Oben ohne bei Sonne, Regen und Frost

Kita ohne Dach über dem Kopf

Sie haben keine Scheu vor Wind und Wetter, Hitze oder Kälte: Falkensees Waldzwerge trotzen den Naturgewalten.
Ist es mal minus 15 Grad kalt, so hat das höchstens Auswirkungen auf die Frühstückspause: „Dann essen wir in unserem Schutzraum, weil sonst die Hände klamm werden. Anschließend geht es wieder ins Freie!“ Wird hier Überlebenstraining geübt oder eine Elite-Einheit ausgebildet? Dabei sind die Probanten doch gerade mal drei bis sechs Jahre alt! Ist so ein Leben bei Wind und Wetter nicht sehr hart für kleine Kinder? Waldkindergarten-Initiatorin Susanne Müller vom Berge hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berge: „Ich habe selbst fünf Kinder und zwei Hunde. Durch die Tiere war die Familie am Tag mindestens einmal im Freien. Egal bei welchem Wetter. Gingen die Kinder mal nicht mit, waren sie unausgeglichen. Dadurch kam ich auf die Idee, dass für die Kleinen die Natur unheimlich wichtig ist.“
Offenbar waren andere Eltern in der Gartenstadt Falkensee der gleichen Meinung. Die Elterninitiative schaffte es, den weitum einzigen Kindergarten ins Leben zu rufen, dessen Alltag sich in der freien Natur abspielt. So lautet die Routenbeschreibung für den Fototermin denn auch: „Fahren Sie, bis die Straße aufhört, dann bitte rechts halten!“
Etwas abenteuerlich ist es schon, so zu einem Kindergarten zu kommen. Doch nachdem der Boden immer sandiger wird, die Zweifel ansteigen, ob es wirklich der richtige Weg ist und immer noch kein Kinderlärm zu hören ist – plötzlich eine Gruppe im Unterholz. Fast wie die Häschen in der Grube aus dem Kinderbuch sitzen hier drei Kinder – und lernen schreiben. „Wir üben Buchstaben als Vorbereitung für die Schule“, schmunzelt Heike Mietz. Die 29-Jährige ist gelernte Erziehungswissenschaftlerin, selbst Mutter aus Falkensee und strahlt mir unter ihrem Kopftuch entgegen: „An der Natur lernt es sich am besten!“ Nun sehe ich auch andere Kinder: Sie spielen hinter einem Planwagen, in dem Proviant und Spielsachen mitgebracht wurden, tollen auf einer riesigen Sanddüne, buddeln gerade Höhlen in den Sand, in denen sie fast ganz verschwinden, klettern auf Bäumen umher oder tummeln sich in einer Hängematte. Es ist schwül heute, ziemlich bewölkt – was tun, wenn Regen kommt? „Dafür haben wir unsere Schutzplane mit, kein Problem“, tritt Heike Mietz als eine von insgesamt vier Erziehern meinen Befürchtungen entgegen.
Sie ist von dem Konzept des Freiluft-Kindergartens voll überzeugt: „Wenn jemand mit schlechtem Wetter Probleme hat, sind das nur wir Erzieher. Die Kinder rennen bei Minus-Temperaturen einfach mehr. Damit ist ihnen niemals kalt.“ Susanne Müller vom Berge wohnt in einem blauen Holzhaus wie bei Pippi Langstrumpf. Der Garten ist voller Spielgeräte, auf dem naturbelassenen Dielenboden tummeln sich – Kinder! Denn die Kita-Initiatorin, im Hauptberuf Werbefachfrau, liebt Kinder so sehr, dass sie sich zugleich als Tagesmutter betätigt. Sie kam mit ihrem Mann vor sechs Jahren nach Falkensee, um im vermeintlich quirligen Berlin eine erfolgreiche Werbeagentur zu betreiben. Nun träumt sie von noch mehr Kindern, und erfüllt sich diesen Wunsch eben auf vielfältige Weise.
Gerne würde die Elterninitiative die Waldkita ausweiten, um statt wie bisher von morgens bis mittags die Kinder den ganzen Tag über unter die Fittiche zu nehmen. Doch da macht die deutsche Bürokratie nicht mit. „Das Jugendamt beim Kreis ist von unserem Konzept überzeugt. Doch um eine Ganztagsbetreuung durchzuführen, schreibt das Baurecht Sanitäranlagen, Essensmöglichkeiten, Personaltoiletten und viel mehr vor, als wir mit unserem Schutzraum in einem gepachteten früheren Gartenhaus leisten können“, bedauert Susanne Müller vom Berge den Berg an Schwierigkeiten.
Dass Naturerleben der Entwicklung der Kinder gut tut, zeigt die Erfahrung mit den ersten Schulanfängern aus der Waldkita: „Unsere Kinder wissen sich sehr gut zu bewegen, was ihnen beim Schreiben zugute kommt. Außerdem sind sie in der Schule besonders ausgeglichen und ruhig, schließlich haben sie sich vorher ausgetobt“, fasst Erziehungswissenschaftlerin Heike Mietz ihre Beobachtungen zusammen.

Infos Tel. 03322/241606

Kita-Gründerin Susanne Müller vom Berge kam durch ihre Hunde auf die Idee mit dem Waldkindergarten.

Im Freien lernt es sich besonders gut.