Hennigsdorf hatte lange Zeit
eine eigene Straßenbahn

Mit der Benzolbahn ins Umland

Als Versuchsstrecke für Schienenfahrzeuge möchte Hennigsdorf weiterhin Industriegeschichte schreiben – in Anknüpfung an die lange Geschichte im Lokomotivenbau. Wer würde sich da erinnern, dass Hennigsdorf zu den Pionieren bei den örtlichen Straßenbahnen gehörte?
Heute wäre man vielleicht froh, würde sie noch rollen, die umweltfreundliche und gemütliche Straßenbahn, die den Hennigsdorfern lange Jahre kurze Wege bescherte.
Von 1923 an fuhr die Kleinbahn von Spandau zur Rathenaustraße. Vorher gab es etlichen Klärungsbedarf. Denn gleich vier Grundstücks- oder Schieneneigentümer mussten mitmachen: So ging es die ersten 4,3 Kilometer vom Bahnhof Spandau West bis zur Schönwalder Allee auf den Schienen der Berliner Straßenbahn. Zwischen Spandau-Johannisstift und Nieder Neuendorf ging es weiter auf der Trasse der „Osthavelländischen Kreisbahnen“, kurz OHKB. Dann ging es auf die Gleise der AEG auf dem früheren Munitionslager. Und schließlich baute die AEG noch einen 1,5 Kilometer langen Schienenstrang zur Rathenaustraße, war die Bahn für ihre Mitarbeiter doch sehr wichtig. Los ging’s mit einer Benzolbahn. Die technischen Daten hören sich durchaus nach Komfort an: Ein Sechs-Zylinder-Vergasermotor sorgte für stolze 40 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit. Ein für damalige Verhältnisse fortschrittliches Vierganggetriebe ermöglichte eine gute Ausnutzung des Drehmoments. Der Erfolg blieb nicht aus: Schon bald musste bei einer Taktfrequenz von acht Fahrten am Tag ein dritter Wagon angehängt werden. Die Berliner konnten allerdings nur bis 1929 „mit der Benzolbahn ins schöne Umland“. Dann übernahm die BVG die Linie 120, stellte sie auf elektrischen Triebwagen um und verlängerte die Trasse bis zum Bahnhofsvorplatz. Selbst der Krieg konnte der Straßenbahn wenig anhaben, sie fuhr und fuhr –bis sie nicht mehr ins Bild der Besatzungsmächte passte. Der Bau des Kanals von Nieder Neuendorf nach Paretz und die Errichtung der Brücke trennte die Bahntrasse bei Nieder Neuendorf. Die unliebsame Verbindung nach Spandau war gekappt. Kurze Zeit später wurde die Straßenbahn dann eingestellt.

Die letzten Tage der Linie 120.

1929 wurde die Benzolbahn (r.) von der Elektrischen abgelöst.

Nieder Neuendorf Bahnhalt im Jahre 1920.