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„Sex kennt keine Grenzen – das weiß am
besten die „Unter vier Augen“-Expertin
aus Hohen Neuendorf.

Während in Westdeutschland „Dr.
Sommer“ dafür sorgte, dass die
Jugendzeitschrift „Bravo“ hohe Beliebtheit
und viele Leser hat, sorgte Jutta Resch-
Treuwerth bei der ostdeutschen FDJ-
Tageszeitung „Junge Welt“ 20 Jahre lang
mit ihrer Kolumne „Unter vier Augen“ für
große Aufmerksamkeit.    
Sex ohne Grenzen
Die Angliederung der DDR an die BRD
ließ ihre Beliebtheit nicht schrumpfen,
denn Sex und Liebe interessieren
systemübergreifend: „In der DDR war
Sexualität weit weniger mit Tabus behaftet
als in der Bundesrepublik. Über die
meisten Probleme konnte man ziemlich frei
sprechen, wenn man von Bereichen wie
Homosexualität und extreme Sex-Praktiken
absieht. Nach der Wende kamen für uns
dann neue Bereiche dazu. So gab es in der
DDR weder Sexshops noch Telefonsex und
Prostitution fand nur im
Verborgenen statt“, blickt die
Erfolgsautorin aus Hohen Neuendorf
zurück.
FDJ und Springer
Wie systemübergreifend Sexualität ist,
zeigt, dass ausgerechnet die Kolumnistin
der SED-nahen Zeitung „Junge Welt“ vom
erzkonservativen Axel Springer Verlag, der
vor der Wende keine Möglichkeit ausließ,
gegen die „DDR“ Stimmung zu machen,
für dessen Geldbringer  „Bild-Zeitung“
engagiert wurde. „Dort erschien meine
Kolumne drei Jahre lang unter dem Titel
‚Bild intim‘. Damit wollte man wohl den
ostdeutschen
Lesern, die mich vielfach kannten, eine
Freude machen“, vermutet Jutta Resch-
Treuwerth.
Ihr Rat in Liebesdingen ist von vielen
Medien gefragt. Dazu gehörten Berliner
Zeitung, Märkische Allgemeine und der
Wochenkurier. Außerdem war sie immer
wieder im regionalen Fernsehen zu sehen.
Weichenstellerin
„Sex-Expertin“ wurde Jutta Resch-
Treuwerth eher aus Zufall. Sie wurde 1942
im Berliner Bezirk Lichtenberg geboren.
„Später wohnten wir in der Schönhauser
Allee. Vom Fenster aus konnte ich immer
beobachten, wie die U-Bahn aus dem
Boden herauskommt“, denkt sie
schmunzelnd zurück. Seit 1984 wohnt sie
in Hohen Neuendorf, mittlerweile auf dem
Grundstück der Mutter.
„Ich habe schon als Jugendliche viel
geschrieben. Das Spektrum ging von
Gedichten bis zu Theaterstücken. Für mich
war immer klar, dass ich Journalistin
werden wollte.“ Doch zuvor standen die
vorgeschriebenen Einblicke ins
Arbeitsleben. „Ich wurde im
Braunkohletagebau in der Lausitz
eingesetzt. Dort war ich zeitweise
Weichenstellerin und durfte sogar auf
einem der riesigen Bagger arbeiten. Das
war eine harte, aber sehr lehrreiche Zeit,
die mir sehr half, selbstständig zu werden.“
Sex-Expertin aus der Kohlengrube
Im Zuge des Studiums in Leipzig lernte sie
die Redaktion der „Jungen Welt“ kennen.
Die Zeitung war das Sprachrohr des
offiziellen Jugendverbands „Freie
Deutsche Jugend“, kurz FDJ, und war die
auflagenstärkste Tageszeitung in der DDR.
„Dort hatte ich offenbar einen guten
Eindruck hinterlassen, denn nach dem
Studium bekam ich das Angebot, dort zu
arbeiten.“ Jutta Resch-Treuwerth wurde für
den Bereich „Schulen, Studenten,
Lehrlinge“ zuständig. „Die Zeitung hatte
seit 1963 eine Kolumne ‚Unter vier
Augen‘, in deren Rahmen Leserbriefe zu
Sexual- und Beziehungsproblemen
abgedruckt und beantwortet wurden.
Allerdings wechselten die Kollegen, die
dafürzuständig waren öfters, meistens
wurden sie auf attraktive Auslandposten
befördert.“ So kam es, dass die junge
Journalistin 1972 zur „Sex-Expertin“ der
DDR wurde.
Alle Briefe beantwortet
„Ich war immer sehr an Menschen
interessiert und kann gut zuhören“, nennt
sie Vorzüge, die sie dafür prädestinierten.
„Im Gegensatz zu ‚Dr. Sommer‘, hinter
dem sich eine ganze Redaktion verbarg,
habe ich alles alleine gemacht. Ich habe
alle Leserbriefe gelesen, mir die
herausgesucht, die Neues boten und die mir
von allgemeinem Interesse erschienen und
mich dann durch Zusammenarbeit mit der
‚Deutschen Gesellschaft für
Sexualwissenschaft‘ und viele Recherchen
kundig gemacht, um die Fragen fundiert
beantworten zu können. Die vielen, die
nicht in der Zeitung zu Wort kamen,
erhielten persönliche Antworten.“ Mit der
Zeit änderte sich der Leserkreis: „Anfangs
waren es die 14- bis 16-Jährigen, mit der
Zeit bekam ich immer mehr Post von
jungen Erwachsenen. In der DDR wurde ja
sehr früh geheiratet, die Männer waren im
Schnitt 23 Jahre alt, die Mädchen 21
Jahre.“
Sex ohne Grenzen
Stand August 2013
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Freie Liebe?
Egal ob in Ost oder im
zusammengeschlossenen Deutschland,
Jutta Resch-Treuwerth verfolgte in ihren
Kolumnen und Bücher einen konsequent
einfühlsamen, auf die persönliche
Entwicklung und Freiheit abzielenden
Ansatz. Kernpunkte sind, dass Sex und
Liebe zweierlei Dinge sind, Partner
miteinander sprechen sollen, Sex kein
Leistungssport ist und erlaubt ist, was
beiden Spaß macht. Seitensprung und
offene Ehe findet sie je nach Fall schon
mal empfehlenswert.
Dass die Ratschläge erfolgreich sind,
zeigen viele Dankesbriefe und das eigene
Leben: Sie ist seit 39 Jahren mit Dieter
Resch glücklich verheiratet.
Ehestifterin war die „Junge Welt“, wo sie
sich in den Redaktionskollegen verliebt
hatte.
Bücher und Sprechstunde
Mittlerweile gibt es mehrere Bücher von
ihr. „Alles nur Sex“ aus dem Jahr 2007
nimmt ausgewählte Briefe zum Anlass, auf
Themen, die heute aktuell sind, kurz,
fundiert, griffig und leicht lesbar
einzugehen. „Unter vier Augen“
dokumentiert „Liebesbriefe aus zwei
Jahrzehnten“ von 1970 bis 1990. Darin
zeigt sich aus persönlichem Blick die
DDR, wie sie wirklich war. Das ermöglicht
uns, in eine Zeit zu
blicken, die viele vergessen haben oder mit
verklärter Brille sehen und die
Westdeutsche gar nicht kennen. „Warum
denn nicht“ nimmt ein sehr aktuelles
Thema zum Gegenstand. „Ich habe darin
untersucht, wie Frauen über 50 wieder zu
einem Partner kommen. In unserer Zeit,
wo die Menschen immer älter werden, ist
das ein wichtiges Thema.“Vor der Wende
erschienen „Vierzehn geworden“ und
„Verliebt-verlobt-verheiratet“
Kein Oma-Typ
„Außerdem habe ich noch zwei
Kinderbücher geschrieben“, verrät sie und
fügt gleich hinzu: „Ich freue mich, nun
einen süßen Enkel zu haben, das ist eine
ganz neue Erfahrung. Allerdings bin ich
kein Oma-Typ!“
Wer heute Rat von der Sex-Expertin sucht,
kann diesen in den Büchern und sogar
persönlich erfahren. Dafür hat die Hohen
Neuendorferin eine Telefon-Sprechstunde
eingerichtet. Journalistisch ist sie ebenfalls
zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und
schreibt nun eine 14-tägige Kolumne für
die „Junge Welt“. Darin geht es aber
weniger um Ratschläge. „Ich nehme mir
aktuelle Fragen vor. Beispielsweise
interessiert mich, wie es funktioniert, dass
Prominente immer wieder behaupten, nach
der Scheidung gute Freunde zu bleiben.“
Dabei spürt sie in vielen Mails, der
heutigen Form der Briefe, dass ihre Ein
blicke ins Triebleben nun alle Deutschen
interessieren: „Die Zeitung hat Leser in
West- und Ostdeutschland.“ Damit ist die
Hohen Neuendorferin nun endgültig die
anerkannte „Sex-Expertin“ fürs ganze
Land!
Infos:
www.jutta-resch-treuwerth.de
Tel. 0 33 03/40 50 43