Jubiläum mit Überraschung

Ur-Brieselanger zündete das Licht an

Brieselang feiert 80. Geburtstag, da können Zeestow und Bredow, die mit zur Großgemeinde gehören, eigentlich nur die Nase rümpfen. Denn sie blicken schließlich auf Jahrhunderte zurück! Dabei haben sie ihre viel längeren Epochen wesentlich besser als Brieselang im Griff. Denn dort hat man wohl im Eifer der Gründerjahre vergessen, die eigene Geschichte aufzuschreiben.
So liegen die Anfänge von Brieselang ziemlich im Dunkeln. Wir haben uns deshalb zur Aufgabe gemacht, aus diversen Puzzlesteinen ein wenig Licht in die kurze Vergangenheit zu bringen. Erste Aufschlüsse ergeben sich aus der Ortschronik, die Frank Braun 1992 zusammengestellt hat.

17 Seiten Historie
Von ihr gibt es gerade ein Exemplar als maschinengeschriebenes Manuskript auf 17 A4-Seiten. Quellenangaben fehlen überall, so dass man nicht mehr nachvollziehen kann, woher der Autor seine Erkenntnisse bezieht. Brauns Nachfolger Arno Heinrich bewahrt die Arbeit sorgfältig in einem Leitz-Ordner zusammen mit Fotos und Zeitungsausschnitten auf, die er selbst gesammelt hat.

2,2 Millionen
Goldmark für viel Sumpf Braun datiert sein Manuskript von 1992. Nach seinen Recherchen kaufte der Kreis Osthavelland 1917 einen „beträchtlichen Teil des Bredower Forsts nebst Wiesen und Äcker“ vom damaligen Gutsbesitzer. Dafür bekamen die Bredows die stolze Summe von 2,2 Millionen Goldmark. Das Gebiet sollte planmäßig besiedelt werden. Dafür machte sich der Malermeister und SPD-Kreistagsabgeordnete Paul Mewes aus Seegefeld, das heute zu Falkensee gehört, besonders stark. An ihn erinnert in Brieselang eine Straße.
Am 27. März 1920 beschloss der Kreistag, das Gelände zwischen dem südlichen Rand der Bahnlinie und Finkenkrug zu verkaufen. So Chronist Frank Braun.

Drei Familien für Brieselang
Bei der Befragung von Zeitzeugen erhärtet sich das Datum erstmals nicht. „Drei Familien machten sich damals auf, das heutige Brieselang zu besiedeln. Darunter waren meine Großeltern Ida und Friedrich Viele. Sie kamen 1918, bauten bis 1920 ihr Haus in der heutigen Karl Marx Straße. Darin wohnten sie. Im Untergeschoss betrieben sie die Gaststätte ‚Zum Ersten Siedler‘. Gleichzeitig baute die Familie Schwandt, die ein Fuhrgeschäft mit Pferd und Wagen betrieben, in der heutigen Paul Mewes Straße ihr Anwesen. Dritter im Bunde war Familie Droehner in der Fichtestraße, die ein Baugeschäft hatten“, so die Erinnerung von Hans-Jürgen Viele an die Berichte seiner 1960 verstorbenen Großmutter. Demnach wurde Brieselang also 1918 geboren und könnte jetzt den 87. Geburtstag feiern.

Allein auf weiter Flur
Was aber trieb die Siedler in das morastige, von der Außenwelt weitgehend abgeschottete Gebiet? „Wirtschaftliche Not kann es in unserem Falle nicht gewesen sein. Meine Großeltern hatten in Falkensee in zentraler Lage, direkt beim Bahnhof, ein gut-gehendes Kolonialwarengeschäft. Für das Abenteuer, in Brieselang ein neues Leben anzufangen, war meine Oma der treibende Keil, wie sie immer wieder erzählte. Motiv war der Pioniergeist, die Lust, von ganz vorne etwas aufzubauen und wohl auch die Liebe zum Wohnen im Grünen, in ziemlich unberührter Natur“, berichtet Hans-Jürgen Viele weiter.

Kirmes und Bahn
Die Siedler setzten auf ein weitgehend autarkes Leben. Viele erinnert sich an viele Hühner, Gänse, Schweine und Ziegen und die harte Feldarbeit. Höhepunkt im Jahresablauf war die Kirmes, die es seit 1920 gab. Viele hat noch ein Exemplar der Kirmes-Zeitung von 1936. In der dort abgedruckten Chronik wird 1920 als Geburtsjahr für Brieselang genannt. Also könnte man 2005 das 85. Jubiläum feiern!
1921 kam Brieselang in den Genuss eines eigenen Bahn-Haltepunkts. „Jeweils morgens und abends konnte man in den Zug nach Nauen oder Falkensee steigen“, so Viele.

Schule und Sparkasse
Als Brieselang 1925 selbstständige Landgemeinde wurde, gab es am Ort eine bemerkenswerte Infrastruktur: „Schule, Feuerwehr, Sparkasse und die Jugendherberge waren bereits gebaut“, weiß Arno Heinrich. Er kennt sich besonders gut aus, wie es mit einem Teil des Wirtschaftslebens bestellt war.
„Während der Nachkriegsära prägten das Gummiwerk und die Gerätefabrik unser Leben. In beiden Betrieben waren jeweils bis zu 600 Personen beschäftigt.”

Brieselangs Silberschatz
„Das Gummiwerk war ursprünglich eine Alu-Gießerei. Als die nicht mehr rentabel war, betrieben jüdische Investoren eine Filmwäscherei, die aus den alten Zelluloid-Streifen Silber herauslöste. 1940 wurde im Zuge der ‚Arisierung‘ daraus eine Fabrik, die Gummiteile herstellte. In der DDR waren das beispielsweise Teile für Fahrzeuge und Motorräder. Schuhsohlen gehörten ebenso dazu wie Motorrad-Sättel.“ Um das Gerätewerk ranken sich immer noch Gerüchte: „Ursprünglich ging es wohl um Erdöl-Erkundung. Zu DDR-Zeiten war das Werk rund um die Uhr bewacht, doch warum, das weiß ich leider nicht“, so Ortschronist Arno Heinrich.

Russen mussten schuften
Der Erfolg Brieselangs war
immer wieder unfreiwilligen Helfern aus dem Ausland zu verdanken: So mussten russische Kriegsgefangene während des 1. Weltkriegs Vorflutgräben ausheben, um eine Entwässerung des sumpfigen Luchs zu ermöglichen.
„Während des 2. Weltkriegs waren etwa 60 Zwangsarbeiter, wohl ebenfalls aus Russland, in Baracken in der Vorholzstraße untergebracht, die im Gummiwerk arbeiteten“, so Arno Heinrich.
Hans-Jürgen Viele erinnert sich daran, „dass wir drei kroatische Familien einschließlich Frauen und Kinder bei uns im Saal unterbringen mussten. Der Kontakt mit ihnen war uns strengstens verboten. Als ein Kind starb, haben wir es einfach im Garten begraben.“

Licht für Brieselang
Während seine Vorfahren um Strom- und Trinkwasser-Leitungen kämpften, zündete Hans-Jürgen Viele, der auf keinen Fall Kneiper werden wollte, den Brieselangern viele Lichtlein an. „Ich lernte Elektriker. Zu unseren Aufgaben gehörte in den 50-er Jahren die Straßenbeleuchtung von
Brieselang. Damit hatten wir immer genügend Arbeit, denn am Ende der Holzlaternen-Masten hingen ganz normale Glühlampen. Wenn man ein wenig dagegen trat, waren die kaputt und wer gerade eine Glühlampe für zu Hause benötigte, konnte sich ebenfalls daran zu schaffen machen.“ Übrigens brauchen sich die Brieselanger für ihre sehr junge Geschichte nicht allzu schämen: „Bei einem Bauvorhaben an der Karl Marx Straße stieß man auf Funde, die aus der Bronzezeit stammen. Damit ist wahrscheinlich, dass sich bereits 1200 Jahre vor unserer Zeit hier Menschen wohlfühlten“, strahlt Brieselangs neuer Bürgermeister Wilhelm Garn.

Infos:
Ortschronist Arno Heinrich Tel. 03 32 32/3 65 26

Gründer-Enkel Hans-Jürgen Viele weist mit der Siedler-Chronik nach, dass der Ort seit 1920 bestand.

Orts-Chronist Arno Heinrich hat selbst im Gummiwerk gearbeitet.