Stand Dezember 2010
Museum für freche Karikaturen
Es gibt Aufgaben, über die kann man nachträglich nur den Kopf schütteln: „Wir waren in der Akademie der Wissenschaften mit Dingen beschäftigt wie den koffeinfreien Kaffee Hag aus dem Westen neu zu erfinden oder wie man alte Katalysatoren wieder aufbereitet.“
An diese Wissenschafts-Tätigkeit als Chemiker erinnert sich der Zeesener Andreas Nicolai heute mit einer gehörigen Portion Schaudern. Kein Wunder also, dass er schon in der DDR am liebsten zur spitzen Feder griff, um das Leben in der Republik aus seiner Weltsicht zu kommentieren.
Freche Zeichnungen in DDR-Akademie
Dafür gab es sogar in der
Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof Gleichgesinnte: „Wir konnten am Zentrum für Physikalische Wissenschaften sogar eine ‚Kleine Galerie‘ einrichten, die sehr beliebt war. Das fand ich interessanter, als bereits vorhandene Dinge neu zu erfinden“, blickt der heute 51-Jährige zurück.
Nun ist ausgerechnet er dabei, etwas „neu zu erfinden“ was es ebenfalls bereits gibt, nämlich ein „Museum für Karikatur, Cartoons und humoristische Kunst“.
Ostdeutscher Humor
Allerdings: Nicolai und sein Verein „Cartoonlobby“ wollen nicht bunt zusammen gewürfelte Werke, sozusagen von Asterix über Superman bis Donald Duck präsentieren. Er will stattdessen die Vermächtnisse der legendären Zeichner Ostdeutschlands, die vielfach aus dem Umfeld der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ stammen, vor dem drohenden Vergessen bewahren: „Viele noch lebende Künstler fragen sich, was aus ihrem Nachlass wird. Sie stehen als Zeitzeugen zur Seite, um ihre Werke weiterleben zu lassen“, nennt Nicolai einen ungewöhnlichen Ansatz von Museums-Kultur. „Mittlerweile verfügen wir über Nachlässe von Zeichnern wie Manfred Bofinger, der 2011 runde 70 Jahre alt geworden wäre und Peter Dittrich, der zehn Jahre älter ist und ebenfalls bereits gestorben ist. Wir haben Original-Arbeiten vieler bekannter Künstler, etwa von Harald Kretzschmar aus Kleinmachnow, der  80 geworden ist.“
Karikatur hinter Gittern
Bei aller Freiheitsliebe hat der Zeesener wohl eine gewisse Schwäche für „Schwedische Gardinen“. So entsteht sein Cartoon-Museum in Luckau, im Untergeschoss der früheren JVA. Viel lieber würde Andreas Nicolai aber in seiner Heimatstadt KW ausstellen. Auch dort hat er sich schon nach einer JVA umgesehen! Dabei sind Karikaturisten ja gerade als Menschen, die
Unfreiheit nicht ausstehen können und deshalb besonders intensiv aufs Korn
nehmen, bekannt!
Da es in Deutschland nur ganz wenige Museen gibt, die sich diesem Bereich der Kunst widmen, wird das neue Museum überregionale Anziehungskraft haben, egal ob es ins verkehrsgünstige KW kommt oder erst mal im abgelegenen Luckau bleibt. Denn Nicolai und seine 35 Mitstreiter haben sich vorgenommen, darin schwerpunktmäßig die Zeichner aus Berlin und Brandenburg weiterleben zu lassen. „Das sind sehr viele, da Berlin ja praktisch das ganze 20. Jahrhundert lang führende Presse-Metropole und Drehscheibe für Politik war.“
Internationale Ausstellungen
Andreas Nicolai ist selbst Zeichner, war nach der Wende in der legendären „Cartoonfabrik“ führend für die Internationalen Ausstellungen tätig, die immer über mehrere Punkte von
Köpenick bis in die Ausstellungsräume unterm Funkturm führten. Daraus entstanden Wanderausstellungen, die in ganz Deutschland und Europa viele Fans fanden. „Als diese Räume andersweitig verwendet wurden, starb die Cartoon-Ausstellung.“ Ganz aktuell ist Nicolai für den „Deutschen Karikaturisten-Preis“ tätig.
Während zwischen Andreas Nicolai, dem Chemiker aus Verlegenheit,  und seinem Ursprungsberuf Chemie niemals die Chemie stimmte, stimmt sie zwischen ihm und seiner Ehefrau, ebenfalls Chemikerin, übrigens immer noch.
Die einzige Tochter allerdings hat sich mit der Position in einer Marketingabteilung einer Berliner Firma einem Beruf verschrieben, der die Realität eher rosa verpackt als mit spitzer Feder beschreibt. Das wundert Andreas Nicolai nicht, denn er fürchtet, dass seine Zunft der Karikaturisten und Cartoonisten auf einem „absterbenden Ast“ sitzt.
„Kaum eine Zeitung leistet sich heute noch einen eigenen Zeichner. Zeitungen und Zeitschriften haben bedingt durch Fernsehen und Internet einfach weniger Stellenwert. Die meisten Kollegen müssen sich mit anderen Zusatztätigkeiten wie Logos entwerfen, am Leben halten.“
Dennoch sieht Andreas Nicolai ein hohes Potenzial für sein Museum: „Karikaturen und Cartoons werden in allen Altersklassen verstanden und sprechen alle sozialen Schichten an. Das schafft sonst keine andere Kunst!“
Infos:
Tel. 0 33 75/21 41 57 www.cartoonlobby.de
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