Stand Dezember 2011
Sechs Millionen Zuschauer
Die Liste ihrer Filme ist rekordverdächtig lang, weit über 50 Produktionen sind verzeichnet. Doch im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen igelt sich die in Ost und West bekannte Schauspielerin nicht ein.
Ursula Karusseit findet man ganz normal im Telefonbuch. Man kann sie ohne Umwege anrufen, wenn man das Glück hat, dass sie auch da ist – in ihrem Zuhause in Senzig.  
50 Jahre Bühnenluft
Denn die aus Theater, Film und Fernsehen seit über 50 Jahren bekannte Schauspielerin pendelt oft zwischen Sachsen, Berlin und dem kleinen Örtchen Zollbrücke an der Oder, wo sie  im Advent im „Theater am Rand“ zu sehen ist. In Berlin trat sie bei den „Jedermann-Festspiele“ auf. Dabei steht das Stück von Hugo von Hofmannsthal im Berliner Dom im Mittelpunkt. Es wurde  vor genau hundert Jahren geschrieben. Die Stars der Jubiläums-Inszenierung waren Winfried Glatzeder, Barbara Wussow, Ilja Richter und Ursula Karusseit in der Rolle der Mutter. In Sachsen wird die Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ gedreht, in der sie seit 1998 mitspielt. In der Krankenhausserie, die in Leipzig spielt, tritt sie als Charlotte Gauss, die freundliche Chefin der Klinik-Cafeteria, auf. Die Serie ist dienstags in der ARD zu sehen und hat an die sechs Millionen Zuschauer. Unlängst mit dabei war mit Bruno Frank Apitz ein Gaststar, der ebenfalls in Senzig zuhause ist.  
Durchbruch als Magd
Mit Serien hat Ursula Karusseit beste Erfahrungen. Die DDR-Serie „Wege übers Land“ war in der ganzen Republik ein Publikumsmagnet. Dort gelang der 1939 in Elblag geborenen gelernte Schreibkraft 1968 der große Durchbruch. Sie spielte die Rolle der Magd Gertrud Habersaat in all ihren Facetten gleichzeitig sehr glaubwürdig und unterhaltsam.
Dabei wäre sie fast um ihre Theaterkarriere gebracht worden. Sie fand zur Schauspielerei durch die Theatergruppe ihres Betriebs. Doch ihre Bewerbung an der Schauspielschule in Leipzig wurde abgelehnt. „Heute weiß ich, was der Fehler war: Ich hatte mich zusammen mit meiner Freundin beworben. Zu zweit wollten die uns nicht haben. Beim nächsten Versuch in Berlin bewarben wir uns getrennt, und siehe da, wir wurden beide genommen“, erinnert sie sich. Ihr Talent führt sie auf die Mutter zurück: „Sie konnte die Leute immer zum Lachen bringen.“
 Von der „Schulbank“ auf die Bühne  
Die Ausbildung beginnt 1960, schon ein Jahr später steht sie auf der Bühne: „Damals fehlten Schauspieler, so dass wir händeringend gesucht wurden.“
Sie denkt noch gerne ans alljährliche Intendantenvorspiel zurück: „Da kamen die Chefs der wichtigen Theater zusammen, um ihre Schauspieler zu finden. Sie rissen sich förmlich um uns. Heute ist es genau umgekehrt, da müssen die Kollegen als Bittsteller antanzen.“
Ursula Karusseit war an vielen Theatern gefragt und lange Jahre festes Mitglied im Ensemble der  Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Sie avancierte zur deutschlandweit gefragten Brecht-Interpretin und Darstellerin in modernen Stücken von zeitkritischen Autoren. ErsteErfolge  hatte sie so mit Werken des Schweizer Autors Max Frisch, der ähnlich wie Bertolt Brecht Zeitkritik übte und sich mit Freiheitsdrang und kleinkarierter Spießigkeit auseinandersetzte. Hier machte sie noch als junge Studentin in der Rolle der „Anna“ im Stück „Biedermann und die Brandstifter“ auf sich aufmerksam. Heute denkt sie mit Wehmut an die Zeit zurück: „Die Volksbühne war über lange Jahre mein Theater. Wir hatten alle gehofft, dass Frank Castorf die Tradition des Hauses fortsetzt. Leider ist genau das Gegenteil passiert.“
Gefragt in Ost und West  
Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen hat Ursula Karusseit keinen Karriereknick nach der Wende erleben müssen. „Allerdings taten viele so, als würden sie uns DDR-Schauspieler nicht kennen. Dennoch waren wir gefragt, man konnte uns ja weniger Gage bezahlen“, schildert sie ihre Erfahrungen mit dem neuen politischen System.
Dort allerdings war sie nicht weniger oft im Fernsehen zu sehen, als vorher in der DDR. Sie trat im „Tatort“ auf, war in den einschlägigen Serien wie „Praxis Bülowbogen“, „Für alle Fälle Stefanie“ oder „Liebling Kreuzberg“ zu sehen.
Ihre Kinokarriere begann 1971 mit der Rolle der Hilde Coppi im Spielfilm „KLK an PTX – Die Rote Kapelle“. Sie arbeitete mit Star-Regisseur Konrad Wolf zusammen. Die Kinder bezauberte sie in unterschiedlichsten Märchenfilmen.
Nach der Wende spielt sie unter anderem im Kinofilm „Nachtgestalten“ von Andreas Dresen.  
Preisgeld für Senzig
„Ich habe mir das Grundstück in Senzig vom Geld aus dem Nationalpreis gekauft, den ich 1968 erhielt. Als nach der Wende die Wohnungsmieten ins Unermessliche stiegen, haben wir hier gebaut.“
Ursula Karusseit gehört zu den großen Schauspielerinnen Deutschlands und zu den wenigen, die auf der Bühne, im Film und im Fernsehen gleichermaßen beliebt sind. Während andere um Rollen und Engagements kämpfen, kann sie sich aussuchen, was sie spielen möchte. Und ganz nebenbei ist sie mit ihrem Buch „Wege übers Land und durch die Zeiten“ zu Lesungen unterwegs.
Wandlungsfähig und bescheiden  
Die wandlungsfähige Charakterdarstellerin brilliert in Männer- und Frauenrollen. Sie war bereits in den 1980-er Jahren vielfach für Gastspiele in Westdeutschland und wusste daher, was durch die Wende auf sie zukommt. Sie kommt mit den neuen Verhältnissen zurecht, verweist aber gerne auf ihre Wurzeln. Das merkt man auch am Essen: „Mir schmeckt alles bis auf Steckrüben“, verrät sie. Ihre Freizeit verbringt sie gerne mit Lesen, besonders deutsche und schwedische Krimis haben es ihr angetan, und der Pflege des Gartens. „Aber schreiben Sie ja nicht, dass ich Hobby-Gärtnerin bin, soweit geht das Engagement nicht“, schmunzelt sie.
Als Star möchte sie sich zuhause nicht fühlen. „Im Dorf bin ich die ganz normale Nachbarin.“
Berührungsängste gibt es jedenfalls keine, einmal im Monat gemeinsamer Bowling-Abend mit den Nachbarn ist eine feste Tradition. Begegnen kann man ihr so ziemlich jeden Tag – der gemeinsame Ausflug mit Hündin Lütti dient ihr dazu, den Kopf frei zu bekommen oder über neue Rollen nachzudenken.
Infos: Tel. 0 33 75/90 02 79
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