Wie Erkner Luftkurort wurde

Teergestank als Heilmittel

Mit schlechten Düften zum Luftkurort? „Erkners Teerfabrik stank förmlich zum Himmel. Doch gerade das scheint man eine Zeit lang als Attraktion verkauft zu haben. Offenbar konnten die Erkneraner ihren Zeitgenossen glaubhaft machen, dass der Teergestank für die Gesundheit, besonders für die Lungen, gut war!“
Das fand der Orts-Chronist Dr. Bernd Rühle heraus: „Natürlich ist dies nicht gesichert. Aber die Vermutung liegt nahe“, berichtet er.
Wir wollten von ihm die Frage geklärt haben, wieso es in Erkner eine Straße „Am Kurpark“ gibt. War Erkner also früher einmal Kurort?
Dr. Rühle kramte in Unterlagen und fand heraus, dass die Gemeinde am Dämeritzsee tatsächlich in der Zeit um 1880 herum versuchte, erholungssuchende Berliner anzuziehen. Trotz Teerfabrik!
„Gemeinden wie Friedrichshagen haben konsequent versucht, sich vor Industrieansiedlungen zu schützen. Erkner ist das nicht gelungen. Also versuchte man wohl, die Not zur Tugend zu machen!“ Nach Rühles Forschungen war es der Verschönerungsverein unter seinem Vorsitzenden, dem niedergelassenen Arzt und Sanitätsrat Dr. Carl Moeller, der sich für dieses Projekt stark machte. Schließlich wurde ein Wald um den heutigen Karutzsee herum kurzerhand zum Kurpark erklärt. Der Verschönerungsverein ließ Bänke aufstellen, Wege anlegen und ein Denkmal für den 1885 verstorbenen Amtsvorsteher Karl Hübner errichten. Sogar ein Parkwächter wurde angestellt und bezahlt, der für Ordnung zu sorgen hatte. Und damit der Gemeindesäckel sich fülle, wurden eine Kurtaxe und Vergnügungssteuer erhoben.
Offenbar gelang es den damaligen Tourismusmanagern tatsächlich, Erkner als Luftkurort zu vermarkten. Ließ sich doch sogar der Dichter und Schriftsteller Gerhart Hauptmann in der Gemeinde nieder – auf dringenden Rat seiner Ärzte, um die gute Luft zu genießen! Hauptmann lebte mit seiner Familie von 1885 bis 1889 in der Villa Lassen, die damals als Privatpension fungierte. Anschließend ging das Anwesen an die Berliner Kindl Brauerei. Und die baute das Haus ein wenig um und machte daraus – ein Kurhaus!
Mit dem Zweiten Weltkrieg fand Erkners Kurherrlichkeit ein Ende. Neben der Teerfabrik, den Rütgers-Werken, gab es nun mit einem Ableger der bayrischen Kugellager-Fabrik SKF und der Kunststoffproduktion in den Bakelit-Werken drei Industriebetriebe, die alle für Rüstungszwecke produzierten. Das war für die Alliierten Anlass zu einem verheerenden Bombenangriff am 8. März 1944. Der Ort wurde fast vollständig in Schutt und Asche gelegt, 300 Menschen starben. Nur den Industriebetrieben passierte wenig! Dafür ging die vom Lehrer Karl Widmer zusammengetragene Heimatsammlung verloren, so dass es heute kaum schriftliche Zeugen oder Bilder aus Erkners Vergangenheit gibt.
Nach dem Krieg interessierte sich kaum jemand für den Kurcharakter Erkners. Statt dessen kam es am Rande des früheren Kurparks zur Wohnbebauung – trotz des Widerstands des damaligen Oberförsters Ronald Totl, der um die alten Bäume kämpfte.
Mit den Häusern entstanden ist damals der Straßenname „Am Kurpark“, der heute den meisten Bürgern Rätsel aufgibt. Wiederentstanden ist übrigens ein Wanderweg um den Karutzsee herum, der als Erinnerung an den Kurpark von Dr. Bernd Rühle maßgeblich mit initiiert wurde.

Dr. Bernd Rühle fand heraus, dass Erkner Luftkurort war.

Dr. Carl Moeller gilt als Initiator des Kurparks.

Aus der Villa Lassen wurde das Kurhaus. Dafür hatte die Berliner Kindl Brauerei gesorgt. Heute ist in dem Gebäude das Gerhart Hauptmann Museum untergebracht.

Im Park ließ man einen Gedenkstein für Karl Hübner errichten.