Graues und Gelbes Elend

Die AEG „küsste“ Hennigsdorf wach: Ab 1912 wurde hier alles, was auch nur annähernd mit Elektrotechnik zu tun hat, produziert. Die Palette ging vom Haartrockner bis zum Flugzeug.
Vorher hatte der Ort eher ein unscheinbares Dasein gefeiert: Bei der Ersterwähnung 1375 zählte man lediglich neun Häuser und selbst zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es nicht viel mehr: 226 Bewohner hatte die Stadt damals.

Auch damals dachte man schon an viel Grün, wie der Rathenau-Park zeigt.

Die rasante Stadtentwicklung läßt sich besonders gut an den steinernen Zeitzeuge nachvollziehen. Sehr interessant ist deshalb ein Bummel durch die heute unter Denkmalschutz stehende Rathenau-Siedlung, der der AEG-Chef Walther Rathenau seinen Namen gab. Von 1911 bis 1930 wurde dort unter der Federführung des in den künstlerischen Beirat der AEG berufenen Professors Peter Behrens gebaut.

Je nach Kassenlage entstanden großzügigere Gebäude, wie in der Rathenaustraße 14/15 das „Rote Schloß“. In schlechten Zeiten, wie nach dem Ersten Weltkrieg, wurde so sparsparsam wie möglich gebaut. Die Häuser in der Paul-Jordan-Straße entstanden in dieser Zeit. Sie wurden mit Schlackensteinen errichtet und nicht mal verputzt. „Graues Elend“ betitelten sie deshalb die Bürger.

Auf der andere Straßenseite war Architekt Jean Krämer verantwortlich. Er ließ seine Häuser verputzen und gelb anstreichen, weshalb der Volksmund das „Gelbe Elend“ daraus machte.

Gelbes Elend titulierten die Hennigsdorfer diese Häuser der Rathenausiedlung.

Bei anderen Straßenzügen war wohl wieder mehr Geld vorhanden. Nette Details und architektonische Spielereien kann man in der Volta- und Wattstraße finden. Auch das Stahlwerk errichtete eigene Wohnungen. Die Heimstättensiedlung sollte eine Gartenstadt vom Reißbrett mit der Struktur eines Angerdorfs werden. Um einen zentralen Platz gruppieren sich die Wohnhäuser, unterbrochen von Grünflächen.

Allerdings waren die sanitären Anlagen stark unterentwickelt: Bis in die fünfziger Jahre teilten sich zwei Familien eine Toilette. Die bestand aus einem eineinhalb Quadratmeter kleinen Raum, in dem ein mit einer Holzbrille abgedeckter Eimer stand. Und somit sprach man von der ansonsten reizvollen Wohnsiedlung als „Eimersiedlung“.

Seine logische Fortsetzung nahm der Wohnungsbau in der DDR. Mit der Siedlung Hennigsdorf-Nord entstand ein „sozialistischer“ Stadtteil, dessen Wohnungen der Dramatiker Heiner Müller einmal grobschlächtig als „Fickzellen mit Fernheizung“ beschrieb. Dessen ungeachtet waren viele Familien damals froh, eine „Vollkomfort-Wohnung“ mit Zentralheizung und warmem Wasser zu erhalten. Heute ist der größte Teil der Siedlung saniert und dadurch sehr wohnlich geworden.

Mittlerweile sind die Ansprüche an die Wohnqualität ganz andere und damit verbunden ist eine viel aufwendigere Bauweise. Und Hennigsdorf wächst weiter – das letzte neue Viertel ist in Nieder Neuendorf entstanden. Selbstverständlich an der Havel und gleich mit einem Marina. Von soviel Komfort kann mancher auch heute nur träumen.