Stiere in seine menschenlose Welt einfließen zu lassen. Dies kam ihm unter anderem beim Marktbrunnen von Bernau zugute.

Eingesperrt
Der Schock über den Schlaganfall, den sein Vater aus heiterem Himmel ohne irgendwelche Vorzeichen 2009 im Alter von gerade einmal 58 Jahren erlitt, verarbeitete er in einer sehr expressiven Serie, die er unter den Titel „Locked in“ stellte. „Mein Vater konnte nur noch ja oder nein signalisieren. Er war in seinem Körper eingesperrt. Aber sind wir Menschen nicht immer irgendwie eingesperrt?“

Holz vom Bruder
2012 erlebte er eine neue Wende. Sein Bruder Dan Engelhardt hatte ihm zwei Lkw mit Holz in das Atelier in Wriezen anfahren lassen. „Das waren Platanen und andere Stadtbäume, die in Berlin-Treptow gefällt worden waren. Irgendwie waren sie mir zu schade, um Brennholz daraus zu machen. Also begann ich mit der Ketten­säge, daraus Skulpturen zu schaffen. Weil sich das bei Holz im Gegensatz zu Bronze anbietet, werden diese bunt bemalt.“ Schließlich gehört der Umgang mit Leinwand und Farbe sowie Zeichnungen ebenfalls zum Metier des jungen Künstlers.
Seine „tierisch interessante Kunst“ ist nun dabei, die Fachkreise zu erobern. So wurde er von der renommierten auf moderne Kunst spezialisierten „Galerie 5“ in Cottbus eingeladen, Arbeiten auszustellen. Für private Sammler gilt der Bernauer mit seinem „Affenzirkus“ als aufstrebender Künstler mit hohem Potenzial. Werke von ihm sind selbst im weit entfernten Australien zu finden.