Bernauer Bier in aller Munde

Die mittelalterliche Stadtmauer ist eines der Stadt-Wahrzeichen.

Bernau ist heute mit seinen mehr als 27000 Einwohnern einer der pulsierendsten Orte Brandenburgs. Das war nicht immer so. Nach dem Drei§igjahrigen Krieg blieben von 4000 Einwohnern gerade mal 600 ubrig. Von dem Kriegsschock erholte sich Bernau nur langsam und brauchte 200 Jahre, bis es wieder den Einwohnerstand wie vor dem Krieg hatte. Solche geschichtlichen Details zaubert Bernd Eccarius (Foto links) aus dem Hut. In Bernau geboren, leitet der 47jahrige seit zwolf Jahren das Heimatmuseum. Fur unsere Journalistin Ulrike Kiefert nahm er sich Zeit fur einen historischen Stadtrundgang durch Bernau und zeigte Dinge, die gangige Stadtfuhrer oft nicht kennen. Start des Rundgangs ist das alte Henkerhaus an der Muhlenstra§e, eines der drei Ausstellungsorte des Museums. Das Haus nahe der Stadtmauer ist etwa 270 Jahre alt und war bis 1806 Wohnsitz des Henkers. Dessen Beruf war alles andere als angesehen: Lange Zeit mussten die Scharfrichter sogar au§erhalb der Stadtmauern Bernaus wohnen. Vom Henkerhaus ist es nur ein kurzer Weg bis zum 500 Jahre alten Pulverturm. Der ist am Ende der Grunstra§e, diente jedoch nie als Lager fur Schie§pulver, sondern erhielt seinen Namen durch eine Verwechslung. Im Volksmund, so erzahlt Bernd Eccarius weiter, habe er „Bullenturm“ gehei§en, weil auf den Wallwiesen zu Fu§e des knapp 26 Meter hohen Turmes die Bernauer ihre Bullen und Rinder weiden lie§en. So taucht in alten Dokumenten der Name „Pullenturm“ auf. Und im Laufe der Zeit wurde aus dem merkwurdigen „Pullenturm“ eben Pulverturm. An den Pulverturm grenzt rechts und links die acht Meter hohe und 1,5 Kilometer lange Feldsteinstadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Sie gehorte mit ihren drei Toren, zwei Rundturmen und 42 Lughausern zur Befestigungsanlage rund um Bernau. Wenige Schritte von der Stadtmauer entfernt, liegt das Kantorhaus in der Tuchmacherstra§e. Gebaut um 1582, ist es das alteste Wohnhaus Bernaus. „Es entstammt einer Stiftung reicher Burgern“, berichtet Bernd Eccarius. Heute beherbergt es die Musikschule. Von der Tuchmacherstra§e sto§en wir direkt auf die Berliner Stra§e, die Teil der beruhmten Reichsstra§e 2 von Berlin nach Stettin war. In dieser langsten Stra§e Bernaus steht das Hotel „Schwarzer Adler“, allerdings unbenutzt. Das Gebaude gehorte zu einem der 146 Brauhauser, die Bernau einmal besa§. „Dort wurde Schwarzbier mit einem Alkoholgehalt von uber 20 Prozent gebraut“, wei§ Bernd Eccarius. Auch Biersuppe und Bierbrei wurden gegessen. Die habe man so stark gekocht, dass der Alkohol buchstablich verbrannte, und sie dadurch selbst fur Kinder geeignet waren. Als im 17. Jahrhundert jedoch die Kartoffeln ihren Siegeszug in die Bernauer Suppenkuchen antraten, war diese Form der Nahrung passé. Und wenn es um Alkohol ging, griff man immer ofter auf den in Mode gekommenen Kartoffelschnaps zuruck. Vom „Schwarzen Adler“ sind das Steintor und der Hungerturm am Ende der Berliner Stra§e bereits zu sehen. Das Steintor hat als einziges der drei Stadttore die Jahrhunderte uberdauert. Der Hungerturm diente lange Zeit als Gefangnis. „Die Verurteilten wurden in ein dunkles Verlies gesteckt und mussten sich selbst mit Essen versorgen, um nicht zu verhungern“, erzahlt Bernd Eccarius. Sie lebten also von den Abfallen der Warter oder waren auf Verwandte angewiesen, die ihnen Lebensmittel brachten. Langsam nahert sich unser Stadtrundgang vorbei an Bernaus bedeutendsten Wahrzeichen dem Ende. Uber die Bruder Stra§e und Louis Braille Stra§e geht es auf den Fu§spuren von Konig Friedrich Wilhelm IV. und Prinz Wilhelm, spater Kaiser Wilhelm I., zum Rathaus auf dem Marktplatz. Tief in seinem Inneren sind zwolf gewolbte Kellerraume, die als Gefangnisse und Wohnungen fur die Gerichtsdiener benutzt wurden. Die Fu§e sind mude und so geht es zuruck zum Henkerhaus, wo man durchaus mal das Heimatmuseum einer naheren Betrachtung unterziehen konnte.