Stand Juni 2012
Abenteuer auf den Weltmeeren
Die Deckenbeleuchtung lässt den „Großen Bär“ erstrahlen. Der einzige Kapitän von Falkensee, der jahrelang mit Riesenschiffen die Meere der Welt bereiste, kann vom maritimen Flair nicht mehr lassen. Er schnackt mit Landratten im besten Platt und ist, ganz nebenbei, ein ungewöhnlicher Erfolgsautor, der im renommierten Ullstein-Verlag  sieben Bücher veröffentlicht hat. Das achte ist bereits in Arbeit.
Sie alle spielen, wie könnte es anders sein, auf hoher See. Wer nun glaubt, dass Uwe Minge darin ganz einfach seine spannenden Erinnerungen verarbeitet, der wird schnell eines viel Besseren belehrt.
Segeln wie es früher war
Denn Minge taucht dabei in genau eine Ära ein, die er selbst nicht erlebt hat. So führt er uns in die Zeit des Siebenjährigen Kriegs zurück. Damals, 1756 bis 1763, kämpften die Großmächte Preußen und Großbritannien gegen die Verbündeten Österreich, Frankreich und Russland. Oder er lässt seinen jungen Kapitän William Turner Abenteuer auf hoher See im Auftrag Englands bestehen.
Kapitän Minge stellt die alten Segelschiffe in den Mittelpunkt seiner sehr lebendigen und spannenden Bücher, obwohl er selbst damit erst mal keine Erfahrung gesammelt hat. Ganz im Gegenteil: „Dass Matrosen noch heute auf Großseglern wie der Gorck Fock geschult werden, ist wenig nützlich, denn die Verhältnisse darauf sind ganz andere als auf einem modernen Schiff. Das einzige was die Schulungen dort bringen ist der Zusammenhalt unter schwierigen Bedingungen!“

Matrose statt Postbote
Uwe Minge muss es einschätzen können, denn er war lange Jahre aktiv auf See. Er stammt aus der „Wasserstadt“ Spandau, ist aber durch die Datscha der Großeltern seit Kindesbeinen mit Falkensee verbunden. „Als ich mit der Schule fertig war, hatte ich keine Idee, was ich beruflich machen sollte“, erinnert er sich zurück. „Die Mutter war Witwe, mein Vater war vor unseren Augen in den letzten Kriegstagen auf der Zitadelle Spandau gefallen, als er einem Verletzten helfen wollte. Sie wünschte sich deshalb, dass ich etwas Sicheres in meinem Leben zum Beruf mache, wo nichts passieren kann. Beamter bei der Post hielt sie für eine gute Idee. Als 17-Jähriger hat man aber etwas andere Vorstellungen vom weiteren Leben. Da kam es gut, dass der Berufsberater des Arbeitsamts, der von der Küste stammte, vorschlug, sich doch mal in der Seemannsschule in Bremervörde zu bewerben. Damals, 1961, gab es viele Schlager, die vom Seemannsleben schwärmten, so dass mir die Idee nicht so schlecht vorkam. Der militärische Drill schreckte mich zwar etwas ab, aber es war immerhin ein Weg weg von zu Hause und vielleicht in ein großes Abenteuer.“
Aus kleinen Verhältnissen
So ähnlich ist es wohl seinem Helden William Turner ebenfalls gegangen. Der kommt wie sein Erfinder aus kleinen Verhältnissen und arbeitet sich dann durch Mut und Geradlinigkeit nach oben. Minge jedenfalls schaffte die Karriere vom Schiffsjungen auf einem Küstenmotorschiff, das Warentransporte in die Nachbarländer brachte, bis zum Kapitän mit Vollpatent.
Langeweile als größter Feind
Er führte riesige Frachter durch die Weltmeere, erlebte seine Äquatortaufe und weiß, dass die Schifffahrt damals in den 1970-er Jahren ganz andere Probleme hatte als zu Zeiten seiner späteren Helden: „Wir waren teilweise 46 Tage an Deck, bis wir einen Hafen erreichten und endlich mal ein Landgang anstand. Wenn 40 Mann auf engem Raum über einen so langen Zeitraum zusammen sind, zehrt das irgendwann an den Nerven. Größter Feind des Seemanns von heute ist die Langeweile, gegen die jeder versucht, etwas zu machen. Deshalb empfinden viele die Seemänner als etwas sonderbar und spleenig. Das Wichtigste für das gute Klima an Bord sind die Kombüse und der Schiffskoch. Wenn die Verpflegung nicht stimmt, ist die Stimmung dauerhaft mies, und das schlägt aufs Gemüt.“
Zurück an Land
Uwe Minge hatte als junger Kapitän viele Chancen, doch er konnte über den Tellerrand der Weltmeere hinaus sehen: „Als die Schifffahrt durch die Containerschiffe in die Krise kam und die Reedereien zunehmend billige ausländische Arbeitskräfte statt ausgebildete Matrosen einsetzten, wusste ich, dass es Zeit war, etwas anderes zu machen.“
Kapitän Minge kam wieder zurück nach Berlin und begann Jura zu studieren. Daneben betrieb er mit einem Freund eine Segelschule. „Mir kam es darauf an, dass meine Schüler nicht nur den Schein bekamen, sondern so viel lernten, dass sie sich möglichst sicher auf dem Wasser bewegen konnten. Es ist wesentlich schwieriger, eine Zwölf-Meter-Yacht in Nord- und Ostsee oder im Mittelmeer zu führen als einen 100 000 Tonner durch den engen Ärmelkanal“, weiß er aus dieser Zeit.  
Liebe im Hörsaal
Die Erfahrungen mit Seglern hat er jedenfalls gut verwertet, wie seine Bücher zeigen. Da „die See“ ihn wieder gefangen hatte, war es mit der Juristerei schnell aus. Vergeudete Zeit war das Studium dennoch nicht, denn dabei hatte er immerhin seine Ehefrau gefunden!
Die Tätigkeit als Segellehrer sollte aber noch viel lebensbestimmender sein, als er sich damals in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können.
Trost mit Folgen
„Unter den Schülern war eine junge Berlinerin, die leider im ersten Anlauf durch die Prüfung gefallen war. Ich tröstete sie, wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, dass sie Lektorin beim Ullstein-Verlag ist. Da der Verlag viele Fachbücher und Romane mit maritimem Hintergrund hatte, bot sie mir an, bei ihr als Übersetzer tätig zu werden.“ Der Kapitän aus Falkensee zögerte nicht lange. Seine feinfühligen und fachlich exakten Übertragungen sprachen sich schnell herum.
 „Warum schreiben sie denn nicht mal selbst einen Roman“, regte seine Fördererin weiter an.
Greifbare Geschichte
Mittlerweile gibt es fünf Bände, in denen Uwe Minge unter dem Autoren-Pseudonym Paul Quincy seinen Leutnant William Turner  Abenteuer erleben lässt. Zwei weitere Bände unter dem Pseudonym Ole Groothus beschäftigen sich mit dem Siebenjährigen Krieg. Dort stehen die beiden Zwillingsbrüder Peter und Paul von Morin im Mittelpunkt. Jeder gerät auf eine andere Seite, so dass man mit den beiden die Zeit abwechselnd aus französischer und englisch-preußische Sicht erleben kann. Die Auseinandersetzungen beginnen in Ostpreußen, in der Ostseeregion um Danzig und vermitteln dadurch den Blick in eine Gegend, die uns ja vor der Haustür liegt.
Große Fan-Gemeinde
Schade ist, dass der Verlag meinte, die Bücher mit kitschigem Cover, gewollt reißerischen Titeln und dem unnötigen Spiel mit Pseudonymen besser verkaufen zu können und damit sicher viele potenzielle Leser abschreckt. Dennoch hat Uwe Minge mittlerweile eine große Fan-Gemeinde, die erkannt hat, dass es bei ihm nicht um altmodische Seeräuber-Romane geht.  
Historie gerade gerückt
Stattdessen schafft er Einblicke in eine Ära, die für unsere Zeit heute vielfach weichenstellend war. Mit dem Verstehen des Gestern lässt sich vieles, was sich aktuell abspielt, erst richtig klar erkennen. Minge legt deshalb immensen Wert auf historisch korrekte Darstellung und hat dafür enorm recherchiert. Er sagt selbst, dass er dabei manche verdrehte Geschichtsdarstellung erkannte und gerade gerückt hat. Jedenfalls hilft er zu einem Blick in die Historie, die gerade Landratten, wie es wohl die meisten Falkenseer sind, viele neue Einblicke auf total spannende Weise vermittelt. Deshalb lautet der Tipp, sich nicht von der Covergestaltung und den Buchdeckeln abschrecken lassen, denn innen ist ein richtiger Minge, der mit seinen Werken auf ganz moderne Weise hilft, unsere Vergangenheit zu verstehen. Allerdings sollte man sich bei den ersten Seiten ein Lexikon daneben legen, das hilft, die Seemannsbegriffe erst mal zu verstehen, damit man sich an Bord orientieren kann. Da wäre eine erklärende Legende für Landratten sehr hilfreich gewesen, um gleich mit voller Kraft durch den Text segeln zu können.
Infos: wortmanufaktur-minge.de 
Tel. 0 33 22/24 10 20
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