Von der Thomasschule ins Berliner Nachtleben

Der „rote Beatnik“ feiert 75. Geburtstag

Aufmüpfig war er schon immer. In der bürgerlichen Leipziger Thomasschule mit ihrem bekannten Thomanerchor stieß er Lehrer und Mitschüler vor den Kopf, als er in die Gewerkschaft eintrat. Statt
anschließend an der Uni brav Germanistik zu pauken um Lehrer zu werden, hatte er seinen Kopf bei den Theaterwissenschaftlern.
Und später, als Rockmusik immer noch ein rotes Tuch für viele DDR-Kulturfunktionäre war, schrieb Wolfgang Tilgner Bücher über Elvis Presley und die legendären Openair-Rock-Festivals von Woodstock, Altamont und Monterey. Ein SED-Funktionär wurde damit Wegbereiter und Propagandist der Rock-Bewegung in der DDR!

Viel Sex, wenig Freiheit
„Sex, Love & Rock & ‚n’ Roll“ war in den 1970-er Jahren das Lebenselexier der Protestbewegung im Westen. Der damit verbundene Freiheitsgedanke war in der DDR allerdings etwas schwierig zu kommunizieren. Die Mauer war allgegenwärtig und ziemlich unüberwindbar. Die Freiheit begann und endete für viele DDR-Bürger am Ostsee-Strand. Mit Sex dagegen war es schon einfacher. Damit konnte man selbst in diesem kleinen Land Farbe in den von vielen als „grau“ empfundenen Alltag bringen.

Tänzerinnen zum Frühstück
Das wusste Wolfgang Tilgner aus bester Erfahrung, längst bevor er sich der Rock-Musikgeschichte widmete. Schließlich lagen ihm als langjährigem Dramaturgen und damit „zweiten Mann“ im Friedrichstadtpalast die schönsten Mädchen des ostdeutschen Show-Business täglich zu Füßen. „Die Ballettproben waren sozusagen mein Frühstück!“ Von 1962 bis 1982 war er der Vize-Chef hinter dem legendären Intendanten Wolfgang E. Struck.

Welt-Niveau in Ost-Berlin
„Das Theater hatte den Anspruch, Unterhaltung auf Welt-Niveau zu bieten. Ab 1964 entstanden unter dem Einfluss von Eberhard Cohn ‚Palasticals‘. Sie entwickelten sich als eigenständige Kunstform zwischen Musical und Artistik. Darin bauten wir immer Sequenzen ein, die uns die Möglichkeit gaben, aktuelle Musiktitel aus dem Westen zu bringen.“ Ursprünglich hatte Wolfgang Tilgner mit der leichten Muse wenig am Hut. Er stammt aus einer Familie, die sich mit
Kirchenmusik beschäftigte. Deshalb hatte sich die Mutter nach der Übersiedlung vom nunmehr polnischen Schlesien nach Leipzig sehr bemüht, ihn ans Thomas-Gymnasium mit der tiefen evangelischen Tradition zu bringen.

Pech mit der DEFA
Dort machte das frischgebackene FDGB-Mitglied Wolfgang Tilgner tatsächlich 1951 brav sein Abi, um Lehrer werden zu ... sollen! Doch Pech für den theaterbegeisterten Ex-Thomaner: „Gerade als wir mit dem Studium 1956 fertig waren, stellte die DEFA ausgerechnet in diesem Jahr im Gegensatz zu sonst keine Dramaturgen ein.“
Statt zum Film ging es „in die Provinz“. Das Ehepaar Tilgner, der Leipziger hatte eine Lehrerin geheiratet, kam nach Oranienburg, um Kinder zu unterrichten.

Kultur für die Provinz
Dort sollte gerade Kultur etabliert werden. Tilgner war Mitglied in der NDPD und wurde deren örtlicher Funktionär für „Kulturarbeit“. Er schreibt sich zugute, dass Oranienburg durch ihn zu der Plastik ‚Die Anklagende‘ von Fritz Cremer kam. Sie ist noch heute am Eingang zum Schlosspark zu sehen.
Nach den ersten Kontakten mit Künstlern, die für Auftritte in den Kulturhäusern des Kreises gewonnen werden sollten, wurde Tilgner Lektor beim „Verlag der Nationen“. Er schrieb nebenbei Kunstkritiken für den „Morgen“, das Zentralorgan der LDPD. „Damit war der Bruch mit der NDPD unvermeidbar, denn die sahen darin die Konkurrenz.“

„Noch nie in einer Revue gewesen!”
Wolfgang Tilgner schwebte in den höheren Sphären des Kunsthimmels. Umso mehr erstaunte ihn 1962 das Angebot, die überraschend freigewordene Dramaturgen-Stelle im Revuetheater Friedrichstadtpalast zu übernehmen. „Ich hatte noch nie eine Revue gesehen und hatte keinerlei Beziehung zur Unterhaltungs-Branche. Aber ich konnte das Doppelte verdienen! Wer hätte da nein sagen können?“

Busen im Blickfeld
Der „bleiche unscheinbare Neuling“, wie die hübschen Tänzerinnen erst über ihn spöttelten, fühlte sich bald wie der Hahn im Korb. „Nach dem Tod von Marilyn Monroe 1962 war Sex das Thema. Das ganze Ensemble besorgte sich die dadurch in Mode gekommenen Super-BHs, für stolze 35 Westmark das Stück. Für uns bedeutete das wegen des Tauschkurses das Fünffache, und das bei 450 Ostmark Monatsgage“, erinnert sich Hanna Maria Fischer.

Cancan-Königin mit Ambitionen
Sie war vom Stadttheater Plauen an den Friedrichstadtpalast gekommen, war schnell zur Solo-Tänzerin avanciert und sparte nicht mit ihren Reizen. Ihre hübschen Beine wurden von Zehntausenden bejubelt, galt sie doch als „Königin des Cancan“. Wolfgang Tilgner war sie schon lange aufgefallen: Hübsch, sexy und singen konnte sie auch!
Als kurz vor der Premiere einer neuen Show die Sängerin wegen Krankheit ausfiel, zahlte sich aus, dass der Dramaturg ein persönliches Auge auf die Schöne aus dem Erzgebirge geworfen hatte: „Ich machte das Wagnis und setzte sie ein. Sie musste vom Vormittag bis zum Abend die Rolle können!“ Das war der Beginn ihrer großen Karriere.

Kleiner Busen, kleine Hände
Der berufliche Erfolg setzte sich bald privat fort. Die Erinnerung an die erste Nacht ist noch beiden präsent. „Ich bat ihn, das Licht auszumachen. Ich wollte ihn nicht enttäuschen, denn wir Tänzerinnen haben alle einen ziemlich kleinen Busen, selbst wenn man das optisch per Monroe-BH kaschieren kann. Doch Wolfgang tröstete mich: ‚Ich habe kleine Hände‘ und die Situation war gerettet“, so Hanna Maria Fischer.

Roter Beatnik mit Dichter-Allüren
In der Freizeit schrieb der von den Beatles, den Stones und der westlichen Rock-Musik begeisterte Genosse Gedichte. Andererseits war er das Standbein der Partei im ansonsten weitgehend politikfreien und freizügigen Friedrichstadtpalast. Tilgner war 1975 in die SED eingetreten und damit in vielen Auseinandersetzungen Gegenpart von Intendant Wolfgang E. Struck. Auf einer Sowjetunion-Tournee kam Hanna Maria Fischer mit ihrer Begleitband ins Gespräch. Die jungen Musiker nannten sich nach den
Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen „Puhdys“ und wären gerne bekannt geworden.

Puhdys in Not
„Die Honnecker-Ära hatte gerade begonnen. Ostdeutsche Gruppen sollten gefördert werden, aber sie mussten mit eigenen Songs auf Deutsch auftreten.“ Die Tänzerin und angehende Sängerin wusste, wer helfen konnte: Ihr Wolfgang. Sie überredete ihren Dramaturgen, Texte für die Band zu schreiben. Das war der Anfang einer 15 Jahre anhaltenden Erfolgsgeschichte mit an die 50 Titeln. Die Puhdys wurden mit ihrem eigenständigen Sound und den ambivalenten Texten, aus denen jeder seine Version heraushören konnte, zu den Begründern eines eigenständigen Ostrock. Tourneen führten sie in viele Teile der Welt, auch in den Westen.

Streitbarer Künstler
Das füllte Wolfgang Tilgner und seiner zweiten Frau, der Puhdys-Entdeckerin Hanna Maria Fischer, so gut das Sparkonto, dass Tilgner ausreichend Devisen hatte, um nach dem Ausscheiden aus dem Theaterleben auf eigene Kosten in West-Berlin für sein erstes Buch über Elvis Presley zu forschen, das 1986 herauskam und mit 100000 verkauften Exemplaren ein Riesen-Erfolg wurde. 1981 war es zum Bruch mit den Puhdys gekommen, weil Leadsänger Dieter Birr
seine eigenen Texte machen
wollte. 1982 hatte Tilgner sich aus Verärgerung über den Beschluss des Magistrats, das Gebäude abzureißen, nach 20 Jahren vom Friedrichstadtpalast getrennt. „Die brüchigen Holzpfähle hätte man für ein paar zusätzliche Millionen erneuern und somit den Palast sanieren können. Doch das war nicht gewollt!“

Kurzes Gastspiel im Palast der Republik
Um ihn „stillzuhalten“ wurde Tilgner an den neuen Palast der Republik gerufen, in dem auch die Volkskammer als DDR-Parlament tagte. Doch das Engagement in „Erichs Lampenladen“ wurde ein „Gastspiel“ von nur einem Jahr. „Nach der Zeit der relativen Freizügigkeit im Friedrichstadtpalast war für mich das rigide Sicherheits-Regime unerträglich. Dauernd wurde man kontrolliert und bespitzelt.“ Der Hohen Neuendorfer seit 1975 konzentrierte sich deshalb auf seine neue Karriere als Pop-Autor.
Seine Gesamtdarstellung der Geschichte der populären Musik in den USA konnte sogar noch nach der Wende erscheinen.

Mit Chansons zum Publikums-Liebling
Zwischenzeitlich legte Hanna Maria Fischer eine beachtliche Karriere als Chanson-Sängerin hin. Sie war mit ihrer erotischen und natürlichen Ausstrahlung, ihrer klaren und warmen Stimme landauf, landab in Kulturhäusern, Varietes und bei Betriebsfesten gefragt. Sie nahm drei Platten auf, hatte eigene Sendungen im Radio und war häufiger Gast im „Kessel Buntes“.
Ihre Bescheidenheit, ihr Charme und ihre Ausstrahlung ließen sie nach der Wende viele Fans im Westen dazugewinnen. Um „nicht wie Johannes Heesters zu enden“ beendete sie 2004 ihre Karriere. Die Liebe, von der sie immer wieder gesungen hat, besteht unvermindert weiter: Zu „ihrem“ Wolfgang Tilgner, der am 23. September 2007 seinen 75. Geburtstag im Häuschen in Hohen Neuendorf feiert.

Infos Tel. 03303/403681

Der „rote Beatnik“ feiert 75. Geburtstag.

Wolfgang Tilgner (l.) verhalf mit seinen Texten den Puhdys, die seine Frau Hanna Maria Fischer entdeckt hatte, zum Durchbruch.

Die Cancan-Königin bezauberte jeden Abend mit ihren Reizen.

Die Chanson-Sängerin und Cancan Königin Hanna Maria Fischer und Wolfgang Tilgner sind heute noch ein verliebtes Paar.