Versteckte Fabrik war entscheidend für Luftwaffe

Ohne Dreilinden wären Nazi-Flieger
am Boden geblieben

Kleinmachnow gilt seit jeher als besonders von Prominenten geschätzter Wohnort zwischen Berlin und Potsdam. Das fing in den dreißiger Jahren an, das setzte sich in der Nachkriegszeit und DDR-Ära fort und sorgte nach dem Mauerfall für einen Bevölkerungsboom, der bundesweit seinesgleichen sucht.
Die Hälfte aller Bewohner des Ortes sind nach der Wende hinzugezogen. Das alles ist bekannt. Dass Kleinmachnow aber kriegswichtiger Industriestandort war, das wurde erst unlängst ausgegraben.
Zu danken sind die neuen Erkenntnisse über die alte Rüstungsfabrik zu großen Teilen der Hartnäckigkeit von Dr. Rudolf Mach.
Der 61-jährige Referatsleiter im Umweltbundesamt begann nach der Wende in den Resten des ehemaligen Grenzpostens Dreilinden zu stöbern und stieß auf das Barackengelände beidseits des Stahnsdorfer Damms. „Das konnte nicht nur mit den Grenzbefestigungsanlagen der DDR zusammenhängen.“ Mach recherchierte und fand heraus, dass hier bis 1945 eine Fabrik war. Sie firmierte unter dem Kürzel „DLMG“, was ausgeschrieben „Drei Linden Maschinenbau GmbH“ bedeutete. Klingt eigentlich nicht spannend. Doch warum wollte die Robert Bosch AG, der dieser Betrieb damals zu hundert Prozent gehörte, keine Informationen über die Tochtergesellschaft herausrücken? Warum gab es in den örtlichen Archiven kaum Material? Warum wurde die Kleinmachnower Bosch-Tochter so konsequent in den vor Stolz überschäumenden Eigendarstellungen und Jahresbänden des Konzerns verschwiegen?
Machs Verdacht, dass es sich um einen getarnten Rüstungsbetrieb der Nazis handelte, verstärkte sich.
Der umtriebige Zehlendorfer, der nur wenige hundert Meter von der Ortsgrenze zu Kleinmachnow wohnt, wollte mehr wissen und machte sich mit einem Metalldetektor auf, der Sache im wörtlichen Sinne auf den Grund zu gehen.
Das Ergebnis: In Kleinmachnow wurden Spezialteile für die deutsche Luftwaffe produziert. Das Unternehmen hatte sich auf Zündspulen, Anlasser, Verteiler und andere sensible Technik für Flugzeugmotoren spezialisiert. Darunter waren so komplizierte Teile wie höhenabhängige Einspritzanlagen. Eine davon hat Mach ausgegraben: Kern ist eine Art Barometer als Höhenmesser, der in eine Mechanik weiterführt, die dann für die Benzinzufuhr zuständig ist.
„Neben Kleinmachnow gab es nur in Bielefeld eine ähnliche Produktionsstätte. Hätten die Alliierten diese beiden Fabriken stillgelegt, wäre die deutsche Flugzeugproduktion mit einem Mal am Boden gelegen!“
Wie in anderen kriegswichtigen Betrieben, so fand der Freizeit-Historiker Dr. Rudolf Mach noch heraus, waren in Kleinmachnow Zwangsarbeiter eingesetzt. Kleinmachnow war Außenlager vom KZ Ravensbrück. Etwa 400 verschleppte Frauen, meist Polinnen, arbeiteten im Schichtdienst. Allerdings unter vergleichsweise guten Bedingungen: „Die Wohnbaracken waren entsprechend dem damaligen Standard ausgestattet. Innen-Toiletten, Heizung, fließendes Wasser, das gab es in vielen &Mac226;normalen‘ Wohnhäusern selbst in der Nachkriegszeit noch lange nicht.“ Dr. Mach arbeitete in diesem Zusammenhang mit Angela Martin von der Berliner Geschichtswerkstatt zusammen, die unter dem Titel „Ich sah den Namen Bosch“ einen Band herausgab, in dem ehemalige Zwangsarbeiterinnen zu Wort kamen. Gerne hätte Dr. Mach zusammen mit dem Kleinmachnower Heimatverein, dessen Vorsitzender er seit Kurzem ist, die letzte Zwangsarbeiter-Baracke gerettet. Doch sie stand auf einem Gelände, das vorher zu Wohnbauzwecken verkauft worden war. Nun ist ein Team des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege unter Leitung des 35-jährigen Archäologen Matthias Antkowiak dabei, alles, was abgerissen und ausgegraben wird, per Foto festzuhalten und für die Nachwelt zu dokumentieren. Anschließend haben dann großstadtmüde Neu-Kleinmachnower das Vergnügen, ihr Eigenheim und ihre Gartenparty auf dem Gelände zu genießen, wo früher verschleppte Frauen das Kriegsmaterial zusammenbauen mussten, mit dem anschließend ihre Länder bombadiert und ihre Angehörigen getötet wurden.

Zu danken sind die neuen Erkenntnisse über die alte Rüstungsfabrik zu großen Teilen der Hartnäckigkeit von Dr. Rudolf Mach.

Von der alten Fabrik blieb nichts mehr erhalten.

Werner Schulz hat einen Fundamentspfosten im Zwangsarbeiter-Lager ausgegraben.