Vom „Gottesurteil“ zu „Typisch Sophie“

Bernau als Filmstadt

Richtig oder falsch? Wahr oder gelogen? Was heute in Fernsehshows das Publikum begeistert, hat immer schon die Gemüter erregt. Oftmals ging es dabei ziemlich zur Sache.
Was heute der Quizmaster aus seinen Lösungskärtchen liest, war in vielen Epochen der Anrufung eines Gottesurteils vorbehalten. Für den Getesteten ging es ums nackte Überleben. Dabei war das Gottesurteil meist so gestrickt, dass es für den Betroffenen so oder so tödlich ausging. Für die Fragenden aber gab es nun eine Information mehr über ihren zu Recht oder zu Unrecht dahingeschiedenen Mitmenschen.

Polizist will nicht auf die Folter spannen
Nun lebt in Bernau mit seiner mittelalterlichen Kulisse dieser lange Zeit beliebte Brauch wieder auf. Fabian Püschel als angehender Regisseur und Student der renommierten Filmhochschule Kassel hat sich die Bernauer Umgebung ausgesucht, um die Interessierten nicht länger auf die Folter zu spannen, wenn sie wissen wollen, wie es bei der Hexenverfolgung so zuging. Unterstützt wird er dabei ausgerechnet von einem gelernten Ordnungshüter. Ob der mit dieser besonderen Art der Wahrheitsfindung schon Erfahrungen gesammelt hat?
Jedenfalls hat Familienvater Holger Herzog seinen Polizisten-Beruf längst an den Nagel gehängt und widmet sich nun ausgiebig alten Zeiten. Mit seiner Mittelalter-Truppe „Trivium“ hat er sich eine eigene zusätzliche Familie zur Ex-Frau und den drei erwachsenen Kindern zugelegt.
„Wir wollen herausfinden, wie es zur Zeit der Hussiten wirklich im Barnim zuging. Was hatten die Leute für Kleidung und Uniformen, wie war das Leben, was gab es speziell hier in unserer Region zu Essen und Trinken“, formuliert der 42-Jährige als Ziel der „Abtrünnigen“, die 1999 aus den „Bernauer Briganten“ hervorgingen. Dazu machen sie sogar eine jährliche Pilgerreise zu Fuß nach Bad Wilsnack. Die Kunsthistorikerin Svea Schade ist sogar schon bis ins legendäre spanische Santiago de Compostela vorgestoßen und ist damit der unbestrittene Star in der Truppe. Doch so richtig gefragt sind die Mittelalter-Freunde zu ihrem Bedauern meist mit weniger authentischen Anforderungen. So braucht der angehende Regisseur aus Westdeutschland die „Trivium“-Aktivisten zur kostümierten Mitarbeit für einen 200 Jahre nach der Hussitenzeit liegenden Zeitraum.

Hexen auf der Spur
Nun wird geprobt und gedreht, an diversen Schauplätzen, aber immer mit Beteiligung der „Trivium“-Mitglieder. Ansonsten sind die Bernauer für Veranstaltungen und Märkte „buchbar“, bei denen es meist ebenfalls mehr um Klamauk und Spaß, denn um Historie geht. Und schließlich stellt sich Holger Herzog selbst als Kneipenbelustigung für eine deftige „Mittelalter-Atmosphäre“ zur Verfügung.
Bernau ist der erste Ort in Ostdeutschland, der mit einem Denkmal an seine Hexen erinnert. Etwa zwei Dutzend Fälle sind verbürgt, wo meist missgünstige Nachbarn ihre Mitbürger mit Denunziationen auf den Scheiterhaufen brachten. Das hatte die Historikerin Birgit Schädlich heraus gefunden. Mit der Hexenverfolgung Anfang des 17. Jahrhunderts war die alte Praxis des Gottesurteils, das schon in der Antike beschrieben wurde, in Europa zu neuer „Ehre“ gekommen. Mit der Hussitenzeit, an die Bernau mit seinem jährlichen Mittelalterfest anknüpft, hat dies aber wenig zu tun, denn diese Zeit ist 200 Jahre früher im Mittelalter angesiedelt. Das bunte Fest kann also weiterhin mit bestem Gewissen ungetrübte Freude verbreiten.
Übrigens steht das heutige Bernau ebenfalls im Medieninteresse. So waren Holger Herzog und seine „Mitkämpfer“ bei der erfolgreichen Sat1- Anwaltsserie „Typisch Sophie!“ ebenfalls auf Deutschlands Bildschirmen zu sehen.

www.trivium-bernau.de
Tel. 0 33 38/76 21 28

In Bernau feiert das Gottesurteil „Comeback“: In einem Film, in dem die Mittelalter-Truppe „Trivium“ als Darsteller mitspielt.

Holger Herzog hat das Mittelalter im modernen Griff und lässt die Zeit von vor 600 Jahren am Computer vorbeiziehen.