Ehemaliger Kommandoturm wird Museum

Wo Biermann für die Grenzer singen sollte ...

Da soll noch einer sagen, in diesem Land hätten wir nur leere Kassen: Das brandenburger Landesamt für Denkmalschutz will einen immerhin vierstelligen Euro-Betrag ausgeben, um per Gutachten festzustellen, welche Materialien in einem DDR-Grenzturm aus den 70er Jahren zur Verwendung kamen! Als könnte man das nicht einfach in den entsprechenden Unterlagen nachlesen! „Der Kommandoturm war Teil der Grenzbefestigungsanlagen am Kontrollpunkt Dreilinden. Er entstand 1968/69 im Zuge der Neuerrichtung der Grenzanlagen, die damals 50 Millionen DDR-Mark kostete. Beim Rückbau nach der Wende hat man aus Versehen vergessen, ihn abzureißen. Mittlerweile steht er unter Denkmalschutz. Wir haben es nun nach zähen Verhandlungen geschafft, uns mit dem Besitzer, der Europarc Dreilinden, auf einen Pachtvertrag zu einigen. Jetzt wollen wir darin eine Dauerausstellung zur Geschichte der Grenze einrichten!“ Dr. Peter Boeger ist neuer Vorsitzender des Vereins „Erinnerungsstätte ehemaliger Grenzkontrollpunkt Dreilinden“. Vor fünf Jahren zog es den hauptberuflichen Leiter des Informations- und Dokumentationszentrums der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen nach Kleinmachnow. „Als Westberliner kannte ich die teilweise schikanöse Grenzabfertigung in Dreilinden. Für mich war es klar, dass zumindest der Kommandoturm als Mahnmal erhalten werden muss!“ Jetzt scheint das Ziel erreicht. Mit dem fünften Jahr seines Bestehens hat der am 3. Oktober 1998 gegründete Verein, in dem CDU- und PDS-Mitglieder mit parteifreien Interessierten zusammenarbeiten, vorab schon mal die Schlüsselgewalt und will bereits bis zum Jahre 2004 eine erste Wechselausstellung zusammenstellen. Zugleich ist man eifrig am Sammeln von Exponaten. So verfügt Dr. Boeger mittlerweile über das Original der letzten sowjetischen Fahne, die hier prangte und über einen Übungsrevolver. Besonders stolz ist er aber auf ein Tonbandgerät. Es stand seit 1976 am Grenzübergang bereit, weil die DDR fürchtete, der ausgebürgerte Sänger Wolf Biermann könnte versuchen, wieder in seine Heimat zurückzukehren. „Dann sollte er dazu gebracht werden, auf dieses Tonband zu singen“, vertraute ein ehemaliger Stasi-Offizier Dr. Boeger an. Von ihm hat er das Gerät nun als Ausstellungsstück bekommen. Wolf Biermann bestätigte Dr. Boeger auf Nachfrage, dass er von den kuriosen Vorbereitungen um ihn zu „empfangen“ wusste. Die meisten Geschichten um den Kommandoturm ranken sich allerdings um Menschen, die die Grenzübergangsstelle in der anderen Richtung passieren wollten. Sechs Fälle haben die Kleinmachnower mittlerweile erforschen können. Dazu gehörte etwa der Busunternehmer Hans Weidner, der nicht bereit war, seinen Privatbetrieb aufzugeben und in mühevoller Kleinarbeit seinen Bus so mit Stahlplatten verstärkte, dass er am 25. Dezember 1962 die Grenze bei Dreilinden mit Kind und Kegel durchbrechen konnte. Weniger glücklich war eine junge Chemnitzerin, die 1969 im Bauch einer präparierten Kuh in den Westen überwechseln wollte. „Der Fluchtversuch wurde verraten, die Frau musste eine langjährige Gefängnisstrafe absitzen“, hat Dr. Boeger recherchiert. Nun sucht der Verein weitere Geschichten von Betroffenen sowie Fotos und Gegenstände, um nach der auf 90000 Euro veranschlagten Wieder-Instandsetzung im Kommandoturm die Geschichte des Grenzübergangs zu dokumentieren.
Infos Tel. 033203/70768

ZUR PERON: Blutige Familiengeschichte

Dr. Peter Boeger kann auf weitreichende Wurzeln nach Kleinmachnow verweisen. Sein Urgroßvater Ludwig Schiff war ein renommierter Patentanwalt und liegt auf dem Stahnsdorfer Friedhof begraben. Dessen Kinder waren überzeugte Kommunisten. Sie büßten größtenteils mit dem Leben, dass sie tatkräftig beim Aufbau der jungen Sowjetunion helfen wollten. KPD-Mitglied Hans Schiff war Redakteur und wurde 1937 als angebliches Mitglied der „Wollenberg-Hoelz-Verschwörung“ exekutiert. 1964 wurde er posthum rehabilitiert. Edmund Schiff war Architekt und hatte Furore gemacht, als er in Griechenland mit von ihm konzipierten Holz-Fertigteilhäusern vom Erdbeben betroffenen Menschen Anfang der 20er Jahre wieder zu einem Dach über dem Kopf verholfen hatte. Seine Spuren verlieren sich ebenso in der Sowjetunion wie die seiner Schwester, der Lehrerin Lieselotte Schiff, ihrem Ehemann August Stümpfel und deren Sohn Geerd Stümpfel. „Lediglich Peter Schiff, der wie sein Bruder Architekt war, konnte vor den Mördern in die USA fliehen“, so Dr. Peter Boeger.

Die letzte Sowjet-Fahne gehört zu den Exponaten.

Bevor es mit den Bauarbeiten losgeht, will das Denkmalschutzamt genau prüfen, welches Material die DDR verbaute.

Die Abscheu ist Dr. Boeger anzusehen, als er diesen Übungsrevolver präsentiert.

Fein säuberlich sind im Turm Reste der Grenz-Gitterzäune gelagert.