Dies ist ein Archiv-Eintrag aus dem Jahre 2016!

Regisseur
Hans Kratzert, Erdmute Kratzert
Telefon:0 33 22/23 32 84

Welterfolg mit Ottokar der Weltverbesserer

Stand: Juni 2016

Der „Drache Daniel“ riss Mauern ein. Er verband, ungeplant, Ost und West.

Der beliebte Kinderfilm wurde exakt zum Tag des Mauerfalls in Berlin, am 9. November 1989, fertiggestellt und machte als letzte DEFA-Produktion in diesem Genre Filmgeschichte. Er hat seine „Wurzeln“ in Falkensee und machte damals Westdeutschland mit der DDR bekannter. Schöpfer des DDR-Films um einen verliebten Jungen, der sich zum Drachen verwandelt und Probleme hat, diese Rolle wieder los werden, ist Hans Kratzert. Der renommierte Kinderfilm-Regisseur lebt mit Ehefrau Erdmute Kratzert, die angestellte Zahnärztin in Teltow war, in Falkensee in einem traumhaften Garten­paradies mit Papageien und Katze. Das passt zu dem Filmemacher, der Kinderträume auf die Leinwand zauberte, bis ihn die Wende kurzfristig in den Albtraum der Arbeits­losigkeit versetzte!

Liebe zur Bühne
Der langjährige DEFA-Regisseur hatte schon früh die Liebe zur Bühne entdeckt. Seit Schülertagen stand er immer wieder vor Publikum, unter anderem im Theater von Stendal bei Inszenierungen von Stücken von Bertolt Brecht oder Wladimir Wladimirowitsch Majakowski. „Ich ging, soweit das Geld reichte, außerdem leidenschaftlich gerne ins Kino“, blickt er zurück. Das war sicher nicht einfach. Seine Mutter, die kaum als sie 18 geworden war, in heißer Liebe sofort geheiratet hatte, war von ihrem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Mann sitzen gelassen worden und musste die Familie als Landarbeiterin durchbringen.

„Leuchtfeuer“ entzündete Filmfeuer
Der Film „Leuchtfeuer“ von Wolfgang Staudte entfachte in dem Heranwachsenden ein bis heute loderndes „Filmfeuer“. Dabei war es nur eine einzige Einstellung, die dies bewirkte: „Staudte zeigte das mensch­liche Dilemma des Leuchtturmwärters nur an dessen Hand. Man sah sie in Großaufnahme, wie sie bebte, während der Mann mit sich rang. So etwas ist im Theater niemals möglich. Ich wusste, ich möchte ebenfalls Filme machen!“ Als Hans Kratzert 1960 an der Filmhochschule in Babelsberg aufgenommen wurde, hatte sich dieser Traum erfüllt. Er hatte schnell das Glück, beim Regie-Star Konrad Wolf für dessen Produktion „Geteilter Himmel“ als Praktikant arbeiten zu dürfen. „Er half mir, dass ich nach Studien­abschluss 1964 eine Anstellung bei der DEFA bekam.“ Dort konnte er mit „Mord am Montag“ einen Krimi realisieren. Der Durchbruch gelang, als ihn Inge Wüste, die 1971 Ehefrau von Stefan Heym wurde, 1970 „überredete“, einen Kinderfilm zu drehen: „Dieses Genre war bei der DEFA nicht sehr hoch im Ansehen angesiedelt. Ich hatte aber damals gerade keinen anderen Stoff. Also sagte ich zu.“

Im Clinch mit Margot Honecker
Der Streifen „Wir kaufen eine Feuerwehr“ nach einer Erzählung von Gisela Richter-Rostalski wurde sofort zum großen Erfolg, der Kinosäle füllte. Mit „Ottokar der Weltverbesserer“ erreichte Hans Kratzert ein Millionenpublikum. Dabei wäre der Film um einen Jungen, der notorisch nach Gerechtigkeit strebt, fast nicht zur Aufführung gekommen. Margot Honecker als damalige Ministerin für Volksbildung wollte ihn verbieten. „Zum Glück war man im ZK der SED anderer Meinung“, freut sich Hans Kratzert immer noch. Damit konnte er einen Welterfolg landen: „Der Film wurde sogar in Ländern wie Indien gezeigt!“

Schwerfälliges Fernsehen
Es folgten „Das Sonntagskind das manchmal spinnt“ und „Ein Kolumbus auf der Havel“. Mit diesem Film verbindet Hans Kratzert viele Erinnerungen: „Es war mein einziger Kinderfilm, den ich fürs Fernsehen drehte. Der Autor war Peter Abraham. Der bedrängte mich, den Stoff umzusetzen. Da er beim DFF angestellt war, musste es fürs Fernsehen sein. Ich kannte Abraham vom Studium an der Filmhochschule und sagte also zu. Dafür wurde ich von der DEFA beurlaubt. Als es an die Umsetzung ging, habe ich erst gemerkt, was das für ein Unterschied ist. Das DDR-Fernsehen stellte sich als unvorstellbar schwerfälliger Verein heraus. Man hatte stets andere Toningenieure, weil die alle von der Post gestellt wurden und Dienst nach Vorschrift machten. Da ich für den Film ein Boot brauchte, wollte ich mich umsehen, wo man eines mieten kann. Das fanden die gar nicht gut, sie wollten selbst eines bauen, da sind sie sicher heute immer noch dran“, gibt Kratzert Ein­blicke. Schließlich kam es zum großen Krach, was mit sich brachte, dass der Film ausschließlich an Originalschauplätzen, ohne jegliche Studioaufnahmen, gedreht wurde. Damit spielt er in der Filmgeschichte eine herausragende Rolle. Wichtige Szenen wurden in Falkensees Nachbarort Schönwalde realisiert. Wenn man diesen Hintergrund kennt, dürfte die Vorführung diesen Sommer im Museum Falkensee noch spannender sein! Hans Kratzert wurde seine Liebe zum Film übrigens schließlich „zum Verhängnis“. Nach der Wende war er vom NDR für die Serie „Luv und Lee“ engagiert worden. „Dabei übersah ich ein Pontonseil und bin so unglücklich gestürzt, dass ich mich schwer verletzte und nicht mehr arbeiten konnte. Anschließend wurde das im Krankenhaus falsch behandelt, so dass ich immer noch Probleme beim Laufen habe.“ Was fast wieder ein Thema für einen Film wäre, diesmal aber wohl für Erwachsene!