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Kunst und Technik in Symbiose

Stand Juni 2014

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Malerei als „brotlose Kunst“ kommt bei
besorgten Eltern als Berufswunsch
verständlicherweise nicht besonders gut an,
vor allem wenn der Berufsberater als solide
Alternative „Radio- und Fernsehtechniker“
vorschlägt!

Was soll man da als Heranwachsender machen,
wenn man vom eigenen Talent überzeugt ist,
dennoch die Familie nicht völlig vor den Kopf
stoßen möchte? Heinz Bert Dreckmann fand die
Lösung. Er klopfte beim Theater an, ob die in
ihrem Malersaal vielleicht einen
Ausbildungsplatz frei hätten. Studieren kann man
dann ja immer noch, was der angehende Künstler
nach erfolgreichem Abschluss seiner Ausbildung
am neu errichteten modernen Opernhaus seiner
Geburtsstadt Köln ausgiebig tat, in rekordreifen
elf Semestern! Heute gilt er in der Kunstwelt als
„moderner da Vinci“. Denn eine seiner
herausragenden Spezialitäten ist es, Technik und
Kunst zu vereinen!

Entdeckt vom Star-Regisseur

Offenbar hatte der gelernte Theatermaler
während der sechs Jahre, in denen er „Wand- und
Experimentelle Malerei“ an den „Kölner
Werkschulen“ studierte, nicht herumgegammelt
sondern brav aufgepasst. Kaum hatte Heinz Bert
Dreckmann 1971 seinen Abschluss in der
Tasche, engagierte ihn schon Star-Regisseur
Peter Stein an die Berliner „Schaubühne am
Halleschen Ufer“. Im damaligen Ensemble waren
heutige Größen des deutschen Theaters und Films
wie Otto Sander, Jutta Lampe, Ernst Stötzner und
Bruno Ganz. Heinz Bert Dreckmann kam, sah
und war vom brodelnden Westberlin trotz
Insellage so fasziniert, dass er „erst nach zwei
Jahren und nur ganz  kurz nach Köln zum
Wohnungsauflösen und Zimmerblumenabholen
kam“, wie er sich heute erinnert. Peter Stein war
sofort vom jungen Künstler überzeugt und
engagierte ihn als „erster Maler“.

Liebe im Malersaal  

In Berlin im Malersaal lernte er die acht Jahre
jüngere aus Müllheim in Baden stammende
Innenarchitektin Gabriele Sehringer kennen und
lieben. Seit 1982 wirken Heinz Bert Dreckmann
und Gabriele Sehringer zusammen, oft in
internationalen Projekten. Zehn Jahre später,
1992, zogen sie von Charlottenburg nach
Falkensee. Hier im Havelland hatte es ihnen ein
Haus mit Garten angetan. Um Platz für die Kunst
zu bekommen, wurden Wände entfernt, Türen
vermieden, es wurde umgebaut und gestaltet.
„Auf diese Weise gewannen wir viel Licht,
verloren aber leider Platz, um Bilder
aufzuhängen“, beschreibt Dreckmann die
Schattenseite des Umbaus. Künstler Heinz Bert
Dreckmann bewies dabei, dass er keine Angst vor
Maurerdreck und Mörtel hat und viel mehr kann
als den Malerpinsel kunstvoll zu bewegen. „Wir
haben fast alles selbst gemacht.” Gabriele
Sehringer hat dabei unter anderem den Part des
Elektrikers  übernommen. „Die Inneneinrichtung,
Sitzgruppe und Beleuchtung stammen ebenfalls
von uns“, so Gabriele Sehringer. „Das größte
Problem waren unsere teilweise gegensätzlichen
Ideen.“  

Weltweit aktiv

Das Paar ist weltweit ein Begriff. Sie sind immer
dann gefragt, wenn es um oftmals sehr filigrane
Großflächen-malerei geht. Zu den Auftraggebern
gehören hochkarätige Museen, bekannte Theater,
Ausstellungsmacher und Kinoproduktionen. So
waren sie mit der kompletten malerischen
Ausgestaltung des deutschen Pavillons der Expo
1992 im spanischen Sevilla betraut. Sie sorgten für
effektvolle Wandbemalungen  in Berlin, so im
„Islamischen Museum im Pergamon Museum“, im
„Museum für Vorgeschichte“ und im „Alten
Museum“, wo sie für die Ausstellung „Gesichter
des Orients“ Repliken der Fresken aus dem
berühmten Wüstenschloss Qusair Amra fertigten.

Zucker und Fußball

Für das eher Fachleuten bekannte
„Zuckermuseum“ malten sie eine lebensecht
wirkende Zuckerrohrlandschaft, „weil sich diese
Pflanze nicht präparieren lässt“, so Gabriele
Sehringer. In der Burg Altena schufen sie eine
eindrucksvolle Bärenhöhle. Im Berliner „Museum
für Naturkunde“ sind spezielle Globen zu sehen,
auf denen die Entstehung der Welt durch
Verschiebung ihrer Erdplatten plastisch vorstellbar
wird. Zudem waren sie für Aufsehen erregende
Ausstellungen in Deutschland und den
Nachbarländern gefragt. Dabei entstanden
spektakuläre Werke wie ein 30 Meter langes
Wandbild der untergegangenen Titanic im Maßstab
1:10. Sie ließen die historische Sitzordnung im
Reichstag wieder auferstehen und waren im
Pergamonmuseum für die Babylon-Ausstellung
tätig. Zur Fußball-WM 2006 waren sie für eine
Ausstellung im Kanzleramt gefragt. Ein
ungewöhnlicher Auftrag war die 35 Meter lange
Seidenmalerei für die Ausstellung „Story of
Berlin“ und die Raumgestaltung im
Gustavianischen Stil im Kronprinzenpalais.

Blockbuster aus Falkensee  

In Spielfilmen wie „Der grüne Heinrich“ war das
ungewöhnliche Künstlerpaar aus Falkensee für die
Kulisse zuständig. Sie schufen für den Spielfilm-
Blockbuster „Die unendliche Geschichte“ das
Fantasiehaus des Gnom. Dann waren sie wiederum
für die Hintergründe von „Berlinsketche“ und für
die Studios von „1A Fernsehen“ im Einsatz.
Außerdem waren sie für die Kulisse von Ulrike
Ottingers Film „7 Todsünden – Der Geiz“
zuständig. Einen weiteren wichtigen Stellenwert
nimmt Bühnenmalerei ein. Neben den großen
Häusern in Berlin sind die Falkenseer für das
„Grips-Theater“, die „Komödie am
Kurfürstendamm Berlin“, die „Komödie
Winterhuder Fährhaus“ in Hamburg und für die
„Eutiner Festspiele“ tätig.

Kunst und Technik

Neben dieser spektakulären gemeinsamen Arbeit
ist Heinz Bert Dreckmann als ungewöhnlicher
Einzelkünstler mit einem immensen Spektrum
bekannt. Er ist Maler, Grafiker und er fertigt
höchst ungewöhnliche Objekte. Das enthüllt ihn als
genialen verspielten Tüftler. Bei ihm kommen wie
bei Leonardo da Vinci die Freude an Physik und
Technik mit der Lust an Form und
Ästhetik zusammen. Der rote Faden ist die
Verwendung von Alltagsgegenständen, die er im
Ursprungszustand lässt, aber mit neuen Funktionen
ausstattet. So entstand ein ungewöhnlicher Turm
aus 5250 Kunststoff-Suppenlöffeln, der mit seiner
filigranen Harmonie und technischen Raffinesse in
Bann zieht. Ein Großteil der „Kunst“ war die
Fertigung, denn jeder der einzelnen Ringe musste
exakt gleich sein. „Der Abstand der Löffel durfte
keinesfalls variieren“, nennt Dreckmann eine der
Schwierigkeiten. Ein Kunstobjekt, über dem er
sehr lange getüftelt hat, sind ineinander verwobene
Fahrradräder. „Das war eine große mathematische
Anforderung“, erinnert sich der Falkenseer. „Zum
Glück können wir gut rechnen“, schmunzelt
Gabriele Sehringer. Krönung war dann die „XXL-
Version“ mit gleich fünf Rädern. „Mehr ist
technisch aber nicht machbar“, ist sich der
Falkenseer sicher.

High Heels aus Gießkannen  

Sicher ist vor seiner Kreativität so gut wie nichts,
was es an profanen Dingen im Alltag gibt. Er schuf
plastische Bilder aus Partystickern und
Küchenschwämmen, gibt Wäscheklammern und
Zollstöcken eine neue Funktion. Die Wände sind
voll mit künstlerisch-skurrilen Elementen. Dazu
gehören „High Heels“ aus Gießkannen oder
Häuser aus Wäscheklammern. Metallkleiderbügel
vor einem schwarzen Hintergrund geben durch
anwachsende Größe und entsprechende
Verformung ein interessantes Bild. Doch das ist
nur ein Teil des Spiels. Der Hausherr bittet in
Sehposition direkt vor die Installation, zieht an
einem Faden unter dem Bild so wie man es vom
Hampelmann aus frühen Kindertagen kennt, und es
beginnt ein faszinierendes Schauspiel.

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Am Fädchen ziehen  

Die Bügel entfalten ein Eigenleben
und kommen, jeder durch den
anderen dazu angeregt, in
Schwingungen die an nimmermüde
Trapezkünstler im Zirkus denken
lassen. So ein „Bild“, das sich bei
jedem Anstoß anders entwickelt,
würden sicher viele gerne in der
Wohnung haben! Manche können
das sogar, denn um den großen
Entwicklungsaufwand
auszugleichen, hat der Falkenseer
diesen Hit unter seinen aktuellen
Arbeiten in einer kleinen „Auflage“
mit mehreren Exemplaren gefertigt,
von denen jedes natürlich wieder
für sich ein Unikat ist.

Namenlose Kreationen  

Dass seine Heimatstadt nun Heinz
Bert Dreckmann für sich zu ent
decken beginnt, zeigt die Einladung
zur diesjährigen Grafikausstellung
in der „Galerie Falkensee“. Längst
haben die Künstler in vielen
Ländern einen „Namen“, ganz im
Gegensatz zu den Kunstwerken von
Heinz Bert Dreckmann, denen der
Falkenseer exakt diese Ehre
konsequent versagt, um dem
Betrachter die volle Freiheit zur
Interpretation zu erhalten. Mit
seiner ungewöhnlichen
künstlerischen Verbindung von
Physik und Kreativität verhilft er
übrigens seinem geschmähten
Berufsberater doch noch zu einer
kleinen Rehabilitierung, hatte der
doch ganz zielsicher die praktischen
Fähigkeiten von Dreckmann
erkannt!

Infos:

Tel. 0 33 22/ 20 70 95
www.heinz-bert-dreckmann.de
www.malereiundgestaltung.com

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