Stand Dezember 2011
Claudius Dreilich liebt Erkner
Wer die Kultband Karat hört, denkt – am wenigsten an Erkner. Dabei empfängt die Band schon drei Jahre lang ihre entscheidenden Impulse aus Erkner am Ufer des Dämeritzsees.
Karat-Frontmann Claudius Dreilich war vor drei Jahren nach Erkner gezogen. Er gibt seit 2005 in der Band den Ton an. „Das war der Wunsch meines Vaters Herbert Dreilich. und der gesamten Band“, erinnert sich der Rock-Sänger.
Claudius Dreilich ist mit 41 Jahren der Junior und zugleich der Star in der Kultband Karat, die es seit 1975 gibt. Doch Starallüren hat er nicht. Er kommt im unauffällig weißen Skoda, erscheint mit Dreitages-Bart. Eben lässig, rockig, selbstbewusst – und immer nett. Dass er mal für sein aufbrausendes Wesen berüchtigt war, davon ist nichts zu spüren. Er hat keine Zeit, und nimmt sie sich doch für unser Gespräch. Und spricht offen über alle Fragen, sofern sie nicht sein Privatleben betreffen.
Seine Freundin soll ungenannt bleiben, nur dass sie Berlinerin ist und sie sich außerhalb der Musik kennengelernt haben, gibt er preis. Claudius Dreilich wurde 1970 geboren, als Kind von Herbert Dreilich und seiner zweiten Ehefrau Uta Schnelle. Er erinnert sich noch gut an seine Kindheit: „Ich wuchs mit der Karat-Musik auf. Mein Vater war in der DDR ein Superstar. Für mich war das nicht immer gut. Wenn ich gefragt wurde wer ich bin und der Zusammenhang mit meinem Vater klar wurde, interessierte sich niemand mehr für mich sondern nur noch für meinen Vater. Deshalb ging ich dazu über, nicht auf die Band zu verweisen.“
Claudius Dreilich denkt gerne an seine Jugendzeit in Halle zurück. Er wäre lieber in der DDR geblieben. Mutter Uta Schnelle war anderer Ansicht. Im kalten Februar 1987 fand sich Claudius Dreilich schließlich in Saarbrücken wieder. „Da war für mich alles sehr ungewohnt. Ich hatte große Probleme mit den Menschen und dem anderen System. Es leuchtet mir bis heute nicht ein, warum in den Supermärkten 20 Meter lange Regale nur für diverse Waschmittel reserviert sind, die doch alle das gleiche bewirken.“
Claudius Dreilich lernte Koch und Hotelkaufmann, „doch das war nichts für mich.“ Mit „mäßigen Schulnoten“ kam er in einem Praktiker-Baumarkt als Verkäufer unter. Offenbar hatte ihn da der Eifer gepackt. Jedenfalls machte der Einzelhandelskaufmann die Ausbildereignungsprüfung und saß schließlich im Prüfungsausschuss der IHK. „Dort wurde ich von einem Ikea-Vertreter angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, in dem Konzern eine Management-Ausbildung zu machen!“ Und das, obwohl Claudius Dreilich gerade mal den Realschulabschluss geschafft hatte!
Es begann ein kometenhafter Aufstieg. Der Junge aus Ostdeutschland mit den miesen Schulnoten und dem leicht gestörten Verhältnis zur kapitalistischen Überschuss- und Wegwerfgesellschaft wurde zur universell einsetzbaren „Geheimwaffe“ in dem schwedischen Konzern. „Ich war direkt der Zentrale in Schweden unterstellt“, erinnert er sich. Dreilich etablierte die ersten beiden Ikea-Filialen in Russland, „dabei waren meine Sprachkenntnisse eher bescheiden“. Er war über fünf Jahre in Moskau, „das bedeutete viel Geld und soviel wie keine Freizeit. 70 bis 80 Stunden in der Woche waren selbstverständlich.“ Trost fand er bei der Russin Olga.
Nach so langer Zeit in der von massiven Umbrüchen bewegten russischen Metropole „bekam ich das Angebot, sozusagen zur Erholung nach Österreich zu gehen. Dort habe ich dann zwei Ikea-Märkte neu strukturiert. Dann kam 2004 das Angebot, nach Shanghai zu gehen. Ich sagte zu.“
Exakt da bekam Claudius Dreilich den Anruf der Karat-Musiker, vertretungsweise für den an Leberkrebs erkrankten Vater aufzutreten: „Als Siebenjähriger hatte ich das Konservatorium besucht, erst Geige, dann Klavier gelernt. Die Gitarrengriffe schaute ich mir bei Herbert ab. Ich habe aber nie in einer Band gespielt, denn für mich kam nur Karat-Musik in Frage.“
Dass er damit überzeugen kann, bewies er beim Jubiläumskonzert der Band im Jahr 2000 in der Berliner Wuhlheide.
Vater Herbert Dreilich war vom Sohn überzeugt: „Du bist die Rampensau, Du kannst das“, so die Erinnerung von Claudius Dreilich. „Ich hätte aber nie gedacht, dass ich es schaffe. Es gab noch keine Band, wo der Sohn als Nachfolger seines berühmten Vaters den Erfolg weiterführen konnte. Natürlich war mir klar, bei Ikea war ich deswegen erfolgreich, weil ich für die gesamte Belegschaft den Entertainer spielte, der gute Laune und Sympathie verbreitete. Aber ob das für die auf meinen Vater eingeschworenen Fans reicht, selbst wenn meine Stimme ihm sehr ähnelt?“
Am 12. Dezember 2004 verstarb Herbert Dreilich im Alter von erst 62 Jahren. Sein Sohn fühlte sich endgültig in die Pflicht genommen. „Karat war für mich immer wie eine große Familie. Die Band ist zugleich ein Unternehmen, an dem Familien hängen, die Musiker, die Techniker und viele mehr. Alle hatten eine lange Durststrecke hinter sich, erst nach dem Schlaganfall meines Vaters 1997 und dann durch seine Krebs-Erkrankung gab es nur eingeschränkte Auftritte und damit immer weniger Einnahmen.“
Natürlich war Claudius Dreilich klar, dass der Wechsel vom Manager-Posten zu Karat für ihn finanzielle Einbußen bedeutet. „Geld ist für mich nicht das Wichtigste. Bei Karat habe ich nun endlich wieder mehr Zeit.“
Die nutzt er für seine neue Freundin und um mit den Hunden ausgedehnte Waldspaziergänge zu machen.
Nur ungern erinnert er sich an den Namensstreit, den Susanne Dreilich, die seit 1994 mit dem Karat-Frontmann verheiratet war, losgetreten hatte: „Mein Vater hatte irgendwann den Namen der Band schützen lassen, um zu verhindern, dass er missbraucht wird. Er wollte aber, dass Karat weiter existiert, mit mir als seinem Nachfolger. Seine Witwe wollte von uns Lizenzgebühr für die Nutzung des Namens. Es ging nur ums Geld, mein Vater hätte das nie so gewollt.“
Im Juni 2007 bekam die Band vor Gericht recht und kann seitdem wieder als Karat auftreten.
Mittlerweile präsentiert sich Karat mit einer Mischung aus neuen und alten Songs, die ankommt. Die Jubiläums-Tournee zum 35. Geburtstag 2010 war ein voller Erfolg. „Für 2012 sind Auftritte in Wiesbaden und Mainz ebenso vorgesehen wie eine Unplugged-Tour durch Thüringen und Sachsen-Anhalt“, gibt Claudius Dreilich einen Ausblick.
Nach Erkner hat ihn übrigens die Liebe zum Wasser gebracht. „Ich habe selbst ein Boot und habe einen Wohnort gesucht, wo ich nahe beim Wasser bin“, berichtet er.
„Achim Wegeleben von der Wohnungsgesellschaft hat mir geholfen und mich nach Erkner gebracht.“
Die Gegend ist ja bei gestandenen Rockern beliebt. Ex-Karat Keyboarder Thomas Kurzhals wohnt hier ebenfalls. „Wir treffen uns manchmal, aber noch öfters sehe ich seinen Sohn, der tolle Musik macht“, berichtet Claudius Dreilich. Nicht weit entfernt residieren im angrenzenden Rahnsdorf Kollegen der Puhdys, bei denen Herbert Dreilich 1968 für kurze Zeit eingestiegen war, bevor er später selbst mit Karat zum Star wurde. „Wir treffen uns regelmäßig zum Bier und Erfahrungsaustausch.“
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