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Herz auf der Zunge

Stand Juni 2014

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Die Kunstform des „Poetry Slam“ ist
noch ziemlich jung. Sie entstand 1986 in
Chicago und verbreitete sich in den
1990-er Jahren weltweit.

Erstaunlicherweise ging der „Virus“ von
Süd- und Westdeutschland aus, Berlin kam
erst viel später dazu. So ist es kein
Wunder, dass eine fröhliche Rheinländerin
dafür sorgt, dass Falkensee eine Poetry-
Slam-Hochburg ist. Fast wäre es dazu gar
nicht gekommen, denn eigentlich wollte
Claudia Reckermann nach ihrer Lehre als
Druckformherstellerin in die stolze
Hansestadt Hamburg. Doch dann landete
sie 1988 statt in der „Freien Hansestadt“
im ummauerten Westberlin.  

Probleme mit Steno

Sie studierte an der FU Kommunikation,
anschließend wollte sie sich auf
Drucktechnik spezialisieren. „Leider bin
ich an Steno und Schreibmaschine
gescheitert“, blickt sie schmunzelnd
zurück, denn heute ist sie als Sozial
arbeiterin am Lise-Meitner-Gymnasium in
Falkensee oftmals gefragt, wenn
Jugendliche ganz so wie sie damals,
Schulprobleme haben. Ob diese sich
ebenso pragmatisch zu helfen wissen, wie
Claudia Reckermann damals? Sie baute die
Kenntnisse aus dem „Jobben in Hotels um
das Studium zu finanzieren“ so
intensiv aus, dass sie schließlich im
„Jugendhotel International“ die Gäste
empfing. Doch die Liebe machte wieder
mal einen Strich durch die Pläne, zum
Glück für Falkensee. Denn als zweifache
Mutter wollte die lebenslustige Ex-
Rheinländerin ins Grüne – und landete in
der aufstrebenden Stadt vor den Toren
Spandaus.  

Am Puls der Jugend  

Ihre beiden Kinder schickte sie aufs Lise-
Meitner-Gymnasium, dort wo sie selbst
nach entsprechender Weiterbildung und
einem kurzen Intermezzo als Kita-
Erzieherin in Schönwalde und
Hauswirtschafterin beim ASB seit 2007 als
Sozialarbeiterin Ansprechpartnerin für
viele Probleme ist. Der eigene
Erfahrungsschatz hilft ihr dabei: „Es ist für
beide Seiten schwer, wenn die Kinder
beginnen, sich von den Familien
abzunabeln“, nennt sie ein Thema, das in
diesem Alter besonders belastend ist. Sie
selbst kann da persönliche Erfahrungen mit
beitragen: Der 20-jährige Sohn will trotz
Traumabitur mit Note 1,0 in Berlin
„Evangelische Religionslehre und
vergleichende deutsche Literatur“
studieren, „obwohl er keineswegs kirchlich
erzogen wurde.“ Und die 18-jährige
Tochter will gleich nach dem Abitur, das
sie gerade macht, ein Auslandsjahr in
Neuseeland einlegen.

Poetry-Star

Claudia Reckermann hätte also selbst eine
ganze Menge zu erzählen, auf der Bühne
eines „Poetry Slam“. Doch leider macht sie
dies nur in Ausnahmefällen und setzt
lieber auf die Wirkung ihrer jugendlichen
Stars. Damit diese das nötige „Rüstzeug“
für den Erfolg auf der Bühne bekommen,
hat sie mit Felix Römer einen „Profi“
dieser neuen Kunstform gewinnen können.
Offenbar mit Erfolg, denn die 2008
begonnene Tradition von regelmäßigen
Veranstaltungen gewinnt immer mehr an
Fahrt. Was im LMG begann, entwickelte
sich im außerschulischen Rahmen der
ASB-Mensa weiter und soll auf neue
öffentliche Veranstaltungsorte ausgeweitet
werden.  

Herz auf der Zunge

„Wenn ein Slamer den Mund aufmacht,
kann man ihm ins Herz sehen“, zitiert sie
eine Definition, die neugierig macht. „Die
Wort-Akrobatik auf der Bühne kann viel
zur Persönlichkeits-Entwicklung
beitragen.“ Als Beispiel nennt Claudia
Reckermann die Schülerin Amelie
Hofmann, die alle als schüchtern kannten,
bis sie auf der Bühne einen furiosen
Befreiungsschlag landete. Sie nennt
Henrike Dusella, die sich von Falkensee
aus aufmachte, Berlin zu erobern und den
Poetry Slam als Einstieg in ihr Studium der
Theaterwissenschaften nutzte. Klar, dass
sich die „Mutter des Poetry Slam in
Falkensee“, darüber sehr freut: „Bei uns
kann jeder auf die Bühne kommen, egal ob
Jugendlicher oder Erwachsener“, lädt sie
ein. Ausschlaggebend ist neben der
Qualität der Texte, dass man überzeugend
ist, wenn man vor anderen sein „Herz auf
der Zunge“ präsentiert. Deshalb lädt
Claudia Reckermann vor den
Veranstaltungen zu Kursen ein, in denen
man unentgeltlich das nötige Rüstzeug
erlernen kann. Schließlich möchte sie, dass
ihre Wahlheimat Falkensee die neue Rolle
als Poetry-Metropole des Havellands
erfolgreich weiter entwickelt.

Infos:
Tel. 01 76/1 05 06 65

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