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Volkszählungen lösen oft Unbehagen
aus, man weiß ja nie, was mit den
Daten passiert. Die Skepsis, von heute
wäre früher noch viel berechtigter
gewesen.  

Das fand eine Forschungsgruppe in
Kleinmachnow heraus. „Die Volkszählung
von 1939 ermöglichte den Nazis, die
Deportationen von Juden, Behinderten und
anderen als staatsfeindlich oder als unwert
erklärten Menschen systematisch
vorzubereiten“, hat die Gruppe um Martin
Bindemann herausgefunden. Die etwa ein
Dutzend Kleinmachnower um den Diakon
der evangelischen Gemeinde haben im Ort
nach Opfern des NS-Regimes recherchiert.
„Zuerst war es ein reines Jugendprojekt.
Mittlerweile gehören Kleinmachnower
unterschiedlicher Generationen zum festen
Stamm. Wir haben im Team eine
Altersspanne von 20 bis 70 Jahren“,
beschreibt der 43-Jährige die
Eigendynamik, die das Projekt entwickelt
hat.

22 Stolpersteine

Ursprünglich wollten die Kleinmachnower
nach dem Vorbild anderer Gemeinden die
Orte, in denen Verfolgte gewohnt hatten,
mit Stolpersteinen in Erinnerung bringen.
Mittlerweile ist dies an 22 Stellen in der
Gemeinde geschehen. Im Zuge der
Recherchen, die im Zusammenwirken mit
dem Heimatverein, der Kirche und der
Gemeinde stattfanden, stießen sie darauf,
dass es im Ort durchaus Versuche gegeben
hat, bedrohte Personen unter Einsatz des
eigenen Lebens vor der Verfolgung zu be
wahren. Dadurch begann die
Suche nach „Stillen Helden“.

Beifall von Wolfgang Thierse  

Um dieses Wissen ebenfalls in Erinnerung
zu halten, initiierte die Gruppe eine
Spendenaktion für eine Gedenkstele, die
jetzt am neu gewidmeten Margarete
Sommer Platz steht. Sie wurde vom
Künstler-Ehepaar Julia Ehrt und
Rainer Ehrt geschaffen. Sie
stilisiert und symbolisiert ein Haus, in
dessen drehbar gelagerten „Fenstern“ die
Namen und Lebensdaten der „Stillen
Helden“ und der Überlebenden eingraviert
sind. Zur Eröffnung konnte Martin
Bindemann zum eigenen Erstaunen Ex-
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse
gewinnen. „Ich rief in seinem Büro an und
bekam sofort die Zusage. Er hielt eine
sehr beeindruckende Rede. Darüber waren
wir überaus froh, denn wir hatten Über
lebende eingeladen, die teilweise aus
Neuseeland oder Spanien anreisten.“

Einzigartige Stele

Mit der Stele hat Kleinmachnow eine
besondere Art der Erinnerung geschaffen:
„Es gibt keine Gemeinde in Deutschland,
wo die Überlebenden und deren Helfer
an einem gemeinsamen Ort geehrt
werden“, so Martin Bindemann. Die
Lebensläufe der mit Stolpersteinen
geehrten Opfer, der Überlebenden und der
„Stillen Helden“ finden sich in einer
Broschüre, die in kurzer Zeit auf großen
Anklang stieß, obwohl sie nur an wenigen
Stellen, so in der Buchhandlung „Natura“
am Rathausmarkt, zu erhalten ist. „Von den
2 000 Exemplaren, die wir drucken ließen,
wurde bereits die Hälfte verkauft“, freuen
sich die engagierten Freizeitforscher.  

Zur Schizophrenie gezwungen

Manche Kleinmachnower werden darin das
eine oder andere Rätsel entschlüsseln. So
wurde viel über eine Frau gerätselt, die
Wahrheit und Erfindung offenbar nicht zu
unterscheiden wusste. „Die Leute nannten
sie ‚Märchentante‘. Der Hintergrund war,
dass diese Frau schizophren geworden war,
weil sie jeden Tag zwei Leben bewältigen
musste. Sie hatte ihren jüdischen Mann, um
ihm das Leben zu retten, für tot erklären
lassen, aber im Keller versteckt. Nun
musste sie nach außen hin die trauernde
Witwe spielen und andererseits als
liebende Ehefrau wirken.“  

Tinte, die Leben rettet

Oftmals, so Martin Bindemann, waren es
„kleine Handlungen zur richtigen Zeit“, die
halfen. Dabei denkt er an die Geschichte in
der Schule: „Rektor Paul Walewicz kippte
aus vermeintlichem Versehen das
Tintenfass über das Zeugnis seines
Schülers Hanns Natanson und stellte ihm
dann ein neues mit dem nicht-jüdisch
klingenden Nachnamen Kirchner aus“, gibt
Bindemann weiter Einblick. „Kirchner“
überlebte diese schlimme Zeit und traf sich
später mit seinem ihn schützenden Rektor,
der das unbrauchbar gemachte Zeugnis
aufbewahrt hatte. Trotz Denkmal und
Dokumentationsband der bisherigen
Recherchen geht für Martin Bindemann die
Arbeit weiter: „Die Stele hat noch viele
leere Fenster.“

Infos: 
Tel. 01 73/6 12 31 47

Stille Helden und offene Fenster

Stand November 2014

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Paul Walewicz als Leiter der EigenherdSchule
rettete mit einem „Tintenmalheur“ den jüdischen
Jungen Hanns Natanson. Das unbrauchbar
gemachte Zeugnis überlebte die Zeit.

Der Platz für das Denkmal in Kleinmachnow
wurde nach Margarete Sommer benannt, die für
ihren Einsatz als „Gerechte unter den Völkern“
ausgezeichnet worden war.