Hohen Neuendorfs Pädagogen machten Schlagzeilen

Lehrer als Viehhirte

Erst waren die Schafe dran, dann die Schäfchen! Von dem gemütlichen Leben heutiger Lehrer konnten die Kollegen von anno dunnemal nicht mal träumen.
„Die ersten Lehrer in Hohen Neuendorf waren hauptberuflich Hirten für die Tiere der Bauern. In zweiter Linie ging es dann darum, den Kindern rechnen und schreiben beizubringen“, berichtet Ruth Kühn.
Sie ist pensionierte Geschichts- und Deutschlehrerin und hat die Schulgeschichte von Hohen Neuendorf in vier dicken Ring-Ordnern geordnet und zusammengestellt.

Wissen mit Rohrstock
Ganz mucksmäuschenstill wird es, wenn sie in den Räumen der Geschichtswerkstatt in der Karl Marx Straße 24, kurz vor den Schienen der Nordbahn, Schulklassen berichtet, wie es damals zuging.
Schon 1760 hatte Hohen Neuendorf eine Schule, in der Wohnstube des Dorfhirten. Erst 1825 baute man ein eigenes Schulhaus – mit einem Unterrichtsraum und Wohnmöglichkeit für den Lehrer. Christian Friedrich Wilhelm Behrend hatte ein kurzes „Seminar“ besucht und durfte mit seinem begrenzten Wissen den gefürchteten Rohrstock schwingen.
Schon damals scheint Hohen Neuendorf als Wohnort beliebt gewesen zu sein. Jedenfalls war die „Schule“ bald zu klein. Ob das am Kindersegen der Bauern oder an Zuzüglern lag?

Lehrer hatte nichts zu sagen
„Dieses Problem verfolgt den Ort seit damals. Schon immer wurden die Schulen zu klein gebaut“, schmunzelt die 67-jährige Ex-Lehrerin an der Roten Schule.
Ruth Kühn kann trefflich über die einzelnen Schul-Gebäude referieren und blickt schaudernd zurück, wenn sie daran denkt, wie es den „Kollegen“ früher ging. „Der Lehrer war auf der untersten sozialen Stufe im Dorf. Er lebte in armseligen Verhältnissen. Wenn er starb, nagte seine Witwe meist am Hungertuch!“

Lesebuch und Witwen-Trost
Diese Missstände muss es noch bis in die Neuzeit gegeben haben. Deshalb sorgte der Hohen Neuendorfer Volksschullehrer Wilhelm Lahn für viel Furore, als er sich dagegen engagierte. Er war 1852 als 20-Jähriger von Zootzen bei Wittstock als Lehrer und Kantor nach Hohen Neuendorf gekommen. Über 50 Jahre lang, bis 1906, unterrichtete er hier Kinder. Er war jahrelang Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Brandenburg „und machte sich besonders für die bessere Versorgung der Lehrer-Witwen stark“, hat Ruth Kühn herausgefunden.
Noch lange nach seinem Tod 1907 hatten die Kinder mit ihm zu tun. „Er war Mitautor eines Lesebuchs, das über Jahrzehnten in Brandenburg in Benutzung war“, berichtet Ruth Kühn. In ihrer kleinen Sammlung ist die Biografie des Lehrers „Noch einmal seh ich alles wieder“ ebenso vorhanden wie eine historische Schulbank.

Schulmuseum mit Stullen-Tasche
Viel zu verdanken hat das improvisierte Schulmuseum des Geschichtskreises den Erinnerungen und Spenden von Bürgern. Fritz Matthes aus Stolpe hat die Ausstellung mit seiner Stullen-Tasche, der Schulmappe und vielen weiteren Gegenständen bereichert. Seine Eltern hatten besonderen Wert auf Bildung gelegt und den Sprössling jeden Tag nach Hohen Neuendorf in die Schule geschickt. „Die hatte den Ruf, ein höheres Niveau zu bieten. Dafür wurde für auswärtige Kinder Schulgeld erhoben.“

Schule wurde Revolutions-Opfer
Schon damals war den bessergestellten Eltern Bildung einiges wert. Davon zeugt, dass Hohen Neuendorf sogar eine Privatschule hatte. Genau gegenüber der 1902 erbauten „Roten Schule“ in der Berliner Straße war ein Jahr später die „Weiße Schule“ als „Höhere Privat-Schule“ entstanden. Sie fiel den revolutionären Wirren nach 1918 zum Opfer. „Das Gebäude diente später zeitweise der Stadt als Verwaltungssitz “, so Ruth Kühn.

Treffpunkt Schule
Die Rote Schule war übrigens viel mehr als eine „Lehranstalt“. Sie bildete wohl über lange Jahre das kulturelle und gesellschaftliche Herz der Stadt. „Darin gab es Kinovorstellungen, es trafen sich Vereine, dort wurde abends geturnt und gefeiert. Im Obergeschoss hatte die Sanitätsabteilung von Dr. Hugo Rosenthal ihren Sitz. Wenn Hilfe vonnöten war, wurden die Retter meist per Zuruf alarmiert. Telefone waren ja kaum verbreitet!“, so die Lehrerin, die selbst in dem Haus von 1962 bis 1999 vor ihren Schülern stand und unterrichtete.

Vorreiter bei der Mädchen-Bildung
„Sogar eine Schulküche gab es. Das war 1929 eine große Besonderheit. Darin lernten die Mädchen, wie man selbst mit wenig Geld lecker kochen konnte!“ Die Mädchen schrieben ihre Rezepte in Hefte, die sie oft ein Leben lang als Kochbuch benutzten. Eines davon ist in Ruth Kühns Sammlung.
Nach der NS-Diktatur sorgte die Reformpädagogin Käte Agerth dafür, dass die Rote Schule mit neuen Ansätzen DDR-weite Ausstrahlung bekam.

Reform-Ideen für die DDR
„Sie war Kommunistin, aber eine sehr engagierte Frau, der das Wohl der Schüler äußerst am Herzen lag“, weiß Ruth Kühn über die damalige Schulleiterin.
Die langjährige Lehrerin hat sich die Zusammenstellung der Schulgeschichte von Hohen Neuendorf zur Lebensaufgabe gemacht. Um immer neues Material aufnehmen zu können, sammelt sie Dokumente in Ring-Ordnern und verzichtet auf eine gebundene Ausgabe.
Wer nun denkt, eine Führung durch die Sammlung sei nicht spannend, der täuscht sich gewaltig. Denn schließlich weiß Ruth Kühn aus fast 40-jähriger Erfahrung, wie man Geschichte für jedes Alter fesselnd erzählt.

Infos und Anmeldungen: Tel. 03303/500727

Ruth Kühn weiß noch genau, wie Hohen Neuendorfs erste Schule wohl ausgesehen hat.

Dem Volksschullehrer Wilhelm Lahn haben die heutigen „Kollegen“ einiges zu verdanken: Er kämpfte von Hohen Neuendorf aus für bessere Lebensumstände der Volksschullehrer.

Das zweite Schulhaus im alten Dorf bestand nur aus einem Raum. Der Lehrer musste erst mal das Vieh hüten und dann unterrichten.