Interview mit Kleinmachnows Bürgermeister Wolfgang Blasig

Wie regiert man eine etwas andere Gemeinde?

Was ist der Grund dafür, dass alle nach Kleinmachnow wollen? Wie wird eine Gemeinde mit den Besonderheiten fertig, die sich ergeben, wenn sich binnen zehn Jahren die Bevölkerung aufgrund von Neuzuzügen verdoppelt? Wie sieht die weitere Zukunft Kleinmachnows aus?
Das sind einige der Fragen, die wir Bürgermeister Wolfgang Blasig bei unserem Interview stellen. Blasig zeigte sich bestens vorbereitet und plauderte entspannt aus dem Nähkästchen der Gemeinde-Spezifikas.

Sie stellen gerade ein Parkraumkonzept zur Diskussion. Ist das nicht übertrieben, in einer Gemeinde mit etwas über 17000 Einwohnern?
Wolfgang Blasig: „Wir haben das Problem, dass unser Ort in den Dreißiger Jahren entstand. Damals wurden die Straßen ziemlich schmal angelegt, denn Autos waren nicht üblich. Heute haben wir das Problem, dass jeder Haushalt ein Auto hat, oftmals sind es mehrere. Das wird sich kaum ändern, denn schon allein aufgrund der engen Straßen wird es nicht möglich sein, dass der ganze Ort flächendeckend mit dem öffentlichen Nahverkehr erschlossen wird. Daraus ergibt sich ein Parkproblem, das teilweise sehr intensiv und kontrovers diskutiert wird.“

Wer durchfährt, sieht, dass fast jede Ecke von irgendeiner Parkregelung betroffen ist. Welche Idee steckt dahinter?
Wolfgang Blasig: „Generell sollte gelten, dass die Grundstücksbesitzer ihre Fahrzeuge auf ihren Grundstücken abstellen und die öffentlichen Parkflächen für Besucher, Lieferanten oder Menschen, die gerade einkaufen oder etwas erledigen wollen, freigehalten werden.“

Man sieht viele Halte- und Parkverbotszonen.
Gibt es eine Überwachung?

Wolfgang Blasig: „Wir haben Mitarbeiter, die unterwegs sind und an die Bürger appellieren, sich an diese Regelung zu halten. Wenn es unvermeidbar ist, können wir Knöllchen verteilen lassen. Allerdings sehe ich darin nicht, wie manch andere Gemeinden, eine Einnahmequelle für unseren Haushalt. Wir setzen lieber auf das Prinzip Freiwilligkeit und Vernunft.“

Ein Dauerthema ist das Ortszentrum in der Förster Funke Allee.
Wolfgang Blasig: „Die Arbeiten haben nun endlich begonnen, die Hochbau-Arbeiten werden noch 2002 losgehen. Ursprünglich war geplant, die Maßnahme in mehreren zeitlich versetzten Abschnitten durchzuführen. Nun wollen wir alles in einem oder maximal in zwei Abschnitten bauen. Ein Teil der Ladenfläche ist bereits vermietet. Diskussionen gibt es um das Bürgerhaus. Dafür soll die Verwaltung nicht mehr als 9,5 Millionen Euro ausgeben. Andererseits will man möglichst viele Nutzungsmöglichkeiten. Im Klartext: Ein Optimum an Bau soll mit einem Minimum an Mitteln erreicht werden.“

Was entsteht genau am neuen Ortszentrum?
Wolfgang Blasig: „Hier sollen sich Einzelhandelsgeschäfte, ein Ärztehaus, seniorengerechtes Wohnen sowie das Bürgerhaus mit der Verwaltung um einen attraktiven Marktplatz gruppieren.“

Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass die bisherigen Einkaufs- und Begegnungszentren veröden?
Wolfgang Blasig: „Daran haben wir durchaus gedacht. Wir haben deshalb ein Zentrenkonzept entwickelt. Demnach sollen neben dem Ortszentrum die bisherigen Subzentren weiter erhalten bleiben und sich gegenseitig ergänzen. Wirtschaftlich ist das wohl kein Problem.“

Woher beziehen Sie diesen Optimismus?
Wolfgang Blasig: „Kleinmachnow liegt, was die Kaufkraft anbelangt, bei 106 Prozent des Bundesdurchschnitts. Das war 1999. Heute dürfte es noch mehr sein. Damit stehen wir im ostdeutschen Vergleich sehr gut da. Von dieser Kaufkraft wird aber nur 18 Prozent im Ort selbst ausgegeben. Mit dem neuen Ortszentrum hoffen wir, diese Quote auf 30 Prozent zu erhöhen.”

Soll Kleinmachnow weiter so wachsen?
Wolfgang Blasig: „Wir haben derzeit 17600 Einwohner und sehen unsere Grenzen bei etwa 20000. Erweiterungsflächen haben wir derzeit keine mehr, neue Gebäude können nur im Zuge von Verdichtung im Innenraum entstehen.“

Warum ist Kleinmachnow als Zuzugsgebiet so beliebt?
Wolfgang Blasig: „Wir haben eine hervorragende Lage nahe an Berlin und Potsdam und dennoch im Grünen. Orte in Südwest-Lage vor Ballungsgebieten sind überall als Entwicklungsgebiete gefragt. Zwar haben wir relativ hohe Grundstückspreise, aber immer noch günstiger als in Zehlendorf oder Steglitz. Dazu kommt das unvergleichliche Flair des Ortes, das sich seit den dreißiger Jahren erhalten hat.“

Welche Bevölkerungsgruppe zieht es besonders
in die Gemeinde?

Wolfgang Blasig: „Das sind junge Familien, meist mit mehreren Kindern.“

Welche Besonderheiten bringt das für die Gemeinde?
Wolfgang Blasig: „Wir haben eine absolut untypische Alterspyramide. Bei uns wohnen überdurchschnittlich viele Menschen über 60, sehr wenig Bürger zwischen 40 und 60 Jahren. Dafür haben wir im Bereich der Kinder von drei bis zehn Jahren dreimal soviele wie sonst in Deutschland.“
Klingt gut, bereitet sicher aber zugleich Probleme.

Reichen die Kita-Plätze?
Wolfgang Blasig: „Sie haben recht, das ist eines der Probleme. Schul- und besonders Gymnasiumplätze sind das nächste. Natürlich könnten wir jetzt noch ein Gymnasium bauen, noch mehr Kitas – doch was wird in zwanzig Jahren? Da stehen die dann vielfach leer! Unser Problem ist jetzt, dass wir die Kinder nicht ohne weiteres in Einrichtungen nach Zehlendorf schicken können. Denn das ist Berlin und damit ein anderes Bundesland.
Hier wäre eine Regelung dringend nötig. Schon jetzt besuchen 150 Kinder von hier in Berlin die Sekundarstufe 2.“

Bei dieser Bevölkerungsstruktur werden Sie aber bei vielen öffentlichen Bauten ein späteres Nutzungsproblem haben?
Wolfgang Blasig: „Das wissen wir. Deshalb werden bei uns Gebäude so projektiert, dass sie später andersweitig genutzt werden können. Damit aus heutigen Kindereinrichtungen später mal Senioreneinrichtungen werden können.“

Das wird wohl kaum ohne Mehrkosten gehen?
Wolfgang Blasig: „Das ist richtig. Wir müssen uns aber klar darüber sein, dass wir mit Bauten von heute die Weichen für die nächsten Generationen stellen. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass Kleinmachnow irgendwann, ich schätze vielleicht in zehn Jahren, zu einem gemeinsamen Bundesland Berlin-Brandenburg gehören wird.“

Zur Person
Wolfgang Blasig ist seit 1993 Bürgermeister in Kleinmachnow. Er ist in Moskau geboren, verbrachte seine Schulzeit in Dresden und ist „1957 das erste Mal in Kleinmachnow aufgeschlagen“. Dort hatte sein Großvater 1935 ein Haus für die Familie gebaut. Seit 1972 wohnt er mit seiner Familie am Ort. Blasig freut sich jeden Tag auf seine Tätigkeit in einem bundesweit ungewöhnlichen Ort. „Hier sitzt man nicht auf gefestigten Strukturen wie man sie etwa in Gemeinden in Süddeutschland gewöhnt ist. Bei uns ist man täglich durch neue Situationen gefordert.“ Wolfgang Blasig ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 16, 21 und 27 Jahren. In der wenigen Freizeit spielt er Tennis oder malt, am liebsten Landschaften in Öl oder als Aquarell. Segeln auf den Havelseen nennt er als weiteres Hobby. „Das war allerdings entspannender, als es noch kein Handy gab.“ Bei allem Stress lässt es sich Kleinmachnows Gemeindeoberhaupt aber nicht nehmen, einmal im Jahr eine einwöchige Törn entlang der Mecklenburger Ostseeküste zu machen. „Fotos davon gibt es leider keine, denn da geht es sehr nass zu!“ Ein ausgesprochenes Lieblingsgericht kann der passionierte Pfeiffenraucher Wolfgang Blasig nicht nennen: „Ich schätze italienische Küche ebenso wie traditionelle deutsche Gerichte. Die bereitet meine Frau leider so delikat zu, dass ich auf Gewichtsprobleme achten muss!“ Was man ihm nicht ansieht. Und zu trinken? „Ich bin kein Biertrinker, schätze trockenen Weißwein ebenso wie Rotwein. Da bin ich nicht festgelegt.“ In Kleinmachnow ist Flexibilität eben an allen Fronten gefragt.