Mathe-Pauker gingen die Zahlen auf den Keks

Vom Star-Orchester zum Blas-Orchester

Selbst einem „Pauker“ können Mathe und Physik irgendwann mal auf den Keks gehen. Und was dann?
„Dann wurde ich eben Musiker und gründete eine Band“, so Helmut Schneider. Nach 20 Jahren schnöder Zahlen und Formeln stürzte er sich in die Welt von Glamour und Stars und verhalf über lange Jahre Show-Biz Größen wie Frank Schöbel oder Dagmar Frederic zu gelungenen Auftritten. Während sich die Künstler im Jubel des Publikums sonnten, sorgte der Ex-Pauker aus Lehnitz mit seiner Band „Color“ für musikalische Farbe. „Wir waren eine der gefragtesten Begleitbands in der DDR“, resümiert der mittlerweile 68-jährige Instrumentensammler. Mit von der Partie waren Schlagzeuger Joachim Kluge, der „Dampfhammer aus Erkner“ und Sängerin Brigitte Künzel aus Leipzig.
Doch mit dem Ruhestand konnte sich der Star-Musiker und Ex-Pauker nicht abfinden. Vielmehr haut er nun erst recht auf die Pauke. Und zwar bei einem der ungewöhnlichsten Klangkörper, die Oranienburg zu bieten hat. Denn das 40-köpfige Blasorchester ist keineswegs das, was man hinterm Namen erst mal vermuten würde. Hier geht es keienswegs um dumpfe Bierzelt-Seligkeit und zackige Märsche. Stattdessen wird ein Repertoire von Barock über Klassik bis zu Jazz, Rock und Musical zum besten gegeben.
Das würde man kaum denken, wenn man sich in die Geschichte vertieft. Schließlich wurde das Blasorchester 1963 gegründet, um die Entschlossenheit der Oranienburger beim Aufmarsch am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiterklasse, zu untermalen. Georg Neumann, der damalige Vize der Musikschule, sammelte damals Schüler und Militärmusik-Profis „auf Anweisung von oben“ um sich. Wohl mangels interessierter Betriebe bekam schließlich die Volkspolizei den ungewöhnlichen Klangkörper als „Kampforchester“ untergeschoben.
Nach der Wende galt es für das durchaus friedfertige „Kampforchester der Volkspolizei“ sich nach einer neuen Organisationsform umzusehen. Nun wurde unterm Dach eines Vereins weitermusiziert. Denn die Vielfalt des Repertoires und die Professionalität der Musiker war systemunabhängig Erfolgsgarant.
Das könnte man sich bei Rolf-Peter Büttner, der seit fünf Jahren dem Orchester vorsteht, anders nicht vorstellen. Denn der Nachfolger des verstorbenen Gründungsdirigenten ist hauptberuflich als vielseitiger Chef der Musikschule im benachbarten Hennigsdorf bekannt. Dort machte er sich als ebenso kreativer wie wagemutiger Musiker einen Namen. So sorgte der Oranienburger als Schöpfer und Regisseur flotter Musicals für Furore. Pünktlich zu Weihnachten wollen die Oranienburger Blasmusiker nun ihre erste CD für etwa zehn Euro herausbringen.
„Momentan kämpfen wir noch mit dem Problem, welche von den 15 Titeln, die wir aufgenommen haben, wieder runterfliegen. Denn mehr als 13 passen partout nicht auf die Scheibe“, so Vereins-Vize Thomas Sund.
Und noch ein Problem haben die Musikbegeisterten im Alter von 16 bis 70 Jahren: „Bisher hatten wir einen fantastischen Übungsraum in der Märkischen Kaserene. Mit dem Auszug der Bundeswehr verlieren wir unser Dach über dem Kopf. Einen Raum für 40 Musiker zu finden, ist nicht leicht.“
Das dachte sich auch Helmut Schneider und sicherte sich durch seine eigene Band ab: Die Jazz-Combo „6 Richtige“ verzaubert mit Rhythmen „von Swing bis Rock“ und war Initiator vom „Oranienburger Jazzfest“, das zur festen Tradition im Musiksommer der aufstrebenden Kultur- und Erholungsmetropole am Rande Berlins werden soll.

Infos Tel. 0 33 01/53 90 15

Multi-Talent Helmut Schneider und Blasmusik-Vize Thomas Sund (l.) nehmen den Mund manchmal ziemlich voll – dafür hängt bei ihnen der Himmel nicht nur voller schnöder Geigen, sondern sogar voller Kontrabässe!

Die 40 Musiker präsentieren ihre erste CD und haben zugleich das Dach über dem Kopf zum Üben verloren, weil die Märkische Kaserne geschlossen wird.

Mit der Begleitband „Color“ sorgte Helmut Schneider für erfolgreiche Auftritte von Stars wie Dagmar Frederic und Frank Schöbel.