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Kaum ein Medium ist so faszinierend
wie der Film. Nach mehr als hundert
Jahren Erfolgsgeschichte sind die
Geschichten, die über die Leinwand
„flimmern“, immer noch Stoff für
Diskussionen. Die Schauspieler werden
als Stars geliebt und stehen im
Mittelpunkt des Interesses. Eine
Brieselangerin ist ihnen regelmäßig ganz
nah.
Gabriele Wegener kümmert sich exakt
seit der Jahrhundertwende um ungestörtes
Filmvergnügen bei der Berlinale, erst in
den Cubix-Kinos und nun am Potsdamer
Platz.
„Da muss alles wie am Schnürchen
ablaufen. Es darf keine Pannen und
Verzögerungen geben, denn die Besucher
sind vielfach Cinéasten im Festival-Stress,
die von einem Film zum anderen ziehen.
Wenn der Zeitplan aus dem Ruder gerät,
versäumen sie vielleicht den Anfang vom
nächsten Film“, ist sich Gabriele Wegener
ihrer Verantwortung bewusst.  
Ausnahmezustand
Deshalb herrscht während der Berlinale
Ausnahmezustand in ihrem von den Eltern
geerbten Häuschen.
„Vor der Berlinale wird der Kühlschrank
gefüllt, denn Einkaufen ist dann nicht mehr
möglich. Ich sortiere mir vorher die
Bekleidung für jeden Tag in der richtigen
Reihenfolge auf den Kleiderständer, so
dass ich am Morgen blind hingreifen kann.
Dann geht es zum Bahnhof und abends
nach Mitternacht mit dem letzten Zug
wieder zurück!“
Eklat und seine Folgen
Als Berlinale-Kinoleiterin betreut Gabriele
Wegener die Filme des „Forums“. Sie
kennt natürlich genau die Geschichte dieser
Filmreihe: „1970 kam es über den Film
‚O.k.’ von Michael Verhoeven, dem
Ehemann von Senta Berger, zum Eklat.
Der Film setzte sich mit dem Vietnam-
Krieg auseinander und schilderte eine
Gruppenvergewaltigung, die tatsächlich
stattgefunden hatte. Ein Teil der Jury
beurteilte den Film als ‚amerikafeindlich’
und verlangte, dass der deutsche Beitrag
aus dem Wettbewerb genommen wird.
Andere Jurymitglieder sahen das als
Zensur. Schließlich brach die Jury
auseinander, es wurden keine Preise
vergeben. Nach diesem Skandal wurde das
‚Internationale Forum des
Jungen Films‘ als Gegenveranstaltung
gegründet.“  
 Mit Stars im Hörsaal
Gabriele Wegener ist glücklich, die Forum-
Besucher rundum im Kino zu betreuen.
Denn ihr großer Traum war und ist der
Film, schon von Kindesbeinen an. „Mich
interessierte dabei von Anfang an
besonders die Technik“, verblüfft sie.
Sie fand eine Lehrstelle in der
Fotochemie und schaffte es anschließend
an die „Hochschule für Film und Fernsehen
Konrad Wolf“ in Potsdam. Dort drückte sie
die Schulbank mit Angelica Domröse und
Winfried Glatzeder, die später mit dem
Kultfilm „Paul und Paula“ von Heiner
Carow und Ulrich Plenzdorf zu großen
Stars wurden.
Gabriele Wegener wollte allerdings nicht
vor die Kamera, sie entschied sich für
„Filmtechnik“ und landete im einzigen
Kopierwerk der DDR, in Berlin-
Johannisthal. „Dort war ich unter anderem
für die Filmpflege zuständig. Wir sichteten
die Kopien, die aus dem Verleih zurück
kamen, prüften sie auf Klebungen, Kratzer
und Beschädigungen.“
 Am Puls des Films
Mit diesen Spezialkenntnissen wurde sie
nach der Wende vom Verein „Freunde der
Deutschen Kinemathek“ mit Kusshand
aufgenommen. Dieser Zusammenschluss
war 1963 um den Film-Enthusiasten Ulrich
Gregor entstanden, um die Filme der zuvor
gegründeten „Deutschen Kinemathek“
zugänglich zu machen. Sie riefen das
„Internationale Forum des Jungen Films“
als Gegenveranstaltung der Berlinale ins
Leben, die später als Reihe in dieses
wichtige Filmfest eingegliedert wurde.
„Der Verein unterhielt einen Filmverleih
wo ich gebraucht wurde“, erinnert sich die
Brieselangerin. Seit 1970 betrieben die
„Freunde“ außerdem das Berliner Kino
„Arsenal“ als Aufführungsort, den sie 2000
gegen das Filmhaus im Sony Center
eintauschten.
 Kino für Brieselang?
Gabriele Wegener wirkt mit 69 Jahren
immer noch jugendlich. Sie hat durch ihr
„Leben mit dem Film“ unzählige Streifen
gesehen. Doch die Frage, was der beste
Film ist, kann sie schnell beantworten:
„Am meisten hat mich ‚Die Farbe lila‘ von
Steven Spielberg beeindruckt. Da wird vor
dem Hintergrund von Rassenproblemen der
Versuch einer Frau geschildert, sich gegen
Widerstände durchzusetzen und sich
niemals unterkriegen zu lassen!“ Ganz so,
wie Gabriele Wegener. Sie gehört übrigens
zu den ganz wenigen Bewohnern von
Brieselang, die dem Ort seit der Kindheit
verbunden sind. Ihr heutiges Haus ist die
ehemalige „Steinlaube“ der Eltern. Sie
erinnert sich noch bestens an die damaligen
Pläne, Brieselang zu entwickeln, an die
schönen Tage in der alten Badeanstalt und
an den „Riesen-Fahrradschuppen am
Bahnhof“.
Fast hätte durch sie Brieselang sogar ein
Kino bekommen: „Ich habe lange versucht,
diesen Traum zu erfüllen, habe aber leider
keine geeigneten Räume gefunden.“ Nun
kommt das Kino durch die Berlinale zu ihr!
Infos:
Tel. 033232/35646
  Berlinale-Kino voll im Griff
Stand Juli 2013
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