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T.Kambodscha79

Ein Leben am Kühlschrank! Ideen fürs
Fotoalbum gibt es ja viele, doch
ausgerechnet der bekannteste
Reportagefotograf der DDR und
weltweit anerkannte Bildberichterstatter
über die Brennpunkte unserer Erde hat
sich selbst auf die Wand seines
Kühlschranks beschränkt.  

Thomas Billhardt war mit seiner Kamera
den Größen der DDR und des
„sozialistischen“ Lagers so nah wie es nur
wenige durften. Er war weltweit an
Brennpunkten und Kriegsschauplätzen
unterwegs, schuf eindringliche Fotos, die
in vielen Ländern gedruckt wurden. Jetzt
ist er, wieder mal, nach Kleinmachnow
zurückgekehrt und arbeitet an seinen
Memoiren.

Brennende Liebe

Mit Kleinmachnow verbindet den
gebürtigen Chemnitzer eine „brandheiße“
Liebe. Er zog 1975 mit viel Freude in den
Künstlerort, in ein Haus mit Geschichte.
„Darin hat Marika Rökk gewohnt“, freuten
sich Anita Billhardt und ihr Mann auf das
gemütliche Anwesen mit dem Strohdach.
Doch genau das sollte ihnen zum
Verhängnis werden: „Eine Silvesterrakete
setzte das Stroh in Brand so dass
wir ins Jahr 1976 ohne Dach über dem
Kopf starteten“, erinnert sich Thomas
Billhardt.

Schönheit für Funktionärs-Frauen

Nicht er, sondern seine Frau machte den
Ort zum  Anziehungspunkt der Ost-Elite
und der Umgebung. Die Tages
Schönheitsfarm von Anita Billhardt mit
ihrem damals noch unbekannten Ayurveda-
Programm zog Kaderleiterinnen, Stars und
Sternchen an. „Natürlich kamen sie alle in
ihrer Arbeitszeit. Das hat mich damals sehr
irritiert“, ärgert sich Thomas Billhardt noch
heute. Allerdings dürfte er es eher am
Rande mitbekommen haben, denn „mehr
als sechs Monate im Jahr waren wir nie
zusammen, da ich sehr viel unterwegs war.
Deshalb haben wir nun in der Rente lange
gebraucht, um uns daran zu gewöhnen, nun
fast immer zusammen zu sein.“

Mutter als Porträt-Pionierin

Thomas Billhardt wuchs mit Fotochemie
und Kameras auf. Bilder zeigen seine
Mutter Maria Schmid-Billhardt als
ausnehmend hübsche junge Frau, die vor
der riesigen Atelierkamera posiert. „Sie
war die angesagte Porträtfotografin von
Chemnitz, von der alle mit Rang und
Namen aufgenommen werden wollten. Ihre
Spezialität war, Bilder ohne Hintergrund zu
schaffen oder diesen zu entfernen, was
damals völlig unbekannt war. In der
Region Kleinmachnow gibt es Personen,
die von ihr porträtiert wurden, so meine
Zahnärztin in Stahnsdorf.“  

Arzt ohne Abi?

Klein-Thomas träumte zwar vom
Arztberuf, doch leider reichten die Noten
nicht mal fürs Abitur! Also nahm Mama
den Sprößling in ihrem Atelier in die
Lehre. Zudem wurde er zu Nach
hilfestunden verdonnert. Insbesondere
musische Fächer, Kunstgeschichte und
Sprachen standen da auf dem Stundenplan
und rieben sich mit dem Traum von der
großen Freiheit im Westen. „Alle meine
Freunde hatten sich bereits abgesetzt, nur
ich war noch da“, beschreibt Billhardt die
damalige Situation. Die Mutter schonte ihn
nicht. „Ich war zeitweise Werkfotograf im
Braunkohletagebau, sah die Arbeiter, die
von den Maschinen zermalmt worden
waren, war ständig von Dreck, Schlamm
und rostigem Metall umgeben.“ Schon
angenehmer war 1958 der Einsatz für einen
Postkartenverlag: „Ich fuhr mit meinem
Zweitakt-Motorrad, einer MZ ES 250,
durch die ganze DDR. Die Ausrüstung
hatte ich im Beiwagen, geschlafen wurde
im Zelt.“  

Zu praktisch fürs Studium

Schließlich kam er doch noch zu
„akademischen Ehren“. Er wurde in
Leipzig zum Studium zugelassen, nach
einer Aufnahmeprüfung, trotz fehlendem
Abitur. „Die Fragen betrafen genau die
Themen aus der Kunstgeschichte, die ich
per Nachhilfe beigebracht bekommen
hatte.“ Allerdings eckte er immer öfter an:
„Ich war praktische Arbeit gewöhnt, ich
wollte nicht auf die Straße gehen um
Fotografieren zu üben.“ Sein Professor
hatte wohl das Talent erkannt. „Fahren Sie
nach Berlin zum Zentralrat der FDJ, die
suchen immer gute Leute“, lautete der
Tipp, der Thomas Billhardt den Schlüssel
zu den Toren der Mächtigen in der DDR
geben sollte.  

Kamera als Waffe?

Er begleitete fortan Funktionäre bei Reisen,
kam mit „dem immer kumpelhaften“ Egon
Krenz ins Gespräch, fotografierte an der
FDJ-Hochschule. „Das war eine schöne
Arbeit. Hier gab es viele Ausländer und
damit ganz neue Impulse und Einblicke.“
Billhardt erlebte 1961 Kuba kurz nach der
Revolution als farbenprächtige Karibik-
Insel mit sexy Mädchen und Frauen, die
sich nicht mehr den Männern unterordnen
wollten. Zugleich machte er dort nähere
Bekanntschaft mit Raul Castro, der heute
in Nachfolge seines Bruders Fidel Castro
die Insel regiert. Er lernte außerdem die
schillernde Deutsch-Argentinierin Tamara
Bunke kennen, die im Zuge der
missglückten Aktion von Ernesto Che
Guevarra in Bolivien 1967 als 29-Jährige
getötet wurde und zeitweise Geliebte des
Revolutionärs war. Sie war Agentin und
obwohl Revolutionärin im engeren Kreis
des bolivianischen Präsidenten. „Als wir
zurückflogen, hatte die Maschine eine
Zwischenlandung in Kanada. Dort gab es
eine offene Tür ‚for emigration’. Ich hätte
nur durchgehen brauchen und wäre im
Westen gewesen. Doch unter dem
Eindruck von Kuba war mir das
unmöglich, obwohl in Berlin gerade die
Mauer gebaut wurde. Dass ich damals
blieb, wurde später in der DDR als
Garantie für meine Loyalität angesehen.
Dadurch konnte ich immer wieder
problemlos einen Pass bekommen, um
meine Arbeit zum machen.“ Billhardt sieht
sich als politischer Fotograf, der mit der
Linse für seine Antikriegshaltung eintritt.
„In diesem Sinne war für mich die Kamera
eine Waffe, was aber ein blöder Begriff ist,
denn ich lehne Waffen ab und habe deshalb
die NVA vermieden“, sagt er heute.  

Den Klassenfeind im Visier

Er fotografierte die Ostermärsche in der
BRD. Er war schockiert vom offenen
Auftreten der NPD und erlebte die
Hetzveranstaltungen der
Vertriebenenverbände. 1969 gelang ihm
mit seinen eindringlichen Fotos vom
Vietnamkrieg der internationale
Durchbruch. Er spürte in Hanoi selbst den
Bomben- und Raketenterror der
Amerikaner: „Ihr Trick waren
Scheinangriffe auf die Stadt. Es gab Alarm
um Alarm, doch nichts passierte, da die
Bomber wieder abdrehten, um andere Orte
zu belegen. Schließlich ging niemand mehr
in die Bunker. Da flogen die Bomben und
zerfetzten die Menschen. Es war ein Krieg
gegen Zivilisten, gegen Frauen und
Kinder.“ Thomas Billhardt  besuchte mit
der Kamera gefangengenommene
amerikanische Piloten. Von ihm stammt
ein sensationelles Foto von der Amts
einführung von Salvador Allende. Der
Chilene war der erste sozialistische
Präsident Südamerikas. An der Seite
seiner offenen Limousine sehen wir einen
Militär hoch zu Ross. Es ist Augusto
Pinochet, der  General, der Allende in
einem blutigen von der CIAinitiierten
Putsch zu Tode brachte und jahrelang mit
brutalem Terror morden ließ. „Heute

Ein Leben am Kühlschrank

Stand November 2014

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 wissen wir um die Symbolkraft dieses
Bildes. Damals hätte das niemand gedacht,
da war es nur ein ganz normales Foto“, so
die Einschätzung von Thomas Billhardt. Er
war überall, wo es „brannte“. Er
fotografierte während des Bürgerkriegs in
Beirut, damals als jede Minute zur
Todesfalle werden konnte. Er traf
Palestinänser-Präsident Jassir Arafat, der
Billhardt unbedingt dazu überreden wollte,
sich beschneiden zu lassen. „Er ist ja
ausgebildeter Arzt und wollte auf diese
Weise eine Entzündung heilen, die ich
damals sehr schmerzvoll an einer intimen
Stelle hatte. Ich habe ihn später auf einer
Konferenz getroffen. Das erste, was er mich
fragte, war, ob es geglückt ist.“  

Nationalpreis als Schild

Der Star-Fotograf der DDR war in
Mosambik, in Kambodscha, im
revolutionären Nicaragua und sorgte zu
Hause für Unmut, weil er nicht der Stasi
zuarbeiten wollte. Statt dessen erkannte er
„immer mehr Widersprüche“. Offenbar
waren die Funktionäre uneins, wie sie den
geradlinigen Fotoreporter behandeln
sollten: „Ich war als Aushängeschild
nützlich, aber eben nicht so, wie sie mich
wollten, so beschrieb es später Hans
Modrow. Ich war jedenfalls sehr froh über
den Nationalpreis, denn der schützte mich
vor Böswilligkeiten.“

Liebe über den Krieg hinaus

Thomas Billhardt beschreibt seine Kunst
darin, „in einem Bruchteil einer Sekunde
ein Foto zu machen, das alles aussagt“.
Tatsächlich schafft er „Bilder die
sprechen“. Sein Foto einer Politbüro-
Sitzung mit Leonid Breschnew, der sich
selbst applaudiert, gibt besser als ein noch
so langer Artikel wieder, wie die Macht
einer einsamen Funktionärskaste in
Absurdität aufging. Sein Foto eines jungen
Liebespaars, das händchenhaltend mit
Gewehr in der Abendsonne läuft, weist weit
über den Vietnamkrieg hinaus und erklärt,
dass am Schluss doch die Liebe über Krieg
und Terror siegt. Er fotografierte den fast
immer stocksteifen Walter Ulbricht
angeregt mit Jugendlichen beim
„Deutschlandtreffen“ 1964 diskutierend,
was nur wenigen gelang. Aus der
Veranstaltung ging übrigens der beliebte
Jugendsender „DT 64“ hervor.

Im Dunstkreis der Macht

Thomas Billhardt durfte Erich Honecker
begleiten und sorgte mit Bildern des
alkoholseligen Staatschefs für Wirbel.
Geheimdienstchef Erich Mielke, „der sich
auf Veranstaltungen ordenbehängt
präsentierte und kein sinnvolles Wort sagen
konnte“, ist für ihn „eine Ausgeburt der
Hölle. Er hätte mit Sicherheit mit
Gewehren den Mauerfall verhindern lassen,
wenn ihn nicht Besonnenere aus
seinem Umfeld wie Markus Wolf davon
abgehalten hätten“. Selbstverständlich
wurde Thomas Billhardt wichtiger
fotografischer Chronist des Mauerfalls und
der Selbstaufgabe der DDR. Dass es zu
dieser Entwicklung kam, macht ihn noch
immer froh: „Der Mensch braucht Freiheit,
die darf man ihm nicht nehmen!“

Bilder für Generationen

Die eindrucksvollen Fotos von Thomas
Billhardt prägten Generationen. Sie finden
sich in unterschiedlichen Bildbänden, die
Millionen Leser hatten. Erst kürzlich kam
ein Sammelband heraus, der seine
fotografischen Stationen dokumentiert. Er
selbst ist nun für die Unicef aktiv: „Die
Kinder, insbesondere in Asien, mögen
mich, weil ich so einen dicken Bauch habe.
Das verbinden sie wohl mit Buddha!“ Seine
Leidenschaft für bewegende Bilder konnte
Billhardt an die Kinder
weitergeben. Sohn Steffen Billhardt arbeitet
in Singapur als Modefotograf, Tochter
Katrin Billhardt ist künstlerische
Fotografin. Bis Ende des Jahres möchte
Thomas Billhardt seine Biografie fertig
haben. Schon jetzt ist klar, dass man nach
dem Lesen von dem einen oder anderen
Funktionär, Staatschef oder Politiker ein
anderes Bild haben wird!

Infos:
Tel. 01 71/4 48 96 30
www.thomasbillhardt.de

Thomas Billhardt hat sein Leben in der Küche am Kühlschrank zusammengestellt.

Thomas Billhardt war an den Brennpunkten der
Erde unterwegs. Seine berauschenden Fotos
überzeugten in Ost und West.

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1965 waren die Rolling Stones in der
Waldbühne.

Der Präsident und sein Mörder: Salvador
Allende wird von Augusto Pinochet bei seiner
Amtseinführung hoch zu Ross begleitet.

Leonid Breschnew und Erich Honecker üben
sich im „sozialistischen Bruderkuss“.

So beschwingt war Erich Honecker nur selten
zu sehen.

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Nicaragua 1979

Vietnam 1968-1975

Berlin 1988

Das Foto dieses Liebespaars im Vietnamkrieg
ging um die Welt.

Mosambik 1983

Libanon 1975-78

Kinder, besonders in Asien, lieben den
Kleinmachnower. „Ich erinnere sie an Buddha,
weil ich so einen dicken Bauch habe.“

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Ostberlin Herbst 1989

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Palestinänser-Präsident Jassir Arafat wollte
Thomas Billhardt sogar medizinisch unter die
Fittiche nehmen!