Seelsorge mit Blaulicht!
Das Zugunglück von Eschede ist noch in aller Gedächtnis, doch fast täglich kommt es zu für die Betroffenen ähnlich tragischen Ereignissen auf unseren Straßen, auch wenn die längst nicht so spektakulär sind. Doch wenn jemand aus dem Leben gerissen wird, ist es fast immer ein schlimmer Schlag für die Angehörigen und bedeutet eine oftmals lange nicht bewältigbare seelische Belastung für die Helfer. Um dem zu begegnen, entstand auf Initiative des Pfarrers Peter Sachse aus Jeserig das bundesweit modellhafte Projekt „Notfallseelsorge“. Unser Mitarbeiter Reinhard Witteck besuchte den Pfarrer und sprach über sein Projekt.

Sie stehen für eine psychische Begleitung der Betroffenen in außergewöhnlichen Krisenlagen. Wie erfolgreich sind Ihre Bemühungen bisher gewesen?
Peter Sachse: Im Land Brandenburg ist die Einrichtung von 14 Sondereinsatzgruppen „Betreuung“ abgeschlossen worden. Jeder Landkreis verfügtüber so eine Sondereinsatzgruppe, die im Großschadensfall alarmiert werden kann. Diese Gruppen sind mit einem Kombi-Fahrzeug ausgerüstet, so daß eine Helfer-Erstbesetzung von sechs Kräften am Schadensort sichergestellt werden kann. Diese Einsatzkräfte tragen eine grüne Warnweste mit der Aufschrift „Betreuung”.

Worin bestehen deren Aufgaben?
Peter Sachse: Das ist die Betreuung von unverletzten, aber auch vom Geschehen betroffenen Personen, die Mitarbeit bei der Betreuung von Hilfebedürftigen sowie die Mithilfe bei der Registrierung, Aufnahme und Unterbringung dieser Menschen. Spektakuläre Großeinsätze, wie die Betreuung der Angehörigen nach dem Birgen-Air-Absturz im Januar 1996 in der Dominikanischen Republik und die Versorgungseinsätze während der Oder-Flut 1997, waren Beleg dafür wie wichtig unsere Arbeit ist. Aber auch bei der ICE-Katastrophe in Eschede wurde erneut deutlich, daß die ehrenamtlichen Helfer mit den Ausmaßen des ihnen begegnenden Leides baldüberfordert sein können. Die einseitige Ausrichtung auf den kommunikativen und seelsorgerischen Gesichtspunkt der Betreuung, hat es schnell als sinnvoll erwiesen, hier auf das bestehende Angebot der Notfallseelsorge zurückzugreifen.

Worum geht es bei diesem bundesweit einmaligen Projekt?
Peter Sachse: Aus diesen Erfahrungen heraus entstand bei mir die Idee, die Qualität der psychischen Betreuung für den Großschadensfall durch die Notfallseelsorge und Krisenintervention zu optimieren und auch für Unfälle im täglichen Leben zu nutzen. In den Teams sind Pfarrer, Psychologen sowie therapeutisch arbeitende Mediziner vertreten. Erkenntlich sind sie an ihren grünen Jacken mit der Aufschrift „Notfallseelsorge”. Diese Gruppen sind gedacht als Ergänzung zu den Sondereinsatzgruppen „Betreuung”. Inzwischen sind wir erfreulicherweise dazu übergegangen, diese Notfallseelsorge auf der Ebene der zehn Landkreise in Brandenburg zu organisieren. Leider wetteifern drei Landkreise dabei untätig um die rote Laterne.

Warum engagieren Sie sich als Pfarrer für so ein Projekt?
Peter Sachse: Wir hatten hier von 1993 bis 1996 im Jahr durchschnittlich sechs Verkehrstote auf den zehn Kilometern Bundesstraße im Amtsbereich. Oftmals kennen die Helfer die verunglückten Menschen als Personen aus der Nachbarschaft. Das ist sehr belastend. Da können wir Feuerwehr, Rettungsassistenten und Ärzte doch nicht allein lassen.