Wandern in der Mark Brandenburg
„Wer in die Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, zumindest keine Voreingenommen-heiten”, schrieb Theodor Fontane 1864 im Vorwort zu seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg”. Weniger wohlmeinende Zeitgenossen titulierten den Landstrich abfällig als „die Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches” und nannten die Märker maulfaul, mißtrauisch und dickköpfig. Fontane konnte daher recht bissig werden, wenn es um seine geliebte Heimat ging. Schätzte der Dichter doch die sanft geschwungenen Hügel, die unzähligen kleinen und größeren Seen und die schattigen Alleen in der Mark. Spitz bemerkte er: „Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben.” Tun wir es dem großen Meister gleich und begeben uns mit aufmerksamen Blicken erst einmal auf die Reise durch Brandenburg.

Die Stadt im Land
Unser Amt Emster-Havel liegt vor den Toren von Brandenburg. In die Havelstadt, die im vergangenen Jahr ihren 1050. Geburtstag feierte, locken uns der Dom und das Museum im Frey-Haus. Die Grundsteinlegung für den Brandenburger Dom erfolgte 1165. Im 14. und 15. Jahrhundert erfolgte ein beträchtlicher Umbau. Das Dommuseum ist in den einstigen Klausurräumen des Chorherrenstiftes der Prämonstratenser untergebracht. In dieser Schatzkammer wird die kostbare Handschrift „Das Brandenburger Evangelistar” gezeigt.
Zu bestaunen ist auch die Gründungsurkunde des Bistums Brandenburg durch Otto I. aus dem Jahre 948. Das kostbarste Stück der Textilsammlung ist das um 1290 entstandene „Hungertuch”.

Im 1723 erbauten Frey-Haus in der Ritterstraße schlagen besonders Kinderherzen höher. Im einzig erhaltenen barocken Gebäudekomplex findet man neben Heimatgeschichte Spielzeug von Ernst Paul Lehmann: aufziehbare Blechautos, Kletteraffen und Motorradfahrer. Von der riesigen Modelleisenbahn sind große und kleine Fans fast nicht wieder wegzubekommen.

Brandenburg
Im Garten erblicken wir einen hölzernen Roland, das Wahrzeichen des Stadt. Ganz Neugierige erfahren hier auch, woher die vielen Löcher in seinem Körper stammen. Wenige Meter entfernt erreicht man das Altstädtische Rathaus, vor dem ein steinerner Roland wacht. Eine Seltenheit bietet die romanische Kirche St. Gotthard am Gotthardwinkel. Auf einem Gobelin aus dem 15. Jahrhundert kann man erfahren, wie einst die Einhornjagd stattfand. Ein festlicher Abend im Brandenburger Theater sollte den Besuch in der Stadt im Land krönen. In der 182. Spielzeit lockt das Haus mit Premieren wie „Dracula”, „Gräfin Mariza” oder „Heut geh'n wir morgen erst ins Bett”. Den letzten Tip kann man sich für Brandenburg ruhig einmal öfter vornehmen.

Zisterzienser-Kloster Lehnin
Die Region hat eine große Zahl grandioser Bauwerke zu bieten. Eines der wichtigsten davon kann man in Lehnin bewundern. Über das Zisterzienser-Kloster Lehnin notierte einst Fontane: „Lehnin war nicht nur das älteste Kloster in der Mark, es war auch das reichste, das begütetste, und demgemäß war seine Erscheinung... Der stattliche Mittelpunkt des Ganzen, die zahlreichen Giebelüberragend, war und blieb die hohe Klosterkirche.”
Das Kloster wurde 1180 gegründet, und bald darauf begann man mit dem Kirchenbau. 1262 oder 1270 erfolgte die Weihe der Kirche, die bis zur Aufhebung des Klosters im Jahre 1542 unverändert blieb. Von dem ehemaligen Kloster existieren noch einige Gebäude. An der für Fahrzeuge heute gesperrten Zufahrt zum Kloster steht das Falkonierhaus aus dem späten 15. Jahrhundert, in dem einst die Falkoniere des Großen Kurfürsten wohnten, und das sogenannte Königshaus, das um 1400 erbaut wurde. Der prächtige Schaugiebel ist mit Maßwerkblendfenstern und Schmuckfriesen verziert. Ein geführter Rundgang durch das Kloster ist täglich möglich. Besonders interessant ist der Schnitzaltar aus dem Jahre 1476. In seinem Mittelschrein sind unter Maßwerkbaldachinen zwischen vier weiblichen Heiligen Tod und Krönung Marias dargestellt. Die zwölf Apostel in den Flügeln wurden zum Teil ergänzt.

Raubritterarme gestohlen
Die Kirche im nahen Golzow entstand zeitgleich mit der Trechwitzer Kirche beim Kampf der von Rochows um den Bau der dicksten Dorfkirche im Jahr 1750. Wohl wissend, daß der achteckige Bau eigentlich nur Herrscherhäusern vorbehalten war, nutzte man in Golzow den ungewöhnlichen Grundriß um zu protzen. Eine nette Episode ist leider fast in Vergessenheit geraten. Einst zierten zwei zum Schwure erhobene eiserne Arme von Raubrittern das Kircheninnere. Sie sollen aus jener Zeit stammen, als man zwei Raubritter auf frischer Tat erwischte. Das Urteil lautete kurz und bündig: „Arm ab!” Da beide jedoch verzweifelt alle heiligen Eide schworen und Besserung gelobten, ließ man Gnade vor Recht ergehen. Die beiden Arme der Rüstung der Unholde wurden jedoch an der Wand befestigt als Mahnung an ihren Schwur. Leider wurden diese Arme offenbar schon vor Jahren gestohlen.

Ist man erst einmal in Golzow, sollte man sich auch noch etwas Zeit für eine Schulstunde nehmen. In Reckahn steht eine Schule für 900 Taler, die heute ein interessantes Museum beherbergt. Im Jahre 1772, als diese erste preußische Landschule gebaut wurde, waren die 900 Taler ein Batzen Geld. Kurze Zeit später, im Januar 1773, öffnete die Land-Volksschule den Kindern der Umgebung ihre Pforten. Zwei Klassen galt es damals zu absolvieren, „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht”, steht am Giebel des Gebäudes. Heute beherbergt es ein Museum und die Gedenkstätte für Friedrich-Eberhard von Rochow, der das preußische Schulwesen ankurbelte. Viel gibt es zu bestaunen. Ein Klassenzimmer ist eingerichtet wie einstüblich: Schiefertafeln, Griffel, Schulmappen, Gänsekiele, Tintenfässer, Rechen- und Lesekästen. Auf dem erhöhten Lehrerpodest liegt der einst so gefürchtete Rohrstock. Im nahen Schloß verfaßte von Rochow das erste Volksschullesebuch „Der Kinderfreund”.