Historie und Histörchen
Vierzehn Gemeinden sind es, die zum Amt Altdöbern gehören, dazu noch deren dreizehn Ortsteile und jeder dieser Orte könnte mit seinen Geschichten so manche Seite im Geschichtsbuch füllen. Eine der wohl unbekannteren Gemeinden ist der kleine Ort Ranzow. Doch auch dieser hat seine Geschichte – und Anekdoten zu erzählen:So erinnert man sich noch heute mit Schmunzeln an das Dorf-Original Fritz Schöschki, der bis zum Ableben in den fünfziger Jahren für Aufsehen sorgte. Normalerweise produzierte er Butter, Quark und Eier, die er mit der Leiterkarre zum Markt nach Calau, Senftenberg, Großräschen oder Altdöbern schaffte. Als guter Freund des Alkohols wurde er dann auf dem Heimweg so manches Mal von der Müdigkeit überfallen und schlief auf seiner Karre ein. „Gute Freunde“ drehten dann den Wagen während seines Schlafes um – und der alte Schöschki landete wieder in Calau oder Altdöbern oder ...

Eines Tages in den 20er Jahren, das genaue Datum ist nichtüberliefert, kam Fritz Schöschki wieder einmal betrunken zu Hause bei seiner Schwester an, mit der er in einem kleinen Fachwerkhaus mit ebenso kleiner Scheune und Stall lebte. Beide gerieten in Streit, er wollte seine Schwester verprügeln. Diese flüchtete in die Scheune auf das bereits eingefahrene Getreidestroh und zog die Leiter hoch, woraufhin der Bruder erbost rief: „Dich werde ich schon kriegen!“, und kurzerhand die Scheune anzündete. Die Schwester rettete sich mit
einem kühnen Sprung – der Bruder kam ins Gefängnis.

Sehenswert ist heute die Wassermühle in einem Tal am nordwestlichen Rand des Dorfes. Sie wurde bereits 1718/19 in Zusammenhang mit dem „Wassermüller“ Matthias Dahlitz urkundlich erwähnt. Sie befindet sich seit 1725 im Familienbesitz, nur der Nameänderte sich 1929 von Petsch in Naboth. Seit 1950 ist sie nicht mehr in Betrieb. Viel würde solch ein altes Anwesen berichten, wenn es sprechen könnte. Etwa von den zu leistenden Abgaben und Dienstbarkeiten für die Gutsherrschaft oder der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als russische Soldaten den Mühlenteich plünderten, um ihren Speiseplan durch frischen Fisch zu bereichern.

Oder vom Mühlenteich selbst, der durch die bergbauliche Grundwassersenkung langsam austrocknete. Oder von den 50er und 60er Jahren, als sich in der Mühle das Bürgermeisterbüro befand. Dem damaligen Mibesitzer Oskar Schubert drohte man beispielsweise mit Haft, da er sich vehement der Genossenschaftsbildung in der Landwirtschaft widersetzte. Die Haftpläne selbst entstanden in besagtem Büro in Schuberts eigenem Haus. Die Mühle war immer auch Gelegenheitsarbeitsstätte für wandernde Gesellen, zog zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts einen großen Musikliebhaber an, der die freie Zeit, während die Mahlsteine mit Getreide versorgt waren und sich auch ohne sein Zutun drehten, mit Geige spielen ausfüllte, einmal wohl mit solcher Hingabe, daß es ihn selbst umwarf.Er fiel rittlings vom Mehlboden bis hinab in den Keller – sicher auf den Flügeln der Musik, denn er landete unversehrt.Eine Kirche gibt es in Ranzow übrigens nicht, aber im Nachbarort steht dafür ein ganz besonderer Sakralbau: die Flachskirche zu Reddern, die ein traditionelles Anbauprodukt der Niederlausitz und das kirchliche Leben des Dorfes unter einem Dach vereint. Der Flachs, auch Lein genannt, wird auf den drei jeweilsüber zwei Meter hohen Böden zum Trocknen ausgebracht, darunter, im Erdgeschoß, befindet sich der Ort zur Sammlung der Christen. Um 1725 wurde von der damaligen Gutsherrschaft in Reddern, von Drost, die ursprüngliche kleine Feldsteinkirche aus dem Mittelalter zu diesem „Mehrzweckgebäude“ umgebaut und erweitert. Reddern bildete gemeinsam mit dem benachbarten Pritzen die evangelische Kirchen-gemeinde „Pritzen-Reddern“. In Pritzen wurden sogar Überreste eines hölzernen Vorgängerbaus aus romanischer Zeit gefunden

Blick auf die Gemeinde Lug.
Unweit von Pritzen erstreckte sich das „Tal der sieben Mühlen“. Gespeist wurden die auf kleinem Raum zwischen Cunersdorf und Buchholz gelegenen Mühlen vom bis heute im Volksmund als Siebenmühlenfließ bezeichneten Gewässer. Heute zeugen nur noch drei Gebäude von der einstigen Existenz der Mühlen. Die Reihe der Wassermühlen nahm vor Cunersdorf ihren Anfang mit der Neuen Mühle, als deren Besonderheit galten die zwei Wasserräder. Das Mühlenhaus stand bis zum Ende der 80er Jahre. Die Halang-, Luboch- und Schniegelmühle sind bereits auf einer Karte aus dem Jahre 1757 eingezeichnet, aber schon um das Jahr 1500 gab es die Schniegelmühle und um die Sandmühle gar wurde bereits im Jahre 1456 ein Streit vor dem Gericht zu Drebkau ausgetragen.

An historischer Bausubstanz können fast alle Ortschaften des Amtes Altdöbern ein Gutsherrenhaus aufweisen. Für das heutige Schloß Altdöbern, ein Bau aus dem 18. Jahrhundert, umgebaut zum Ende des 19. Jahrhunderts, erbrachten neueste archäologische Grabungen den Nachweis einer mittelalterlichen Wasserburg als früheste Bauphase. Auch den späteren Barockbau umschlossen Wassergräben. Erst unter Carl Heinrich von Heineken wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts das bisherige Wasserschloß durch das Zuschütten des vorderen Grabens mittels einer breiten Landbrücke mit der Ortschaft verbunden. Für die ehemaligen Herrenhäuser in Lug und Lipten besteht berechtigter Anlaß, eine frühdeutsche Wehranlage als erste Bebauung zu vermuten.

In der nächsten Auflage unserer Bürger- und Besucherinformation sollen dann die anderen, heute nicht genannten Gemeinden, wie Bahnsdorf, Buchwäldchen oder Muckwar, wie Ressen oder Schöllnitz zu Wort kommen. Vielleicht besuchen wir dann die Geisendorfer, die inzwischen in Neupetershain in schmucken neuen Häusern wohnen werden. Von den Buchweizenspezialitäten der Plinsdörfer um Gosda ist ja schon hier im Heft zu lesen und der Wasserspiegel in den entstehenden Seen der ehemaligen Tagebaue Gräbendorf-Greifenhain wird bis dahin auch schon kräftig gestiegen sein.

Petra Petrick