Immer Ärger mit der Jugend

Ulbrichts Enkelin und ihr Punker

Ein Sack voller Flöhe lässt sich leichter hüten als lebenshungrige Jugendliche! Diese Erfahrung machen manche Eltern und gar der eine oder andere Internatsleiter. Was aber tun, wenn es sich um ein Prominentenkind handelt, und die Sache zur Staatsaffäre zu werden droht?
Mit diesem Problem war Heinz Borchert, heute in Königs Wusterhausen als Ortschronist bekannt, befasst. Denn ausgerechnet ihm hatte Lotte Ulbricht, resolute Ehefrau des ersten DDR-Staatschefs, ihre flügge gewordene Enkelin Patrizia Matteoli anvertraut. Lotte Kühn hatte Walter Ulbricht im gemeinsamen Moskauer Exil kennengelernt, allerdings kam es erst 1953 in Berlin zur Hochzeit.

Lotte ohne Kinder
Da sie selbst keine Kinder bekommen konnte, hatte das Paar ein Mädchen adoptiert. Quellen sprechen davon, dass es sich dabei um Maria Pestunova handelt, deren Mutter als ukrainische Zwangsarbeiterin in Leipzig 1944 kurz nach Geburt des Kindes gestorben sein soll. Jedenfalls nannten die Ulbrichts das Mädchen Beate. Sie studierte in Moskau und Leningrad. Aus der Verbindung mit einem Italo-Schweizer entstammt die 1967 geborene Patrizia Matteoli. Heiße Nächte in Leningrad brachten den 1969 geborenen Andre ans Licht, der mit 14 ins Schülerinternat nach Königs Wusterhausen kam. Beate selbst soll dem Alkohol verfallen sein und war entmündigt worden. Sie starb 1991 unter ungeklärten Umständen in ihrer Wohnung in Berlin.

Nobel-Internat für Präsidenten-Kinder
In Königs Wusterhausen unterhielt das Außenministerium ein Internat für Kinder von Eltern, die im Ausland waren. Heinz Borchert wurde 1971 mit der pädagogischen Leitung betraut. Als im Herbst 1984 der Leiter eines weiteren Nobel-Internats in der Straße Am Treptower Park in Berlin Treptow verstarb, wurde Borchert zusätzlich mit der kommissarischen Leitung betreut. „Es war ein palastartiges Bürgerhaus, in dem viele Studenten und Lehrlinge von ausländischen Staatschefs und Diplomaten waren. Darunter befanden sich Raul Cabral, der Sohn des Präsidenten von Guinea-Bissau, Towane Machel, Sohn des Präsidenten von Mosambik oder Kinder anderer Machthaber aus befreundeten Ländern. Sie hatten Diplomatenpass und konnten, was wir nicht durften, ungehindert nach Westberlin und zurück“, erinnert sich Borchert. Infolgedessen war es ziemlich schwer, hier Ordnung zu halten.

Ulbrichts südländische Schönheit
Dazu kamen Kinder von DDR-Künstlern, Schauspielern und Politikern. „Die Schauspielerin Michaela Kreißler, die Sängerin Regina Thoss und die Schwiegertochter des Volkskammer-Präsidenten Horst Sindermann hatten ihre Kinder bei uns untergebracht“, so Borchert weiter. Das brachte wahrscheinlich die spröde Lotte Ulbricht dazu, sich ausgerechnet dieses Internat für ihre 17-jährige Enkelin „Patzi“ auszusuchen, dass diese während ihrer Lehre in einem Außenhandelsbetrieb besuchen sollte. Dazu wurde Borchert zu Außenminister Oskar Fischer gerufen und bekam im Beisein von ZK-Mitglied Bernhard Quandt mitgeteilt, dass er den Auftrag bekommt, „die Enkeltochter des Genossen Walter Ulbricht“ in Obhut zu nehmen. Bald darauf wurde der Besuch von Lotte Ulbricht im Internat telefonisch avisiert: „Gegen 10 Uhr rollte die Tschaika-Staatslimousine vor. Ich begrüßte Genossin Lotte Ulbricht und ihre Enkeltochter. Sie war eine südländische Schönheit mit schwarzer Lockenpracht, aber mit einem Berliner Mundwerk!“, so Borchert weiter. Beim Abschied gab es für ihn von „Oma Lotte“ die Ermahnung: „Passt mir gut auf Patzi auf, dass mir keine Klagen kommen!“

„Oma hat en Ding zu laufen”
Der Tschaika brauste ab. Das erste was Patzi sagte, war: „Herr Borchert, meine Oma hat doch echt en Ding zu laufen wa?“ Später machte sie ihren Unmut über die Zustände in der sozialistischen Vorzeigefamilie ungeniert Platz: „Ich bin noch gar nicht richtig in Omas Wohnung, da lappt sie mich schon voll. Wie Du wieder aussiehst, die Haare wie'n Hippie, die Bluse zu eng, der Rock zu kurz.“ Schlimmer für die Internats-Leitung war, dass die hübsche Patzi das Tanzlokal „Plänterwald“ für sich entdeckt hatte. „Dort verkehrten sehr zum Ärger von SED und FDJ Hippies, Punker und Gammler!“ Einer der Stars war der rothaarige 18-jährige Horst Kleinert, im Hauptberuf Hilfsarbeiter beim VEB Bärenquell, der äußerst gelenkig als Breakdance- und HipHop-Fan auf sich aufmerksam machte.

Spirelli sorgt für schlaflose Nächte
Das brachte ihm den Spitznamen „Spirelli“ ein. Und ausgerechnet in den verliebte sich Patzi. Wie sollte man das „Oma Lotte“ beibringen? Aber was, wenn sie es aus anderen Quellen erfuhr? Selbst Genosse Quandt, der „persönliche Betreuer“ von Patzi, mit seinen langen Erfahrungen als Staatsratsmitglied und erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Schwerin, wusste keinen Rat. Schlaflose Nächte waren angesagt – und der Zufall kam als Rettung. Patzi wurde von einem Motorrad angefahren und verbrachte die Zeit bis zum 18. Geburtstag mit einem komplizierten Knöchelbruch im Krankenhaus.

Wohnung als Geburtstags-Geschenk
Mit der Volljährigkeit aber konnte sie „als Geschenk ihrer Oma“ eine „Einweisung“ in eine kleine Wohnung in der Köpenicker Landstraße entgegennehmen – und Borchert war das Problem Spirelli losgeworden, ohne selbst zwischen die Mühlsteine der Politik zu geraten. Der kleine Andre in seinem Internat in KW machte ihm zum Glück keine Probleme dieser Art. Walter Ulbricht selbst wäre der Ärger mit den Enkeln ohnehin erspart geblieben. Er war bereits 1973, zwei Jahre nach seiner Ablösung an der Parteispitze durch eine Intrige seines „Kronprinzen“ Erich Honecker, gestorben.

Infos Tel. 0 33 75/29 39 47

Heinz Borchert erinnert sich noch gut, wie er in diesem Haus Promi-Kinder wie die Enkelin von Lotte Ulbricht betreute.

Im Nobel-Internat am Treptower Park waren die Kinder der DDR-Elite und von ausländischen Staatschefs untergebracht.