Jubiläum mit Überraschung

Geheimnis ums Brieselanger Gerätewerk gelüftet!

Viele Brieselanger erinnern sich noch an das Gerätewerk als hochbewachte Produktionsstätte. Doch welche Geheimnisse verbargen sich hinter den geschützten Mauern? Darüber gibt es am Ort noch immer Rätselraten.
Wir machten uns auf die Spurensuche und konnten Werner Deuschle ausfindig machen. Er war von 1983 bis 1990 Betriebsdirektor des VEB Gerätebau Brieselang, des innovativsten technischen Betriebs des Kreises Nauen, wie sich bald herausstellen sollte.
Das Werk war 1949 mit 13 Geophysik-Fachleuten gegründet worden. „Die Sowjets wollten dadurch verhindern, dass alle Spezialisten in den Westen gehen.“ Der Name Geo-Werk stammt aus dieser Zeit. Erzeugnisse waren Geräte zur Erderkundung wie Geophone, Multigrafen und geomagnetische Feldwaagen. Hinzu kamen später Galvanometer und Schichtdickenmesser. Der Bedarf an diesen Geräte war allerdings gering, der Betrieb dümpelte so dahin. Der Aufschwung kam mit der Elektronik in Form der Schaltverstärker und Temperaturfühler für die Schwarzenberger Waschautomaten. Davon wurden bis zu 400 000 Aggregate jährlich gebaut.
Der militärische Teil der Produktion begann ganz zivil, nämlich mit der Musterproduktion von Kreiselanlagen für das geplante erste deutsche zivile Düsenflugzeug, das in den späten 1950-er Jahren in Dresden entwickelt wurde. Kreiselanlagen erleichtern die Steuerung von Luftfahrzeugen, sind Bestandteile des Autopilot und sind in jedem Flugzeug mehrfach vorhanden. Die Produktion der B-152 wurde allerdings nach dem Absturz des Prototyps aufgegeben. Zeitzeugen wie Lutz Wiegel benennen als Ursache einen Fehler in der Kraftstoffpumpe und sehen eine Anweisung der Sowjets als maßgeblich für die Einstellung des ehrgeizigen Projekts.
Dennoch wurden in Brieselang noch bis 1993 Kreiselgeräte hergestellt. Sie wurden beispielsweise für Messwagen der Bahn genutzt. Die letzte Kreiselanlage war dort bis 2004 im Einsatz. Die DDR-Volksmarine zeigte bald Interesse an diesem Können, hatte sie doch Kreiselanlagen aus der Sowjetunion auf den Kriegsschiffen im Einsatz. Diese Aggregate unterschiedlicher Bauart mussten regelmäßig gewartet werden. So begann eine jahrelange Zusammenarbeit mit der Marine. Nächster bedeutender Auftrag war die Entwicklung eines Minenzündgerätes für große Seeminen, die zum Schutz der DDR-Häfen von der Sowjetunion gekauft wurden. Der DDR waren die sowjetischen Zündgeräte zu unsicher. Allerdings, die Minen und damit die Zündgeräte kamen nie zum Einsatz. Eine neue Generation von Zündgeräten, die zwischen eigenen und fremden Schiffen hätte unterscheiden können, war 1989 angedacht, wurde dann aber nicht mehr realisiert.
Mit einem Volumen von 40 Millionen Mark wurde in Brieselang zwischen 1985 und 1988 das größte Investitionsvorhaben in der Geschichte des Werks für den militärischen Bereich realisiert. Es sollten jährlich 2000 Spiegelköpfe für ein Feuerleitsystem zur Modernisierung des Panzers T55 gefertigt werden. Dazu entstanden ein Montagegebäude mit Reinräumen, eine neue Vorfertigung, eine Galvanik, ein Heizhaus, eine Wasserversorgung und Abwasserbehandlung und zwei Wohnblöcke. Noch vor der Wende wurde im Zuge eines Abrüstungsabkommen die Verschrottung von 20 000 Panzern vereinbart! Damit war die Anlage in Brieselang hinfälllig.
Auch die Staatssicherheit gehörte zum Kundenkreis. Sie kaufte Türsicherungsanlagen für den Objektschutz.
Für die Ökonomie des Betriebes, so Werner Deuschle, war die Militärproduktion eher störend. „Dieser Bereich machte nie mehr als zehn Prozent der Produktion aus, band aber große Teile der Entwicklungskapazitäten. Die Preisbildung wurde besonders streng überwacht. Durch die unterschiedliche Bezahlung der Beschäftigten herrschte im Betrieb ständig Unfrieden. Gegenüber vergleichbaren westlichen Rüstungsgütern bestand fast permanent ein technischer Entwicklungsrückstand von über zehn Jahren, den man mit teilweise sehr übertriebener Geheimhaltung zu vertuschen suchte“, so Deuschle weiter. Der Gerätebau Brieselang wurde nach der Wende liquidiert, ist aber nicht untergegangen. Auf dem Gelände existiert jetzt ein Gewerbepark mit sechs Eignern und über 250 Beschäftigten. Der größte Arbeitgeber ist die Aludruckguss. Die Kreativität der Brieselanger Ingenieure wird weiter genutzt. Werner Deuschle gründete 1992 mit vier Technikern die Gerätetechnik Brieselang GmbH, die sich auf maßgefertigte Ultraschallreinigungsautomaten spezialisiert und den guten Ruf der Innovationen aus Brieselang in der Welt weiter aufrechterhält.

Infos Tel. 03 32 32/4 15 30

Werner Deuschle kam 1983 als Leiter an das Gerätewerk Brieselang. Mit Waschmaschinen-Teilen (rechts) und Wehrtechnik wie der Kreiselzentrale waren die Innovationen aus dem Havelland teilweise technische Vorreiter.

Das erste zivile Düsenflugzeug Deutschlands, die B152, wurde nach einem Absturz aufgegeben.