Vom Werkzeugmacher zum Chronisten

Rätsel um die Fremdarbeiter

Mit der Geschichte ist es ja so eine Sache: Was heute aktuell ist, gehört schon morgen zur Historie. „Und übermorgen ist es eine Sage!“
Diese Erfahrung hat Arno Heinrich gemacht. Ihm geht es dabei sicher wie vielen anderen Orts-Chronisten: „Ich versuche natürlich immer mit Zeitzeugen über Themen zu sprechen. Doch bereits nach ein paar Jahren ist die Erinnerung verwischt, Fakten werden verändert wahrgenommen. Ich denke, das liegt einfach in der menschlichen Natur, dass man mit der Zeit vieles anders sieht!“ Während andere Chronisten meist aus dem Lehrerberuf kommen oder artverwandte Tätigkeiten ausübten, kann Arno Heinrich auf eine handfeste Arbeit zurückblicken: „Ich war Werkzeugmacher und habe mein ganzes Berufsleben lang in der Gummifabrik in Brieselang gearbeitet“, berichtet Heinrich. Wie kommt ein Werkzeugmacher dazu, Geschichtsforscher zu werden? „Ich war 30 Jahre lang Mitglied im Männerchor und habe dort die Chronik geführt. Dabei habe ich gesehen, wie wichtig es ist, alles aufzuschreiben, denn schon Jahre später erinnert man sich eben nur unvollständig oder falsch!“ Arno Heinrich ist gebürtiger Nauener, „weil dort das Krankenhaus war“, und lebte aber „immer schon“ in Brieselang.
Als es nach der Wende aus war mit der Arbeit im Gummiwerk stürzte er sich mit voller Kraft in sein Hobby. „Ich hatte schon vorher Zeitungsausschnitte gesammelt und hatte daher über die Jahre ein Archiv aufgebaut!“ Jede Woche geht er einmal ins Verwaltungsgebäude, wo engagierte Mitarbeiter für den Ortschronisten die aktuellen Zeitungen gesammelt haben. In einer Serie von 25 Artikeln beschrieb Heinrich als erstes die unterschiedlichsten Themen aus der Geschichte seines Ortes und des Havellands. Nun sorgt er für regelmäßige Veröffentlichungen im Brieselanger Kurier. Allerdings ärgert ihn immer wieder, dass sich manche Archive sehr zugeknöpft geben: „Während der Kriegszeit hatten wir Fremdarbeiter im Ort. Ich erinnere mich noch an die Baracken an der Bahn, wo die Frauen wohnten. Allerdings lebten sie ziemlich frei und fuhren jeden Tag zu Siemens nach Spandau, wo sie arbeiteten. Ob es sich dabei um Zwangsarbeiterinnen handelte, konnte ich bisher nicht herausfinden. Ebensowenig konnte ich die näheren Lebensumstände oder Details über ihre Herkunft in Erfahrung bringen. Die Zeugenaussagen widersprechen sich und Siemens winkte bei allen Anfragen von mir ab!“
Traurig ist Arno Heinrich über den Niedergang seines früheren Betriebs. „Die meisten Brieselanger wollen heute keine Industrie mehr und nur im Grünen leben. Doch wo sollen ihre Kinder dann später arbeiten oder eine Lehrstelle finden?“ Jedenfalls hat Arno Heinrich den Abriss seines ehemaligen Werks in Fotos festgehalten. So kommt es, dass seine beiden erwachsenen Kindern nicht in seine Fußstapfen treten: „Die arbeiten und leben in Berlin, weil es in Brieselang keine Jobs mehr gibt!“

Arno Heinrich spürt auf, wer bisher am Rad der Geschichte drehte.