Vom Fischer und seinem Boot

Einen „echten Fischer“ gibt es noch in Binz, den letzten seiner Zunft. Denn der traditionelle Broterwerb lohnt sich heute kaum mehr!Jürgen Kuse ist Küstenfischer und der einzige Fischer in Binz. Ihn zu finden ist nicht allzu schwer. Südende der Strandpromenade und dann immer der Nase nach.Der Geruch von frisch Geräuchertem, der sich sanft über die Promenade legt, weist sicher den Weg. Heute bin ich mit Jürgen Kuse verabredet, er will nach seiner „Ernte” sehen und ich bin dabei. Zu unchristlicher Zeit, frühmorgens um vier stehe ich verschlafen am Strand. Es dämmert bereits, nicht lange und die Sonne schlägt mit voller Kraft wieder zu.„Guten Morgen”, reißt mich der Gruß aus meinen Träumen, „dann wollen wir mal”, sagt's und macht das Boot startklar. Einen Kutter hatte ich erwartet, wie er die Leute von Sassnitz nach Stubbenkammer schippert. Aber diese Nußschale? Na, er wird es schon wissen, denke ich mir. Unterwegs zu seinen Fanggründen erfahre ich, daßJürgen Kuse schon in vierter Generation das Geschäft betreibt. „Meist fährt mein Vater mit raus, er kann ohne die Fischerei nicht sein”, erzählt er. „Fischsaison ist das ganze Jahr über”, erklärt Jürgen Kuse auf meine Frage, ob ein Fischer Winterschlaf hält und welche Fische er aus der Ostsee holt. Von Hering im Frühjahr erzählt er und daß man da schon mal zwei Tonnen an einem Tag rauszieht. Diese Masse stelle ich mir vor, um mich herum in diesem schaukelnden Kahn. Dabei ist kaum Seegang, friedlich liegt die Ostsee da. Doch selbst der Appetit auf den von mir so geliebten marinierten Hering verspüre ich nicht mehr, eher das Gegenteil.Dorsch, Flunder, Aal und Lachs höre ich noch, dieFischer Kuse aus der Ostsee holt.„Im Sommer fahre ich nicht jeden Tag hinaus” berichtet er, „da wird nur gefangen, was über Laden und Gaststätte abgesetzt wird. Angefangen habe ich mit einer Räuchertonne, die Nachfrage war so groß und so haben wir zwei Räucheröfen stehen, die fast immer in Betrieb sind”.Endlich sind wir angekommen, Fischer Kuse kontrolliert die ausgelegten Aalschnüre. „Da gibt es genaue Vorschriften, wie oft die Geräte zu prüfen sind und der Fang eingebracht werden muß.”Diesmal ist es wohl nicht die Welt, was da am Haken hängt. Schade, und ich wollte den Fischer mit einem Riesenfisch ablichten. „Erfahrung und Gewässerkenntnis sind das eine”, lasse ich mir erklären, „Wetter und das berühmte Stückchen Glück oder Pech eben das andere”.Inzwischen habe ich mich an das Schaukeln gewöhnt und es kommt wie es kommen mußte, ich kann mir die Frage nach der Romantik nicht verkneifen. „Klar gibt es sie, die Romantik, ein schöner Sonnenaufgang beispielsweise. Aber manchmal ist eben Nebel ohne Ende, da verläßt einen die Romantik. Eigentlich ist jeder Tag anders, das macht einen besonderen Reiz in meinem Beruf aus”, schwärmt Jürgen Kuse.Auf der Rückfahrt erfahre ich noch, daß es für jede Fischart spezielle Fanggeräte gibt. Soll Dorsch gefangen werden, ist auch fast nur Dorsch im Netz, geht man auf Flundern, dann holt man fast nur diese raus.Eine Tatsache, die ich als Binnenländer wohl nie so recht begreifen werde. Muß ich ja auch nicht. Es gibt ja Jürgen Kuse und seine Kollegen an der Küste. Zum Abschied will ich noch wissen, was ein Fischer macht, wenn er nicht fischt. „Da geht es in den Süden. Im Sommer sind wir hier voll eingebunden, aber in den Herbstferien holen wir den Sommerurlaub nach.” Dann gute Reise der Fischerfamilie und uns guten Appetit. Das Buchenholz im Räucherofen knistert bereits wieder.