Stand November 2012
Bühnen-Star will nicht basteln
Kleinmachnow hat einen guten Ruf als Künstlerort. Doch die wenigsten im Ort beheimateten Stars, die man vom Theater, aus Filmen und vom Fernsehen kennt, sind in der Gemeinde aufgewachsen.
Judith Engel, die 2001 zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt wurde, ist da die ganz große Ausnahme. Sie stammt aus einer großen Schauspielerfamilie, die fest mit der Gemeinde verwachsen ist.
Berühmte Eltern
Mutter Sina Fiedler kennen viele aus dem Kino: Sie wirkte unter anderem in Kultfilmen wie „Spur der Steine“ mit.
Kinder kennen sie aus „Alfons Zitterbacke“. Vater Christoph Engel stammte aus dem Westen und kam 1951 zu Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble. Von 1963 an war er bis 1990 am Maxim-Gorki-Theater. Ab 1955 stand er regelmäßig vor der Kamera, so für die Defa und große Regisseure wie Konrad Wolf. Dazu kamen Fernseh-Produktionen in der DDR und später der Bundesrepublik. „Leider ist mein Vater im Dezember 2011 verstorben“, bedauert Judith Engel.
Erste Schritte in den Kammerspielen
Ihre erste Bühnenerfahrung machte sie im Heimatort Kleinmachnow. Dort leitete ihre Mutter Sina Fiedler in der Freizeit in den Kammerspielen das „Kinder- und Jugendtheater“, wo Tochter Judith natürlich gerne mit auf der Bühne stand. Trotz Begabung und elterlichen Zuspruchs wollte sie allerdings nicht in deren Fußstapfen treten.
„Mein Traum war Medizin zu studieren“, verrät sie heute. Allerdings wurde daraus nichts. Denn da machte ihr die DDR einen Strich durch die Rechnung. „Mein großer Bruder legte sich mit dem ungerechten System an und wurde inhaftiert. Damit konnte ich das Medizin-Studium vergessen“, so Judith Engel.  Heute leben die beiden Geschwister mit vertauschten Rollen: „Mein Bruder hat meinen Traumberuf übernommen und ist nun Arzt in Berlin, ich bin Schauspielerin“, schmunzelt Judith Engel über das Schicksal.
Probleme mit dem Basteln
Sie fand sich damals ab, nicht zum Traumberuf zu kommen. „Ich überlegte mir, Puppenspielerin zu werden. Es faszinierte mich, dass ich zwar mit meiner Stimme präsent war, aber nicht gesehen werden konnte!“ Doch schon wieder gab es eine unüberwindliche Hemmschwelle: „Ich wusste nicht, dass man in diesem Beruf sehr geschickt im Basteln sein muss, denn die Puppen und Kostüme mussten selbst gefertigt werden.“ Da Judith Engel keinen Sinn fürs Basteln hatte, blieb nur noch die Karriere in den Fußstapfen der Eltern.
Mit viel Angst in den Westen
Schon bald nach der Ausbildung an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ in Berlin wurde sie vom „Schauspiel“ in Frankfurt am Main entdeckt. „Ich hatte Angst, in den Westen zu gehen und wollte es gerade deshalb machen“, erinnert sie sich. Drei Jahre später wurde sie ans „Deutsche Schauspielhaus“ nach Hamburg abgeworben, wo sie bis 2000 war. Anschließend wirkte sie vier Jahre am weltbekannten „Zürcher Schauspielhaus“, um dann nach Berlin zurückzukehren. Seitdem ist Judith Engel an der Schaubühne am Lehniner Platz.
Die Kleinmachnowerin kann auf viele Auszeichnungen zurückblicken. 1994 wählte sie das Fachblatt „Theater heute“ zur „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“. 1997 erhielt sie den Boy-Gobert-Preis, 2001 wurde sie „Schauspielerin des Jahres“. Im gleichen Jahr wurde die Kleinmachnowerin mit dem renommierten Nestroy-Preis ausgezeichnet. Ein Jahr darauf erhielt sie den Gertrud-Eysoldt-Ring für ihre überzeugende Frauendarstellung in einer Inszenierung von Peter Zadek in Hamburg. Kritiker loben ihre persönliche Bescheidenheit, die unglaubliche Wandlungsfähigkeit, die Leidenschaft, mit der sie sich in ihre Rolle regelrecht verbeißt und wissen von den Selbstzweifeln, die sie oft bei der Arbeit überfallen.
TV-Karriere
Neben der Bühne war Judith Engel oft fürs Fernsehen gefragt. Den Anfang machte Grimme-Preisträger Dieter Wedel, der sie 1996 für die ZDF-Produktion „Der Schattenmann“ entdeckte. Sie spielte daraufhin in beliebten Serien wie „Tatort“, „Stubbe“ oder „Adelheid und ihre Mörder“.  Im Jahr 2000 hatte sie der Film- und Opernregisseur Werner Schröter für seine Hommage an Marianne Hoppe „Die Königin“ engagiert.
Spannende Schaubühne
Doch ihre große Liebe gilt dem Theater: „Ich finde es unheimlich spannend, wenn sich wie am Theater an der Schaubühne eine Gruppe von gleichgesinnten und doch völlig unterschiedlichen Menschen lange mit einem Thema beschäftigt, um es dann auf die Bühne zu bringen. Dafür ist ein konzentrierter Zusammenhalt nötig, der mich immer wieder fasziniert. Das gibt zugleich eine gewisse Geborgenheit, wie in einer Familie. In der Vorstellung ist man dann auf relativ engem Raum mit vielen Menschen, die eine hohe Erwartungshaltung haben. Man spürt sofort, ob der Funke zündet oder die Zuschauer unkonzentriert und unzufrieden sind. Diese Nähe bieten Film und Fernsehen logischerweise nicht.“
Um die Ecke von Kleinmachnow
Natürlich lebt Judith Engel nicht mehr zuhause, doch von ihrer Wohnung in Zehlendorf ist es ein Katzensprung  zum Ort ihrer Kindheit. Sie ist passionierte Züchterin von Kurzhaar-Collies und kommt oft und gerne, um mit „Bibi“ und „Amy“ die schönen Plätze zu genießen, den Ausblick an der Schleuse immer wieder zu erleben oder mit den drei Kindern im Alter von 16, zehn und fünf Jahren die Oma zu besuchen.
„Kürzlich waren wir einen Film in den Kammerspielen ansehen, wo sich seit meiner Kindheit wenig verändert hat. Seitdem schwärmen meine Kinder von dem ‚wundervollen DDR-Kino‘, wo eine Ära spürbar ist, die sie nur vom Hörensagen kennen“, wundert sich Judith Engel ein wenig, wie ihr Nachwuchs die Orte, an die sie viele gute Erinnerungen hat, beurteilen. Für sie ist das Heimat, ein Gefühl, das sie, wie sie sagt, nach den langen Jahren in fremden Städten nun einfach braucht.
Übrigens hat sie sich einen Kindheitstraum doch wahr gemacht, auf Umwegen: Statt fürs Puppenspielen lässt sie sich oft für Hörspiele engagieren. Damit kann sie, ganz wie sie sich das als kleines Mädchen wünschte, das Publikum verzaubern, ohne selbst sichtbar zu sein. Dabei hat die erfolgreiche Schauspielerin bestimmt keinen Grund, sich unsichtbar zu machen!
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