Dies ist ein Archiv-Eintrag aus dem Jahre 2016!

9 000 Kilometer unterwegs mit klapprigem Oldtimer

Weltreisende
Martina Jati, Martin Jati, Matthias Claudius, Caroline Schnieber
Telefon:01 76/72 67 11 12

Abenteuer-Reise durch den wilden Balkan

Stand: Juli 2016

Mit einem klapprigen Auto von Bayern durch ganz Südeuropa bis in die Türkei zu kommen, wer würde sich dies trauen?

Eine Brieselangerin erfüllte sich mit dieser strapaziösen Tour über 9 000 Kilometer einen Lebenstraum! Dabei hält die Lidl-Managerin Martina Jati normalerweise wenig von Abenteuer im Urlaub: „Sie setzt meist auf All-Inclusive und genießt den Sandstrand mit einem Buch in der Hand“, gibt Ehemann Martin Jati, der in der Motorradabteilung von BMW tätig ist, Einblick. Sie ließ sich von Bruder Matthias Claudius anstecken, der die Tour vor ihr machte.

Berühmter Dichter
Obwohl die Familie den Stammbaum bis zum Dichter Matthias Claudius aus dem 18. Jahrhundert lückenlos zurückführen kann und seitdem den Namen an alle männlichen Nachfahren weitergibt, fasziniert sie eher der penetrante Geruch von Öl und Benzin als süße Poesie. So ließ es sich Martina Jati nicht nehmen, den Anmeldetermin am 7.7.2015 um 3.33 Uhr sofort wahrzunehmen, um an der auf 111 Teilnehmer begrenzten Rallye mitzu­fahren.

Freude an Zahlen
Die Organisatoren haben offenbar viel Freude an der Zahlmystik, denn sie schreiben zudem vor, dass die benutzten Fahrzeuge nicht mehr als 1111,11 Euro kosten dürfen und zudem mindestens 20 Jahre alt sein müssen. Schließlich geht es ums pure Abenteuer! „So ein Auto zu finden war sehr schwer. Wir suchten in der ganzen Bundesrepublik und waren viel unterwegs. Es war ernüchternd zu erleben, wie die Leute lügen, um ihre Schrottfahrzeuge loszuwerden“, ärgert sich Martin Jati noch heute.

Junge Liebe
Der 46-Jährige, der seine Traumfrau kennen- und liebenlernte, als sie gerade zarte 17 Jahre alt war, unterstützte sie mit seinem technischen Sachverstand. Zur eigent­lichen Crew gehörte er aber nicht. Cousine Caroline Schnieber wollte stattdessen mit im Wagen sein. Schließlich wurden Jatis bei Potsdam fündig. Ein 23 Jahre alter Volvo 850 mit fast 500 000 Kilometer Fahrleistung, Benzinmotor und Automatikgetriebe schien die Anforderungen zu erfüllen und lag mit 750 Euro im vorgeschriebenen Preisbereich. In mühevoller Kleinarbeit erhielt das Fahrzeug ein zusätzliches Bodenblech als Stein- und Staubschutz. Ein Brieselanger Metallbauer fertigte einen massiven Dachträger, schließlich mussten mehrere Ersatzreifen mit. „Außerdem gab es die Aufgabe, Bekleidung, Schulmaterial, Verbände und Medikamente in ein Kinderheim in Albanien zu bringen. Das mussten wir ja irgendwo unterbringen, denn der Wagen sollte so eingerichtet sein, dass man notfalls darin schlafen kann“, so die 42-Jährige, die gleich mit 18 ihren Führerschein gemacht hatte.

Ohne Navi
Brieselangs Bürgermeister Wilhelm Garn, selbst Fan von ungewöhnlicheren Autos, verabschiedete das Team vor dem Rathaus mit drei Rosen­stöcken, die als Zeichen des Friedens auf der Reise eingepflanzt werden sollten. „Am 29. April 2016 starteten wir von Brieselang aus nach Oberstaufen in Bayern, denn dort war Startpunkt“, erinnert sich Martina Jati. Im Gepäck war ein dicker Packen Landkarten: „Eine Vorschrift ist, dass kein Navigationssystem benutzt werden darf und dass man Autobahnen meidet, also auf Landstraßen fährt“, gibt die abenteuerlustige Managerin weiteren Einblick.

Ärger in Serbien
Die Reise ging von Bayern nach Italien, Slowenien und Kroatien. „Hier wollten wir weiter über ein kurzes Stück in Serbien nach Bosnien-Herzegowina. Allerdings waren die serbischen Grenzer sehr schikanös. Als ich ehrlich angab, dass wir Kinderkleidung dabei haben, forderten sie dafür Hygienezeugnisse. Schließlich suchten wir uns einen anderen Grenzübergang und deklarierten alles als persönlichen Bedarf. Zum Glück sind die Stationen dort nicht vernetzt.“

Aggressive Bettler
Die Fahrt ging weiter über Montenegro nach Albanien. „In Tirana herrscht eine sehr aggressive Stimmung. Wir wurden teilweise von Bettlern massiv im Auto bedrängt und belagert. Hätten wir die Fenster geöffnet, wären wir sicher sofort ausgeraubt worden. Im Gegensatz zur sichtbar großen Armut findet man pompöse Anwesen, da ist der Gedanke an Mafia nicht weit“, so der Eindruck.

Herzlicher Empfang
Die Fahrt entfernte sich von der heißen Hauptstadt ins mildere Klima der Berge, wo sich das von einer in Deutschland ansässigen katholischen Mission betriebene Kinderheim Düzyayla befindet. „Dort wurden wir sehr herzlich empfangen. Der Leiter ist in Deutschland ausgebildet worden. Daher war die Verständigung unproblematisch.“ Über Mazedonien und Griechenland kam die Crew in die Türkei. Dort ging es entlang der oftmals erdbebengeschüttelten Schwarzmeerküste. Nächstes Land war Georgien mit der farbenprächtigen Hauptstadt Tiflis.

Heiße Jungs
„Dort würde ich gerne mal für einen Urlaub hinfahren“, schwärmt die Brieselangerin. Schließlich hatte sie hier ein einschneidendes Erlebnis: „Unser Fahrzeug ging mitten auf einer sehr belebten Kreuzung aus. Schnell gab es einen Menschenauflauf. Schließlich brauste ein Wagen mit vier jungen Männern heran. Wir bekamen Angst, zwei Frauen allein, was würde passieren? Sie boten an, uns zu helfen, fanden heraus, dass ein Zündkabel durch­geschmort war. Nach einer halben Stunde kamen sie mit einem Volvo-Truck mit dem Zündkabel. Zusätzlich bekam ich ein Zettelchen mit einer Telefonnummer in die Hand gedrückt!“

Albtraum Armenien
Abenteuerlustig wollten sie die Gelegenheit zum Abstecher nach Armenien nutzen. „Das wurde zum größten Albtraum unserer Fahrt. Die Grenzer ließen sich immer wieder neue angebliche Gebühren einfallen, so dass wir schließlich 92 Euro los wurden. Dort sind trotz der Straßennutzungs­gebühr die Wege so schlecht, dass wir uns zwei Felgen zerstörten und die Räder wechseln mussten. Wir hatten die Nase voll und wollten wieder aus dem Land fahren. Das kostete uns weitere eineinhalb Stunden an der Grenze und 28 Euro. Dafür bekamen wir eine Orange überreicht, um Armenien in guter Erinnerung zu behalten.“

Zittern vor dem Ziel
Größtenteils über Berg­straßen ging es nun Richtung Ziel. Ankunft sollte der 20. Mai 2016 sein. „Das Ziel war wegen der politischen Lage in den Nachbarländern auf die Türkei geändert worden.“ Für Martina Jati war das ein glücklicher Umstand, denn ihr Volvo meldete Hitzeprobleme: „Im Kühlwasser zeigte sich Öl, was auf eine defekte Zylinderkopfdichtung hinwies. Weit wären wir mit dem Auto also nicht mehr gekommen. Wir zitterten um jeden Kilometer.“ Zurück in Brieselang tauchte die abenteuerlustige Managerin natürlich in die Arme ihres Mannes ein. „Ich weiß jetzt zu schätzen, was ein gutes Bett und ein schönes warmes Bad wert sind. Schließlich war eine weitere Bedingung der Rallye, dass pro Übernachtung nur 11,11 Euro ausgegeben werden dürfen!“