Ein neues Museum will Erkners Bedeutung für die Welt hervorheben

Wiege des Kunststoff-Zeitalters

Wer könnte sich heute ein Leben ohne Kunststoff vorstellen? Im Auto, im Haushalt, im Arbeitsleben, es gibt keinen Bereich, wo man sich dieses Material noch wegdenken könnte. Doch wer in Deutschland würde daran denken, dass es ohne Erkner vielleicht gar keinen Kunststoff geben würde?
„In Erkner ist die Wiege des Kunststoff-Zeitalters“, fasst Gerhard Koßmehl zusammen. „Dass aus Phenol und Formaldehyd ein fester harzartiger Stoff entsteht, war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Doch zwischen dieser Erkenntnis und der industriellen Nutzung lagen Welten. Der in den USA lebende Belgier Leo Baekeland hatte ein Verfahren entwickelt, durch Beimengung von Stoffen wie Steinmehl einen aushärtbaren Kunststoff herzustellen. Doch dazu benötigte er große Mengen an Phenol, wie er sie in den USA nicht fand. Durch Zufall stieß er bei einer Deutschlandreise auf die Rütgers-Werke in Erkner. Dort wurde unter anderem Phenol aus Teer gewonnen!“ Dann ging alles schnell: 1908 wurden in Erkner die Bakelite GmbH gegründet. Sie lieferten den Grundstoff für den Volksempfänger der Nazis, für die Fernseh-Gehäuse im Holz-Design der 70er Jahre oder für den Trabi. Bei letzterem sorgte die Beimischung von sowjetischer Baumwolle für Stabilität und Elastizität.
Der das alles so genau weiß, ist ein Berliner Professor, der während der Kriegsjahre als kleiner Junge bei Erkner evakuiert war. Sein Traum: „Ein Chemiemuseum in Erkner soll in Deutschland und in anderen Ländern diese überragende Stellung der Stadt für die weltweite Entwicklung sichtbar machen!“
Um ihn geschart hat sich ein „Freundeskreis“ aus Erkneranern, der sich noch in diesem Jahr als Verein gründen will. 2003 ist schließlich das Jahr der Chemie. Dann soll alles Schlag auf Schlag gehen. Ausstellungsstücke sind bereits vorhanden. Namhafte Museen, wie das Deutsche Museum in München, haben ihre Unterstützung zugesagt. Mit der Scheune beim derzeitigen Heimatmuseum ist ein Platz gefunden, um erst einmal beginnen zu können.
„Wenn wir was vorzuzeigen haben, können wir leichter Geld sammeln“, schmunzelt Koßmehl, der weiß, dass die Stadt Erkner bei aller Freude über die Idee kaum ausreichend Mittel dafür haben wird.
So will Koßmehl die Gelder bei der chemischen Industrie, bei Verbänden und einzelnen Firmen einwerben. Dabei kann er seine langjährigen persönlichen Kontakte als international renommierter Wissenschaftler, der sich bei der Entwicklung der weichen Kontaktlinsen oder elektrisch leitfähiger Kunststoffe einen Namen gemacht hat, nutzen. Für Erkner dürfte das Chemie-Museum Renommé, Besucher und in der Folge wichtige wirtschaftliche Impulse bringen. Wäre doch schade, wenn die Wiege des Kunststoff-Zeitalters von der massenhaften Verbreitung dieses Produkts weiterhin kein bisschen mehr als andere Orte profitieren würde!

Infos: Tel. 030/7728593

Professor Koßmehl hat Exponate wie die Fußbodenheizung bereits griffbereit im Keller stehen.

Ein Damenschuh aus einem Stück spart Geld.

Reißverschlüsse auf Kunststoff sind nicht mehr wegzudenken.

Koßmehl kann seine langjährigen Kontakte als international Wissenschaftler, der sich bei der Entwicklung der weichen Kontaktlinsen einen Namen gemacht hat, nutzen.