Internationales Flair schwappt nach KW

Die Zeiten, als Königs Wusterhausen internationales Flair hatte, sind doch längst vorbei. Denkt man. Jedenfalls wohnt im Schloss kein König mehr und regiert wird von woanders aus. Doch weit gefehlt: Die Stadt zwischen Dahme und Notte ist die ostdeutsche Drehscheibe in viele Länder!Das ist dem Hafen zu verdanken, dem zweitgrößten Binnenhafen in ganz Ostdeutschland. Von hier aus wandert seit fast 150 Jahren „Schüttgut“ wie Kohle, Erden, Steine und vieles mehr in viele Länder. „Paris, Prag, das Schwarzen Meer, Gdansk und Gdynia in Polen oder Amsterdam oder Rotterdam an der niederländischen Nordsee“, zählt Reinhard Schuster, Geschäftsführer des in städtischem Besitz befindlichen Hafens, auf. Wer die schweren Kräne auf dem weitläufigen Gelände sieht, wer erlebt, wie massige Güterwaggons ausgekippt werden, wie eine Schuhschachtel, der ist sicher beeindruckt. 1854 ging der Hafen in Betrieb. Von 1945 an war er kriegsbedingt, lange Jahre fest in weiblicher Hand, so jedenfalls Reinhard Schuster. Rekorde gab es immer wieder: 1894 war in KW der erste Binnenhafen in Deutschland, der über einen eigenen Eisenbahnanschluss verfügte. 1957 erhielt die Anlage eine für damalige Zeiten revolutionäre Waggonkippanlage, die die Handentladung weitestgehend überflüssig machte. Nach der Wende investierte man stolze 50 Millionen Mark – und schuf damit eine rentable Anlage, die die städtische Einrichtung zum zweitgrößten Arbeitgeber der Stadt machte. Noch mehr Beschäftigte hat nur – das Krankenhaus! Heute werden täglich durchschnittlich 10000 Tonnen bewegt. Kies, Kohle, Zementklinker, Split, Getreide oder Kaolin, der Grundstoff zur Porzellanherstellung, werden von hier umweltfreundlich auf Schubverbänden oft über Wochen und oft hunderte von Kilometer befördert. Ob dann in Rotterdam noch jemand darüber nachdenkt, wo denn eigentlich KW liegt? Carmen Krickau

Der Hafen ist für die Region von großer Bedeutung.

Wie Schuhschachteln werden riesige Waggons ausgeleert.

In Jedem Hafen eine Braut

Es muss Romantik pur sein, auf einem Schiff zu leben. Noch dazu auf einem so gemütlichen Binnenschiff.Was ist dran an diesem Bild vom Bilderbuchleben eines Binnenschiffers, wie sie täglich auch im Hafen Königs Wusterhausen an- und ablegen? Reinhard Schröder ist ein echter norddeutscher Junge. Zu Hause ist er in Elsfleth, etwa 30 Kilometer von Oldenburg. Wobei – zu Hause ist er eigentlich auf seinem Kahn. Denn den verlässt er im Prinzip nur zum Einkaufengehen oder mal Ausgehen. Schließlich hat er in seinem sieben mal fünf Meter großen Reich alles, was das Herz begehrt. „Ein bisschen rustikaler als in einer richtigen Wohnung, aber zum Wohlfühlen.“ Also eine Küche mit Kühlschrank (gekocht wird auf Gas), die „gute Stube“ mit gemütlichem Sofa, Fernseher und Schrank, die Koje eine Treppe tiefer mit 1,80 Meter breitem Bett, und sogar Gardinen an den kleinen Fenstern. „Mein Steuermann „Zibi” hat in seiner Wohnung sogar ein französisches Bett.“ Ich sehe keine Frauen an Bord. Ein breites Grinsen zieht sich über das sonnengebräunte Gesicht des 46jährigen Schiffsführers. „Also, der Zibi ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau kommt regelmäßig auf Urlaub zu uns aufs Schiff. Deshalb das französische Bett!“ Ach, und weshalb das 1,80 Meter-Bett für den Schiffs-Boss? „Na ja, ich passe da wohl ins Klischee vom Matrosen. Ich kenne an den diversen Anlegestellen nette Mädels. Oder lerne sie kennen, wenn ich zum Schwof bin. Na ja, so ist das eben im Leben.“ Damit spielt Reinhard Schröder auf seine gescheiterte Ehe an. „Ich bin seit 1972 Matrose. Bin richtig zur See gefahren, war unter anderem in Skandinavien, Schottland, im Roten Meer, bis Australien, Singapur und Hongkong. Und dann schlug die Liebe ein wie der Blitz. Da habe ich geheiratet, bin von Bord und zur Binnenschifferei gewechselt.“ Die Liebe ging schon nach einem Jahr den Bach hinunter, Reinhard Schröder fährt ihn heute noch auf und ab. Vor allem den „Bach“ Spree oder Dahme. Denn der Rockmusik-Fan transportiert mit seinem 67 Meter langen und 8,20 Meter breiten Schiff hauptsächlich Kies und Zementklinker von KW zum Spreebogen oder ins Zementwerk nach Rummelsburg. Klingt so gar nicht nach Romantik. „Na die Arbeit ist auch nicht romantisch. Aber wenn man im Sommer auf Deck sitzt und die Sonne untergehen sieht, oder die Fischreiher über dem Wasser kreisen, dann hat das schon ne Menge von Romantik.“ Und wenn Sie Glück haben, können Sie Reinhard Schröder und seine „La Paloma“ am Wochenende im Hafen KW sehen. Carmen Krickau