Stand Dezember 2011
Schule nach der Feldarbeit
In Zeiten ohne Radio und Fernsehen brachten drei berühmte Künstlerfamilien einen Hauch von großer weiter Welt in das damals noch sehr beschauliche Dörfchen Groß Köris.
„Als sich die Familien Schäffer, Kremo und Klein  vor über 100 Jahren am Karbuschsee niederließen, waren sie weit über Deutschland hinaus als Varieteekünstler bekannt. Sie wollten hier in einer landschaftlich schönen Gegend nahe Berlin ein Domizil haben, wo sie sich von ihren anstrengenden Gastspielen und Bühnenauftritten erholen und neue Artistenattraktionen oder Programme vorbereiten konnten“, gibt Friedmar John mit einem Blick über den Karbuschsee, wo er selbst seit vielen Jahrzehnten Ruhe und Entspannung findet, Einblick in die Vergangenheit.
„Ab 1960 hatten wir hier ein Wochenendgrundstück und seit 2003 bin ich offiziell Einwohner von Groß Köris“, schmunzelt er.
Dass er sich mit der Geschichte und den vielen kleinen Geschichtchen seines Wohnortes befasst, hat mit seiner früheren Berufstätigkeit nur am Rande zu tun. „Ich war Finanzökonom, zuerst rund 20 Jahre an der Hochschule für Ökonomie in Berlin und dann in leitender Stellung im Bankwesen der DDR“, verrät er, wo sein Sinn für exakte Zahlen und Angaben herkommt.
Sein historisches Interesse ist ein Hobby, das er sehr akribisch betreibt. „Man muss oft auf persönliche Erinnerungen und private Schriftstücke zurückgreifen. Das ist sehr interessant. Aber man muss immer vorsichtig sein. Nicht alles, was früher niedergeschrieben wurde, hält einer späteren Überprüfung stand.“
Die Grundstücke der drei berühmten Artistenfamilien nahmen nahezu das gesamte Südufer des Karbuschsees ein. Die Details ihrer Familiengeschichte sind aber bei weitem nicht das Einzige, was Friedmar John umtreibt. Im Jahre 2008 war die gemeinsam mit Jutta Spigalski herausgegebene Broschüre „Groß Köris – Eine Perle zwischen den Seen“ mit vielen Beiträgen zur Ortsgeschichte erschienen.  Die hatten ein unerwartet breites Echo ausgelöst. „Ich erhielt unzählige Anrufe, wurde beim Einkaufen angesprochen. Es gingen sehr viele Hinweise und Ergänzungen.“
Was blieb, als sich erneut über die Geschichte des Ortes her zu machen? Jetzt liegt eine ergänzende Materialsammlung mit Themen vor, die in der Broschüre von 2008 nicht vor kamen oder die deutlich erweitert werden konnten wie zu den Gründerjahren, zu einzelnen Gebäuden wie Bahnhof, Post, Sparkasse oder Kino und zu alteingesessenen Gewerbeunternehmen oder Familien. „Einige der gefundenen Papiere befanden sich in vergessenen Koffern oder Blechkisten.
Manche der Familiengeschichten reichen bis zum Dreißigjährigen Krieg, also über 350 Jahre zurück“, ist John völlig begeistert.  
Noch denkt er allerdings nicht an eine Veröffentlichung seiner neuen Wissensschätze: „Mir geht es vor allem darum, dass die Fakten nicht untergehen und später unwiederbringbar verloren sind, weil ja viele der Einwohner, die heute noch so viel wissen, nicht immer die Jüngsten sind.
Außerdem meint meine Frau, ich schreibe etwas zu trocken“, schmunzelt der muntere 83-Jährige. Wenn sich allerdings ein Geldgeber findet, wäre er wohl der Letzte, der sich gegen eine gedruckte Fassung sperren würde.
Bis dahin wartet er allerdings nicht, sondern gräbt weiter fleißig neue Fundstücke aus der Geschichte von Groß Köris aus. Er weiß beispielsweise, dass die Kirche beim Bau heute nur unvorstellbare 65 451 Mark gekostet hat, allerdings ohne Glocken, weil das Metall im Ersten Weltkrieg anderweitig „gebraucht“ wurde.
Er sitzt derzeit über einem Aktenstapel zur Schulgeschichte, die mit dem Schulgehöft ab dem Jahre 1768 belegbar wird. Manch ein Schüler von heute würde sich freuen, wenn es wie damals keine Noten geben würde.  Tauschen würde aber dennoch wohl niemand, weil Schule damals immer nur stundenweise vor oder nach der schweren Feldarbeit stattfand.
Infos: Tel. 03 37 66/6 24 45
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