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Wenn die S-Bahn wieder mal nicht
fährt, gibt es durchaus den einen oder
anderen verhinderten Fahrgast, dem
dies mächtig „stinkt“. Die Benutzung
dieses Transportmittels ist eben stets
eine sinnliche Erfahrung!

Das kann Walied Schön nur unterstreichen,
denn er nimmt seine S-Bahn mit allen
Sinnen, insbesondere durch riechen, hören
und sehen wahr. Dabei meint der junge
Vorsitzende des Vereins „Historische S-
Bahn e.V.“ allerdings etwas andere
Eindrücke als die oftmals zu Recht
verärgerten Fahrgäste.

Richtige Nase für Pannen

Walied Schön hört und riecht nämlich,
wenn an seinem Triebwagen etwas falsch
läuft. Der 42-jährige hauptberufliche Prüfer
für Lokführer bei der S-Bahn kennt
nämlich die mittlerweile historischen
Modelle, die seit genau 90 Jahren auf den
Schienen der Stadt verkehren, wie die
eigene Westentasche.

Oldtimer in Fahrt

Das wird immer mehr zur schieren
Notwendigkeit: „Uns geht es darum, die
historischen S-Bahnen wieder richtig auf
die Schiene zu bringen“, nennt er als Ziel.
Herzstück des Vereins ist die alte
Triebwagenhalle in Erkner. Das unendlich
lang erscheinende Backsteingebäude ist mit
86 Jahren nur ein klein wenig jünger als die
moderne S-Bahn in Berlin. „1924 wurden
die ersten elektrischen Triebwagen
eingesetzt. Die Halle wurde 1928 gebaut.
Vorher gab es in Erkner bereits einen
Ringlokschuppen für Dampflokomotiven“,
gibt Walied Schön schöne Einblicke in
Erkners Rolle bei der Eisenbahngeschichte.

70 Jahre voll im Dienstplan

Gerne würde Walied Schön diese
öffentlich präsentieren. Die „Schätze“ in
Erkner beginnen mit dem ersten Zug. In
der Halle sind original-zurückgebaute Züge
der Bauart „Stadtbahn“, die noch bis zum
Jahr 1997 im Einsatz waren, zu sehen. Das
Nachfolgemodell „Bauart 37/41“ war in
einer modernisierten Form  bis 2003 auf
den Schienen. Die „Stadtbahner“ fuhren
damit stolze 70 Jahre Plandienst. „Das ist
ein absoluter Rekord, den kein anderes
Eisenbahnfahrzeug in Deutschland
erreicht“, ist Walied Schön immer noch
begeistert. Um die alten Modelle zu
pflegen und fahrfähig zu halten,
„vermachte“ die Bahn den
Traditionsfreunden die alte Halle in Erkner.

Exklusive Einblicke

Nach den großen technischen Problemen
der letzten Jahre erweiterte die Bahn
zwangsweise den Wartungsbereich. Seit
2011 werden hier die hochmodernen neuen
Züge mit betreut. „Das bedeutet leider,
dass wir unsere Züge nicht einfach wie in
einem Museum präsentieren können, denn
das würde den normalen Instandhaltungs
betrieb stören“, so Walied Schön.
Deswegen ist nur einmal im Jahr zum
Stadtfest geöffnet. „Darüber hinaus bieten
wir Führungen für Schulklassen und
Besuchergruppen nach entsprechender
Abstimmung an.“

Engagement und Technik

Dabei hätten die Züge so viel zu berichten.
Etwa von Zeiten vor dem 2. Weltkrieg, wo
die Fahrgäste noch zwischen
komfortablerer 2. Klasse mit gepolsterten
Sitzen oder günstigerer 3. Klasse mit Holz
bänken auswählen konnten. Zudem konnte
man in jeder Klasse zwischen Raucher-
und Nichtraucher-Abteil wählen. „Als
weiteres war man darauf bedacht, dass die
Fahrgäste den Waggon ihrer Klasse immer
auf dem Bahnhof an der gleichen Stelle
vorfanden. Das war eine logistische
Anforderung, die wir heute trotz moderner
Computertechnik kaum bewältigen
könnten“, ist Walied Schön voller Respekt.

Sinn fürs Neue

Dass die Bahn die immer wieder
modernisierten Fahrzeuge mit 70 Jahre
alter Grundtechnik durch neue Fahrzeuge
mit Drehstrom-Antriebstechnik ersetzte,
kann der Vorsitzende des Vereins
„Historische S-Bahn“ durchaus verstehen:
„Die neuen Fahrzeuge sind bequemer,
leichter zu warten und entsprechen den
heute geltenden Normen. Es wäre kaum
wirtschaftlich gewesen, die alten Züge
entsprechend umzugestalten.“ Dass
nunmehr Welten zwischen den beiden S-
Bahn-Technikgenerationen liegen, hat für
Walied Schön und seine Nostalgie-
Mechaniker manche Nachteile: „Bei der S-
Bahn ist heute kaum noch jemand da, der
Ahnung von den alten Zügen hat, so dass
wir die gesamte Wartung selbst
übernehmen müssen.“

Wenige Aktive

Man kann sich vorstellen, dass dies eine
große Aufgabe ist. „Wir sind aus einer
Freizeitgruppe des Bahn-Sozialwerks
hervorgegangen und haben etwa 170
Mitglieder. Doch der Kreis der Aktiven,
die mit an den Fahrzeugen arbeiten,
beschränkt sich auf 20 bis 30 Personen“, so
Walied Schön. Dabei kann man an einer
tonnenschweren Bahn nicht einfach wie am
Motorrad her- umschrauben. „Hier müssen
immer mehrere Personen am Zug sein.“

Beeindruckende Fahrt

Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt die
Probefahrt: Walied Schön schließt seinen
Zug an die „Steckdose“ an. Es funkt
furchterregend, wird der Zug doch mit 750
Volt versorgt! Dann plötzlich ist Walied
Schön nicht mehr zu sehen. Dafür schnaubt
die „alte Tante“ wie ein Elefant, dem man
die Bananen geklaut hat. Mehrmals kommt
das vernehmliche Signal, immer leiser.
„Test der Druckluftbremsen“, wie ich
später kundig werde. Ich darf mit ins
„Cockpit“, das erschreckend eng,
spartanisch, und was die Instrumente
angeht, sehr übersichtlich wirkt. Herzstück
ist ein massiver Knopf.

Tempo auf Knopfdruck

Walied Schön drückt drauf. Das
„Ungeheuer“ setzt sich mit Elan in
Bewegung, so dynamisch, wie es bei der
S-Bahn immer wieder verblüfft. Dann lässt
er den Knopf nach oben springen, der Zug
rollt geschmeidig weiter. „Nun ist das
Kabel abgezogen, und wir müssen
spannungslos bis an die Stromschiene
außerhalb der Halle rollen“, erklärt der
Fachmann.

Ohne Gaspedal

Kaum sind wir in der warmen Herbstsonne,
wird wieder der große Knopf gedrückt:
„Bei der S-Bahn gibt es kein Gaspedal, es
gibt nur Fahrt oder nicht. Das Fahrzeug
beschleunigt erst von seinem Schaltwerk
gesteuert, bis wir auf 45 Stundenkilometer
sind, dann kann es maximal 80
Stundenkilometer erreichen. Und so geht es
von Station zu Station. Bei jedem Anfahren
werden bis zu 13 Stufen automatisch
geschaltet.“ Man kann nur den Hut ziehen
vor dieser 90 Jahre alten Technik! Ziel des
Vereins ist es, die alten Bahnen wieder für
Sonderfahrten im S-Bahnnetz einsetzen zu
können. Das geht nur mit ausgebildeten
Lokführern, wie es Walied Schön einer ist.
Das größere Problem ist, dass die
Fahrzeuge alle sechs bis acht Jahre einer
umfangreichen und teuren technischen
Prüfung unterworfen werden müssen.

S-Bahn als sinnliches Erlebnis

Stand Dezember 2014

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Ja-Wort auf Schienen

„Um mit unserem Zug der Bauart 1937/41
wieder für Sonderfahrten auf die Schiene zu
kommen, fehlen uns momentan etwa 200
000 Euro. Das Problem ist, dass wir mit
dem Zug erst Einnahmen erzielen können,
wenn er auf die Strecke darf. Wir sind also
dringend auf Spenden angewiesen“, so der
begeisterte S-Bahner, den sogar seine große
Liebe mit der Bahn verbindet. Die Hochzeit
von Annette Schön und Walied Schön fand,
natürlich, in der historischen S-Bahn statt!
Das war vor zehn Jahren, so dass Familie
Schön doppelten Grund zum Feiern hatte,
als 2014 die S-Bahn das runde 90. Jubiläum
beging.

Infos:
Tel. 01 77/4 75 61 28

In Erkner können 90 Jahre S-Bahn-Geschichte
bestaunt werden. Klar, dass das viele Besucher
anzieht.

Annette Schön und Walied Schön gaben sich
ganz wie es sich für Eisenbahnfans gehört, im
historischen Zug das Jawort.

Die Technik von vor 90 Jahren ist heute immer
noch beeindruckend einsatzbereit. Lange Zeit
gab es unterschiedliche Waggonklassen.