Stand September 2009
Anstoß zum Denken ans Gestern
Es gibt Steine, die können zu ziemlichem Kopfzerbrechen führen. Was beispielsweise soll man mit einem vor sich hinbröckelnden Kriegerdenkmal machen?
Pfarrer Volker Dithmar von der in Renovierung befindlichen Evangelischen Kirche in der Berliner Straße von Hohen Neuendorf plagt noch ein anderes Problem: Wem gehört das Erinnerungsmal an die im 1. Weltkrieg gefallenen Hohen Neuendorfer überhaupt? Zwar steht es auf kirchlichem Grund, doch aufgestellt wurde es vor fast hundert Jahren vom „Kriegerverein“.
Privater Denkmal-Experte
„Damals herrschte wohl zwischen Kirche und Veteranenvereinigung eitel Sonnenschein“, mutmaßt Hohen Neuendorfs privater „Denkmal-Experte“ Siegfried Raduns. Der 73-jährige Ex-Lagerverwalter beim Stahlbau Velten hat sich nun vorgenommen, Stadt und Kirche aus der Misere zu helfen: „Das Denkmal wird so wiederhergestellt, dass man die Namen der Gefallenen lesen kann. Sie sind ja ebenso wie die Toten in den anderen betroffenen Ländern auf ihre Art Opfer, denn wer zieht schon gerne in den Krieg.“
Krieger-Denkmal gegen den Krieg
Die der Straße zugewandte Vorderseite des Denkmals soll ebenfalls von Heldenbeschwörung oder Hurra-Patriotismus freibleiben: „Als einzige Inschrift wird hier stehen ‚Krieg ist Trauer‘, sonst nichts.“ Die Kosten für das umfangreiche Projekt tragen die beteiligten Handwerker durch ihre Arbeit. Raduns steuert fehlende Mittel aus seiner Rente bei
Viertes Denkmal
Damit arbeitet der rührige Rentner bereits an seinem vierten Denkmalprojekt. Das erste Mal hatte er Schlagzeilen gemacht, als er im Sommer 2003 auf einen alten Meilenstein an der B96 gestoßen war. Von dort aus waren es noch „11 Meilen bis Berlin“, so die Inschrift. „Eine preußische Meile betrug über sieben Kilometer“, so Raduns.
Besonders interessant war der Stein, weil er die Trends und Moden überlebt hatte. 1875 wurde die Meile nämlich abgeschafft. Preußen stellte auf Meter und Kilometer um.
„Also wurden die neuen Entfernungen in die Steine gemeißelt. Unser Meilenstein wurde offenbar vergessen und blieb original erhalten.“
Raduns, der immer alleinstehend war, setzte sein Erspartes ein, um den Stein zu restaurieren. Bis es dazu kommen konnte, galt es mehrere Behörden vom Vorhaben zu überzeugen. Die eigentliche Arbeit erwies sich als durchaus aufwändig. „Der Stein war so verwittert, dass ich ihn mit Salzsäure abreiben musste.“
Neue Türe für die alte Schule
Als nächstes spendete er der Roten Schule, wo er selbst das ABC gelernt hatte, die Rekonstruktion einer geschmiedeten Eingangstüre. Dann schlug er vor, eine Straße gleich in der Nähe seiner Friedrichstraße in Hohen Neuendorf nach dem Architekten Albert Gottheiner zu benennen, der die Stadt vielerorts geprägt hatte. So ist ihm unter anderem der markante Wasserturm zu verdanken, wo die Familie Raduns lange Jahre gelebt hatte. Als der  Straßenname „durch“ war, wollte der geschichtsbegeisterte Ex-Handball-Spieler noch mehr: „Man muss doch darauf hinweisen, wer Gottheiner war“. Also spendete Raduns die entsprechenden Tafeln.
Grüne S-Bahn
Zwar hat der Rentner kein Telefon, doch technikfeindlich ist er nicht. So liebt er die S-Bahn und war von seiner Idee, in einer Gedenktafel am Bahnhof Hohen Neuendorf auf die Historie kurz hinzuweisen, nicht abzubringen. Allerdings war die Deutsche Bahn, der die S-Bahn mittlerweile gehört, ihm in mehr als zwei Jahren immer noch nicht grün.  „Schließlich verwiesen sie auf eine gemeinsame Gestaltungsplanung von Berlin und Brandenburg, bei der keine privaten Initiativen vorgesehen sind.“ Doch Raduns Chance kam, als die Stadt den Bahnhofsvorplatz umbaute. Nun erfährt man dort auf einer schmucken Tafel, was es mit der S-Bahn so auf sich hat: „Gerne hätte ich einen frühen Zug abgebildet, doch nicht mal der S-Bahn-Verein hatte ein Foto. Ich konnte allerdings herausbekommen, dass die Waggons früher grün lackiert waren.“
Fingerspitzengefühl
Raduns ist Mitglied im Geschichtskreis, mit dem er sich mit seinen Aktivitäten abstimmt. Doch was treibt ihn, sein gutes Geld einfach so für die Allgemeinheit auszugeben? „Das ist ganz einfach die Liebe zu Hohen Neuendorf. Ich habe auf Reisen gesehen, wie Städte im Westen jede Kleinigkeit hervorheben. Wir sollten ebenfalls auf unsere Zeitzeugen hinweisen.“
Dabei ist sich Raduns der Verantwortung beim Umgang mit der Geschichte bewusst. Man darf also froh sein, dass er sich mit seinem Hintergrundwissen und Fingerspitzengefühl so einem heiklen Projekt wie dem Krieger-Denkmal annimmt.
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